Exklusiv im Abendblatt

Eastwood wird 85: Regisseur erinnert sich an gemeinsame Zeit

Wolfgang Petersen mit Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu „In the Line of Fire“

Wolfgang Petersen mit Clint Eastwood bei den Dreharbeiten zu „In the Line of Fire“

Foto: dpa Picture-Alliance / United Archives/IFTN / picture alliance / United Archiv

Hollywood-Legende Clint Eastwood wird 85. Regisseur Wolfgang Petersen erinnert sich im Abendblatt. Aufgezeichnet von Volker Behrens.

Er ist einer der ganz großen Stars des Kinos. Clint Eastwood begann als schweigsamer Haudrauf, spielte in Spaghettiwestern und war der harte Hund in „Dirty Harry“. Völlig überraschend entwickelte er sich dann aber auch noch zu einem vielseitigen und erstaunlich subtilen Regisseur, der mit vielen Genre-Wassern gewaschen ist. Sein bislang letzter Film, „American Sniper“, war im vergangenen Jahr erfolgreich und zugleich umstritten. Wolfgang Petersen inszenierte den US-Schauspieler 1993 im Drama „In the Line of Fire“. Eastwood spielt darin einen alternden Bodyguard des amerikanischen Präsidenten, der John F. Kennedy nicht vor dem Attentat in Dallas beschützen konnte und es nun noch einmal wissen will. An diesem Sonntag wird Eastwood 85 Jahre alt. Der deutsche Regisseur erinnert exklusiv im Abendblatt sich an die Begegnungen und die Zusammenarbeit mit ihm.

Santa Monica. Clint Eastwood ist ein sehr zurückgezogener Typ, groß, mysteriös und nicht sehr gesellig. Er ist fast ein bisschen scheu, aber sehr charmant und die Inkarnation eines coolen Typs. Keiner von diesen Hoppla-jetzt-komm'-ich-Kerlen wie John Wayne es war. Allüren hat er überhaupt keine. Politisch ist Eastwood ein Konservativer. Bei einem Parteitag der Republikaner hat er auch schon einen merkwürdigen und peinlichen Auftritt hingelegt. Er war Bürgermeister von Carmel und ist ein großer Jazzkenner.

Zum ersten Mal gesehen habe ich ihn zu Beginn seiner Karriere in den Spaghetti-Western. Da habe ich ihn zuerst allerdings nicht besonders registriert, denn ich konnte diese Filme eigentlich nicht so richtig ernst nehmen. Als Junge in den 50er-Jahren war ich ein großer Fans der amerikanischen Western von Howard Hawks und John Ford. Dann kamen plötzlich Italiener daher und wollten in diesem ureigensten amerikanischen Genre arbeiten. Zuerst empfand ich dafür Verachtung. Das hat sich aber total geändert, als ich Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ gesehen habe.In den USA kannte man Eastwood außerdem aus der populären Westernserie „Rawhide“, von der hier 217 Folgen gedreht worden(das Deutsche Fernsehen strahlte 1965/66 unter dem Titel „Cowboys“ 13 Folgen aus. Die gesamte Serie erst von 1991 bis 1994 auf Pro 7 unter dem Titel „Tausend Meilen Staub“gezeigt). Durch die „Dirty Harry“-Filme wurde er dann natürlich weltbekannt. Darin fand ich ihn toll.

1987 bin ich mit meiner Frau Maria in die USA gegangen. Man hatte mich hierher geholt für einen Film, der später nicht realisiert wurde. Das passiert in diesem Geschäft gar nicht so selten. Der Produzent des Films richtete mir aus, dass Arnold Schwarzenegger mir gern sein Haus in Santa Monica zur Verfügung stellen würde. Im ersten Jahr haben wir darin gewohnt, es war prima. Schwarzenegger gab dann eine Party in seinem neuen Haus, das er gerade mit seiner Frau Maria Shriver bezogen hatte. Es war nur eine kleine Gesellschaft. Clint Eastwood kam auch. Da haben ich ihn richtig kennen- und schätzen gelernt. Er war sehr zurückhaltend. Bald danach bekam ich das Drehbuch zu „In the Line of Fire“ in die Hand und hörte, dass er schon zugesagt hätte. Das fand ich toll und bin zu ihm in sein Büro gegangen. Er handelt am liebsten schnell, einfach und klar. Wir haben ein bisschen geredet und dann sagte er: „Dann lass es uns doch einfach machen.“ Fertig. Es war so einfach.Eastwood hat ein großes Faible für europäische Regisseure und Filme. Er wird dort ja auch besonders verehrt, zum Beispiel in Frankreich. Weil er sich einmal wieder voll auf die Schauspielerei konzentrieren wollte, suchte er für diesen Film nach einem anderen Regisseur. Außer mir war auch noch Luc Besson im Lostopf. Da ich gerade in den USA war, hat er mir den Zuschlag gegeben. Er wollte gern, dass jemand von außen einen etwas anderen Blick auf dieses sehr amerikanische Thema wirft. Außerdem hatte ihm „Das Boot“ sehr gut gefallen. Mein Film war für mich in den USA der Türöffner.

Bei „In the Line of Fire“ hat der US-Geheimdienst offen mit uns Filmemachern zusammengearbeitet. Es war das erste Mal – zwei Jahrzehnte vor dem NSA-Skandal. Unschuldige Zeiten waren das damals. Wir waren im Weißen Haus, dort auch in der Geheimdienstabteilung. Während wir noch drehten, wurde Bill Clinton Präsident. Er hat „In the Line of Fire“ später sogar an Bord der Air Force One gezeigt, weil er ihm so gut gefiel.

Dreharbeiten mit Eastwood waren sehr entspannt

Die Dreharbeiten mit Eastwood waren sehr entspannt. Vorher war ich gewarnt worden: Der Typ hat schon so viele Filme gedreht. Pass bloß auf, dass er dir nicht dauernd sagt, was du machen sollst. Aber das war überhaupt nicht der Fall, im Gegenteil. Er hat immer nur gelächelt oder gegrinst und sich offenbar wohl gefühlt. Er konnte sich voll auf seine Rolle konzentrieren. Das war sehr locker und schön und hat auch mir für meinen ersten wirklich großen Hollywood-Film eine Menge gegeben. Es war ein leichter Einstieg mit einem Superstar. Das habe ich ihm nie vergessen.

Dass er häufig schweigsame Typen verkörpert hat, ist durchaus aus einer Schwäche heraus entstanden. Er hat mir erzählt, als Sergio Leone ihn nach Italien geholt hat und ihm das Drehbuch gab, hat Eastwood einfach die Seiten mit den langen Dialogen herausgerissen und zu seinem Regisseur gesagt: „Das brauchen wir gar nicht.“ Leone war erstaunt, als der Schauspieler ihm erklärte, er wolle stattdessen mit Gesten, Blicken und Körpersprache arbeiten. Dabei ist er eigentlich nur ein bisschen unbeholfen mit Dialogen. Aus dieser Schwäche hat er aber in seiner Rolle als schweigsamer und mysteriöser Held eine Stärke gemacht. Für einen Filmstar ist es perfekt so einen Charakter zu schaffen. Das hat mich sehr fasziniert.

Ein Dinosaurier versucht noch einmal ein Comeback

Zum ersten Drehtag von „In the Line of Fire“ kam er damals vor 22 Jahren in Top-Form. Er war immerhin auch schon 63 Jahre alt. In einer großen Szene mit Tausenden von Menschen in Washington D.C. musste er neben der Limousine des US-Präsidenten herlaufen. Damals machten die Agenten so etwas noch. Wir hatten ein ganz schönes Tempo drauf, mussten die Szene aber gleich mehrere Male wiederholen. Er hat das unheimlich gut gemacht, war sehr gut vorbereitet und trainiert. Umso mehr hat es ihn natürlich gefreut, dass er im Film nachher mimen musste, dass ihn dieser Lauf ganz schön angestrengt hat. Er hat schon damals ganz gern mit seinem Alter kokettiert. Es ist ja auch eines der Themen des Films: Ein Dinosaurier versucht noch einmal ein Comeback.

Am Nachmittag des ersten Tages drehten wir eine Szene in einer Bar. Er bittet darin den Geheimdienstchef, ob er nicht wieder Mitglied im Personenschutz-Team des Präsidenten werden kann, weil er einen Drohanruf erhalten hat. Der Alte sagt aber zu ihm: Du bist dafür zu alt. Die Szene hatte eine ganze Menge Dialog. Sonst arbeitet Clint ja immer sehr schnell, aber diesmal war es anders. Da musste man plötzlich 20 oder 25 Takes machen, denn er holperte und stolperte durch den Dialog. Da musste er sich richtig anstrengen.

Eine andere Szene berührt mich auch noch heute, wenn ich sie sehe. Sie spielt im Hotel, und er erzählt darin auf stockende Weise Rene Russo, warum es ihn bis heute schmerzt, dass er Präsident John F. Kennedy 1963 nicht vor dem Attentat in Dallas schützen konnte, obwohl er an der Limousine war. Ich war sehr gespannt darauf, wie das funktionieren würde, denn er musste hier sein übliches Schweigen brechen und darüber reden, was ihm schwer auf der Seele liegt. Ich habe Rene gebeten in einer entscheidenden Situation einfach seine Hand zu ergreifen und zu drücken. Mal sehen, was passiert. In dem Moment, als er ihre Hand spürte, fing er an zu weinen. Er versuchte zwar, seine Tränen zu vermeiden, aber das gelang ihm nur halb. Es war sehr bewegend. Das konnte man natürlich nicht wiederholen. Es war ein magischer Moment und etwas, was er eigentlich nie machen wollte. Das gehörte nicht zu seiner Leinwand-Persona. Sein Motto lautete eher: Ihr sollt nicht in mich hineinschauen. Auch Angst und Verletzlichkeit hätte er am liebsten nicht gezeigt, obwohl er das ganz gut kann. Er ist für diese Rolle sehr gelobt worden.

Vor einer weiteren Szene mit Rene Russo hatte er eine große Scheu. Es war eine Liebesszene. Mehrmals kam er zu mir und fragte, wann drehen wir denn das? Ich habe ihn beruhigt und gesagt: Das machen wir erst ganz am Ende. Als wir so weit waren, musste ich an Ernst Lubitsch denken. Der hat erotische Szenen immer nur angedeutet. Die wirkliche Aktion war nicht im Bild, sondern spielte sich in der Fantasie des Zuschauers ab. Wenn die beiden sich aufs Bett zubewegen, fallen normalerweise die letzten Hüllen. Bei uns sieht man nur die Füße und das, was zu Boden fällt. Es ist das, was man als Geheimagent so „darunter“ trägt: die Pistole, der Schlagstock, der Ohrhörer, das Walkie-Talkie. Erst dann setzen sie sich aufs Bett, und die Szene endet. Er war danach sehr erleichtert.

Clint ist ein richtiger Moviestar und hat eine eigene Aura. Die Kamera liebt ihn, man kann es nicht so genau erklären. Es ist so ähnlich wie mit Nastassja Kinski in „Tatort: Reifeprüfung“. Es kommt etwas rüber, das unerklärlich ist. Auch Clint überzeugt durch seine Präsenz, seine Augen, sein Schweigen und seine Körpersprache. Ich könnte ihn mir nicht bei einem großen Auftritt auf einer Theaterbühne vorstellen. Dustin Hoffman ist das genaue Gegenteil davon, er ist der typische Verwandler und braucht viel Dialog, um sich in einen Charakter hinein zu wühlen.

Als Filmemacher ist John Ford sein großes Vorbild. Der hat unglaublich viele Filme gedreht und hat auch immer nach Einfachheit gestrebt. Ford war ein Workaholic und zwischen den Filmen oft betrunken. Er wusste mit sich nichts anzufangen. Eastwood erinnert mich manchmal ein wenig daran, denn er hat nach unserer Zusammenarbeit ja noch unendlich viele Filme gedreht, macht das ja auch immer noch. Ich kann ihn mir jenseits vom Drehen und Golfspielen kaum vorstellen. Er geht immer sehr instinktiv an Dinge heran. Ein Drehbuchautor hat mir mal erzählt, dass er vier Monate bei Eastwood-Dreharbeiten dabei war, falls noch Dinge geändert werden sollten. Am Ende betraf es nur ein Wort.

Die Qualität seiner späteren Filme ist sehr unterschiedlich. Alle habe ich aber nicht gesehen. Man kommt da ja kaum hinterher.Zu seinen besten gehört „Million Dollar Baby“. Am meisten Geld verdient hat er mit dem umstrittenen Scharfschützen-Epos „American Sniper“. Ich hatte beim Ansehen gemischte Gefühle, fand aber Bradley Cooper in der Hauptrolle hervorragend. Vor „In the Line of Fire“ hatte mir ein Agent dringen davon abgeraten, mit Eastwood zu drehen. Der Mann hat seine Höhepunkte hinter sich, der ist zu alt, hieß es. Lass die Finger davon! Aber genau darum geht es ja in meinem Film, deshalb bin ich bei meiner Wahl geblieben. Dann hat Eastwood mir den Rohschnitt zu seinem Western „Erbarmungslos“ gezeigt. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, es ist ein Meisterwerk. Es war für mich ein innerer Triumph. Der Film sollte kurz vor „In the Line of Fire“herauskommen. Ich war wie auf Wolke sieben, als ich nach Hause fuhr und sagte zu Maria: Wir müssen eine Flasche Champagner aufmachen. „Erbarmungslos“ brachte Eastwood ganz groß zurück ins Geschäft. Und kurz danach kam unser Film mit ihm ins Kino. Genau so war das.

Und jetzt wird er 85? Das ist unglaublich.​​