Ruf! Nich! An!

Alles hat seine Zeit. Auch ein Telefongespräch, findet der Arbeitskreis Umgangsformen International

Es gibt Zeitgenossen, die einem die Zeit stehlen. Sie sind gewerkschaftlich organisiert. Das erschließt sich aus dem Zusatz „Genossen“. Es könnte sich theoretisch auch um Sozialdemokraten handeln. Die sind aber nach eigener Ansicht bekannt dafür, dass sie die Zeichen der Zeit erkennen.

Viele Zeitgenossen, die oft fälschlich auch als üble bezeichnet werden, üben ganz ordentliche Berufe aus. Lokführer oder Piloten zum Beispiel. Die lassen unsereinen gern mal stehen und vergeuden so die Zeit anderer. Flehentliche Vorhaltungen an Eisenbahner wie „Das ist aber kein guter Zug“ oder an Flugkapitäne „Mach doch die Fliege“ helfen da nicht. Schon als kleine Jungen wollten sie Lokführer oder Pilot werden, aber da wussten sie noch nicht, dass Zeit Geld ist, viel Zeit aber nicht unbedingt viel Geld bedeutet. Darum haben sie jetzt den Transportbetrieb zu Lande und in der Luft kurzfristig eingestellt. Sie wollen ihre Zeit gehaltvoller machen.

Organisierte Zeitgenossen unterscheiden sich von nicht organisierten Zeitnehmern. Die rufen nämlich immer zu unpassenden Zeiten an. Trotz mobiler Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit gelten immer noch Kernzeiten für Telefonanrufe. Der Arbeitskreis Umgangsformen International (AUI) weist darauf hin: Privat sollte wochentags nicht vor 9.30 Uhr angerufen werden, sonn- und feiertags nicht vor elf Uhr.

Empfohlen wird zudem, die Mittagszeit von 12.30 bis 15 Uhr auszusparen. Abends sollte man nicht mehr nach 21 Uhr anrufen. Da bleibt kaum noch ein Zeitfenster für stundenlange Gespräche. Man erkennt das daran, dass Menschen pausenlos telefonieren, um endlich gehört zu werden. Die Hochbahn setzt für diese Zielgruppe fahrbare Telefonzellen im Liniendienst ein. Die können aber auch als Busse benutzt werden.

Callcenter („Ruf! Nich! An!“) haben das Zeitmanagement perfektioniert. Da gibt es kaum ein Durchkommen. Sie sehen das Telefonieren allerdings auch nicht als Dienstleistung an, sondern eher als Geschenk. Hübsch eingepackt mit einer Warteschleife drumherum.