App in die Pilze

Was ist schöner, als umsonst und draußen den Korb zu füllen? Aber bitte nicht dem Handy vertrauen

Die Pilzsaison ist gut und lang. Es sollte eigentlich ein gutes Zeichen sein, dass die Pilze wie sie selbst aus dem Boden schießen. Rudelweise durchstreifen die Sammler Wiesen und Wälder, um die eiweiß-, ballaststoff- und mineralstoffreichen Hutträger aufzulesen. Man kann sie leicht an ihren Zunftzeichen erkennen: Messer, Körbchen, Taschenlampe, Bestimmungsbuch.

Der Mensch als Trüffelschwein, Sammler und Jäger – das hat nach wie vor etwas Archaisches. Aber manche möchten sich ihr Körbchen in erster Linie deshalb füllen, weil man so kostenlos zu einer bodenständigen Nahrungsbeilage gelangen kann. In Deutschland zumindest, denn in den Niederlanden ist das Pilzesammeln verboten. Ausgerechnet. Wo sich die Holländer sonst doch den Genuss einiger ebenfalls würzig riechender Pflanzenprodukte erlauben, die wiederum hier streng untersagt sind.

Verrückte Welt!

Aber die Natur hat der Umsonst-und–draußen-Mentalität der Sammler einen Pferdefuß mit auf den Weg gegeben: Giftpilze. Sie wachsen vor sich hin, treiben ein ganz mieses Spiel und ähneln mit Vorliebe essbaren Kollegen. Dann heißt es: Aufatmen oder Atemlähmung. In der Giftnotrufzentrale von Rheinland-Pfalz und Hessen sind schon mehr als doppelt so viele Anrufe eingegangen wie im gleichen Zeitraum der Vorjahre.

Schlaue Mitbürger klopfen in diesen Zweifelsfällen vertrauensvoll auf ihr Handy. Wozu gibt es Pilz-Apps? Aber Uwe Stedtler vom Giftinformationszentrum Freiburg rät davon ab. Der Marketing-Fachbegriff „Killerapplikation“ könnte eine ungewollte Bedeutungserweiterung erfahren.

Aber jetzt muss ich los. Wie sagte die britische Autorin Shirley Conran so richtig: „Das Leben ist zu kurz, um Champignons zu füllen.“

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