Der deutsche Verteidiger gab nach dem 2:1-Zittersieg gegen Algerien im WM-Achtelfinale vor laufenden Kameras ein Interview, das schon jetzt Kultstatus genießt. Für den Ausbruch erhält Mertesacker großen Zuspruch.

Porto Allegre/Hamburg. Als Per Mertesacker vor das ZDF-Mikrofon trat, konnten die immer noch zahlreichen Fernsehzuschauer (im Schnitt 28,21 Millionen/WM-Rekord) schon erahnen, wie sehr es im deutschen Verteidiger brodeln musste.

Es schien, als müsste Reporter Boris Büchler nur noch ansatzweise die Sprache auf den eher dürftigen Auftritt der deutschen Nationalmannschaft lenken, um den Vulkan Mertesacker zum Ausbruch zu bringen. Und so geschah es dann auch.

Doch am Tag darauf, als sich die Gemüter wieder beruhigt hatten, entschuldigte sich der Profi des FC Arsenal bei den Zuschauern. „Emotionen gehören zum Fußball ... auch direkt nach dem Spiel ... Danke für euer Verständnis und die vielen Nachrichten dazu“, schrieb Mertesacker auf Facebook.

Büchler fing schon zu Beginn des Interviews an, nach den Ursachen für das „schwerfällige“ und „anfällige“ deutsche Spiel beim 2:1-Sieg nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien zu forschen.

„Das ist mir völlig wurscht“, entgegnete der Arsenal-Profi, „wir sind jetzt unter den letzten Acht, und das zählt.“ Doch Büchler blieb am Ball und befand: „Aber das kann ja nicht das Niveau sein, dass Sie sich ausgerechnet haben, wenn man jetzt ins Viertelfinale einzieht. Dass man sich jetzt steigern muss, denke ich, dürfte auch Ihnen klar sein.“ Da konnte Mertesacker nur mit den Schultern zucken. „Was wollen Sie jetzt von mir?“, blaffte er. „Was wollen Sie jetzt, so kurz nach dem Spiel? Kann ich nicht verstehen.“

Als Büchler noch einmal beschwichtigend gratulierte, aber dennoch nicht locker ließ, steigerte sich Mertesacker weiter in seinen Zorn. „Glauben Sie jetzt, unter den letzten 16 ist irgendwie ne Karnevalstruppe oder was? Die haben uns das hier richtig schwer gemacht über 120 Minuten“, sagte Mertesacker in Bezug auf die algerischen „Wüstenfüchse“. Das eigene Spiel analysierte Mertesacker als „mutig“, gestand aber auch, dass man „viel zugelassen“ habe. „Ich lege mich jetzt erst einmal drei Tage in die Eistonne, und dann sehen wir weiter.“

Als sich Mertesacker gerade wieder gefangen zu haben schien, legte ZDF-Mann Büchler noch einmal nach und fragte, ob jetzt vielleicht ein „Wow-Effekt“ wie bei der WM in Südafrika zu erwarten sei, sodass es auch spielerisch besser laufe. Da musste sich Mertesacker erneut sammeln, kurz schütteln, räuspern und dann entgegnen: „Wat woll‘n se? Wollen Sie eine erfolgreiche WM oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt? Also ich verstehe die ganze Fragerei nicht. Wir sind weitergekommen, wir sind super happy, haben heute alles gegeben und bereiten uns jetzt auf Frankreich vor“, erklärte Mertesacker, bevor Büchler das Interview mit besten Wünschen beschloss.

„Ja, das war doch mal ein Interview, das gelebt hat“, freute sich schließlich Moderator Oliver Welke, als er mit Experte Oliver Kahn anschließend wieder das ZDF-Zepter übernahm.

Und auch unter den deutschen Fans wird das Mertesacker-Interview, das bereits mit dem legendären Ausbruch Rudi Völlers gegenüber ARD-Mann Waldemar Hartmann verglichen wird, heiß diskutiert.

Auffällig ist dabei die große Zahl der Fürsprecher. „Bravo Per Mertesacker. Endlich mal jemand, der sich dumme Reporterfragen direkt nach so einem Spiel nicht gefallen läßt“, schrieb „Redwyne Paxter“ bei Twitter. Und auch „Mathiasrichel“ befand: „Mertesacker hat Recht! Blödes Canapes-Gefrage frisch aus der klimatisierten Presselounge.“

Kritische Kommentare sind deutlich weniger zu finden. Einige davon befürworten die forsche Herangehensweise Büchlers und geißeln eher Mertesackers ungehaltene Reaktionen. „Warum werden Sportler und Politiker eigentlich immer als Freiheitshelden gefeiert, wenn Journalisten mal ihren Job machen?“, twitterte User “Einheinser“ stellvertretend.

Dass das Mertesacker-Interview (HIER im Video) bald Kultstatus erlangen könnte, lassen folgende Kommentare erahnen. „Das Interview mit Mertesacker hätte nur besser werden können, wenn Neuer rausgesprintet wär und den Reporter weggeköpft hätte“, schrieb „thetruemilhouse“ bei Twitter.

„Da verlierst Du einmal bei Schere, Stein, Papier und dann musst Du als Praktikant beim ZDF den Mertesacker interviewen“, schrieb „un.ge.nau“. Und „Hajoschumacher“ analysierte trocken: „Das 3:1 durch mertesacker, im interview.“ „Nach nur 3 Stunden Schlaf werde ich immer zum Mertesacker“, twitterte User “Trinity_oOtrinity“ am frühen Morgen.

„Schmieroslav Klose“ schließlich ließ sich zu folgendem Wortspielchen hinreißen: „Man kann sich ja auf viele Arten aufregen. Vis a vis, per Telefon, per Mail, per Mertesacker...“

Die „11 Freunde“ mixten aus dem Interview eine witzige Version von „Ice, Ice, Baby“.

Bleibt für die deutschen Fans zu hoffen, dass Per Mertesacker bis zum Viertelfinal-Duell gegen Frankreich am Freitag (18 Uhr MESZ/im LIveticker auf abendblatt.de) seinen Frust abbauen kann - oder noch besser in positive Energie kanalisiert.