Hilfe für bedürftige Menschen in Hamburg
Der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ unterstützt sozial Schwache, Kranke und Menschen mit Behinderung in der Metropolregion Hamburg Lesen Sie mehr »
Hilfsmittel

"Es ist ein Wunder und Geschenk, dass Arne überhaupt lebt"

Lesedauer: 8 Minuten
Sabine Tesche
Arne lacht gerne mit seinen Eltern Carola und Thomas E.

Arne lacht gerne mit seinen Eltern Carola und Thomas E.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Arne ist schwer behindert. Weil seine Krankenkasse einen Bewegungstrainer für ihn ablehnt, hat der Abendblatt-Verein übernommen.

Hamburg. Schmal und blass ist Carola. Sie ist eine hübsche Frau, der man jedoch die Erschöpfung ansieht. Zu wenig Schlaf, viele Sorgen, zu wenig Zeit für sich und ihren Ehemann Thomas. Das Paar hat ein schwer behindertes Kind: Arne, der vor fünf Jahren als extremes Frühchen in der 24. Woche auf die Welt kam und gemeinsam mit Carola E. vier Monate im Krankenhaus lag, davon drei Monate auf der Intensivstation. Er bekam kurz nach der Geburt Hirnblutungen, entwickelte einen Wasserkopf und als Folge davon eine Zerebralparese.

„Es ist ein Wunder und ein Geschenk, dass Arne überhaupt lebt. Er ist ein Kämpfer“, sagt Carola E. Die Mutter hat ihren Job als Industriefachwirtin aufgeben müssen, die Tage sind gefüllt mit Therapieterminen und der Versorgung des Kindes, denn länger als drei Stunden täglich hält der sehgeschädigte Junge es nicht in der Kita aus. 14 Operationen hat der Kleine schon hinter sich, die letzte war im September, da wurde die Fehlstellung seiner Hüfte korrigiert.

Der kleine Junge liebt seinen Innowalk

Arne ist ein sehr fröhliches Kind, versteht viel, kann Vier-Wort-Sätze sprechen, aber weder frei sitzen, noch alleine stehen. Er kann nur robben. Als Carola E. sagt, dass es nun Zeit für den Innowalk sei, strahlt Arne sie an. „Er liebt dieses Gerät und fordert sein tägliches Training geradezu ein. Der Innowalk gehört für ihn zum täglichen Ritual, das ihm Struktur und Sicherheit gibt. Und er bringt Arne in Bewegung, ergänzt dadurch die Therapien“, sagt Thomas E.

Das medizinische Hilfsmittel der niedersächsischen Firma Made for Movement sieht so ähnlich aus wie ein Stepper aus dem Fitnessstudio, allerdings angepasst auf die 1,02 Meter, die Arne misst. Der Vater setzt ihn rein, schnallt die Beine und den Oberkörper fest, vor seinem Bauch ist ein kleiner Tisch. Den Rest macht Arne allein.

Er drückt auf die Fernbedienung und über ein Liftsystem kommt er in die aufrechte Position, bis er mit seinem ganzen Gewicht auf den Pedalen steht, dann drückt er auf das Hasensymbol – seine Beine fangen an sich zu bewegen, trainieren so die Laufbewegung.

Das Gerät stärkt Gelenke und Muskeln

Arne gluckst vor Freude. Er ist nun mit seinen Eltern fast auf Augenhöhe, sieht die Wohnung um sich herum im Stehen. Mindestens eine Stunde pro Tag übt Arne im Innowalk das Laufen, an dem Tischchen vor ihm klemmt ein Tablet, an dem er gleichzeitig Rechen- und Buchstabenübungen macht. „Für uns ist dieses Gerät derzeit das wichtigste Hilfsmittel, das wir für Arne haben, vor allem seit der Hüft-OP, nach der er sieben Wochen auf dem Rücken liegen musste.

Er kann mit dem Innowalk seinen Bewegungsdrang ausleben, seine Rumpf-, Rücken- und Beinmuskeln sind stärker geworden, er kann dadurch auch besser sitzen“, berichtet der Vater, der hofft, dass sein Sohn dadurch auch das Gehen lernt.

Seit 2018 haben er und seine Frau um das Gerät gekämpft, immer wieder Empfehlungen von Physiotherapeuten, Ärzten und Rehazentren bei der Techniker Krankenkasse (TK) eingereicht. „Das ständige Hin und Her mit der TK ist zermürbend, aber wir brauchen das Gerät, damit wir Arnes motorische Entwicklung fördern können“, sagt Carola E.

Die Eltern haben jeder Ablehnung widersprochen, viele Briefe und Telefonate geführt – bis schließlich der Verein „Hamburger Abendblatt hilft“ die Kosten für die zunächst einjährige Miete und im Dezember 2020 die Anschaffung eines gebrauchten Innowalks übernommen hat. „Wir sind so dankbar für diese Spende, wir hätten uns das Gerät nicht leisten können“, sagt Thomas E.

Die meisten nutzen den Bewegungstrainer privat

Der kleinste Innowalk kostet 15.000 Euro neu oder 470 Euro monatlich an Miete – ein Erwachsener muss für den Innowalk rund 25.000 Euro bezahlen. Der scheinbar hohe Preis entsteht durch eine Kombination aus Entwicklungs- und Zertifizierungskosten als medizinisches Hilfsmittel sowie der komplexen technischen Ausstattung. Einige Rehakliniken haben ihn, doch der motorisierte Trainer wird vor allem privat von Menschen mit schweren Bewegungsstörungen genutzt.

Dort wird das Gerät, das auch die Armbewegung trainieren kann, von einem speziell geschulten Außendienstmitarbeiter, der in der Regel eine therapeutische Ausbildung hat, aufgebaut und an den Nutzer angepasst. „Wir stimmen zudem mit dem behandelnden Physiotherapeuten oder Arzt einen Trainingsplan ab“, sagt Jens Kleine, Außendienstleiter bei Made for Movement.

Techniker Krankenkasse lehnt Kostenübernahme ab

Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen hofft die Firma auf eine Nummer im Hilfsmittelverzeichnis noch im ersten Halbjahr 2021. „Für den Nutzer würde damit das Antragsverfahren gegenüber der Kasse einfacher werden, weil alle formellen Voraussetzungen transparent erfüllt sind. Dennoch muss der Versicherte in jedem Fall genau nachweisen, dass er die körperlichen Voraussetzungen für die Nutzung des Geräts hat und die medizinische Notwendigkeit erfüllt ist. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Klient sich nicht allein bewegen und durch den Innowalk trainiert werden kann“, erklärt Kleine.

Die Techniker Krankenkasse hatte die Kostenübernahme mit der Begründung abgelehnt, dass der Innowalk nicht im Hilfsmittelverzeichnis gelistet und ihrer Meinung nach eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode sei. „Die überwiegende Rechtsprechung der Sozialgerichte geht davon aus, dass es sich bei dem Innowalk nicht um eine neue Untersuchungs- und Behandlungsmethode handelt“, sagt hingegen Claudia Petri-Kramer, Fachanwältin für Sozialrecht aus Hannover, die etliche Eltern behinderter Kinder in diesen Fällen vertritt.

Die meisten Richter entscheiden positiv

Die Richter würden prüfen, ob eine Versorgung im Einzelfall mit dem Innowalk geboten sei, und holten hierzu Auskünfte der behandelnden Ärzte und dann ein Sachverständigengutachten ein. „Da die Sachverständigen in der Regel die Versorgung des Patienten mit dem Innowalk für erforderlich halten, ergeht dann ein positives Urteil. Einige Krankenkassen entscheiden danach oft sehr schnell.“ Aber sie hat auch Klageverfahren, die mitunter bis zu drei Jahren dauern. „In dieser Zeit verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Betroffenen – insbesondere wenn es Kinder sind – oft dramatisch. Teilweise treten irreparable Schäden ein und mitunter sterben die Betroffenen auch im Laufe des Genehmigungsverfahrens“, sagt die engagierte Rechtsanwältin.

„Gerade für Arne ist der Innowalk ein sehr wichtiges, unterstützendes Hilfsmittel“, bestätigt Sabrina Hammers, Therapieleiterin der Vamed Klinik in Altona, einer Rehaeinrichtung speziell für Kinder nach orthopädischen Operationen. Hier erholte sich der Junge nach seiner Hüft-Operation im Herbst 2020. Täglich trainierte er auf dem Innowalk der Klinik, dessen zuständige Ärztin das Gerät danach auf Rezept für Arne verordnete.

„Das Gerät erhöht die Lebensqualität von gehbehinderten Kindern wie Arne enorm, denn es verbessert laut aktuellen Studien aus Schweden nicht nur die Gelenkbeweglichkeit von Hüfte und Knien nachweisbar, sondern spricht durch die stetige Bewegungswiederholung auch motorische Zentren im Gehirn an und unterstützt die Stehfähigkeit. Es verlangt den Kindern auch körperlich einiges ab, sie fühlen sich danach wie nach einem Workout“, sagt Physiotherapeutin Hammers.

Samuel Koch hat auch einen Innowalk

Das berichtet auch Schauspieler Samuel Koch, der bekannt wurde, als er 2010 bei der Sendung „Wetten dass..?“ nach einem Sprung über ein Auto so schwer stürzte, dass er seither querschnittsgelähmt ist. „Er ist ein begeisterterer Innowalk-Nutzer, weil er damit intensiv trainieren kann. Er versucht sein Gerät sogar bei längeren Aufenthalten immer mitzunehmen“, sagt Jens Kleine.

Familie E. hofft, dass ihre Krankenkasse zumindest die Folgegeräte für ihren Sohn übernimmt. Denn sobald er größer als 1,35 Meter ist, benötigt er einen neuen Innowalk.