Karasek

Mein Hamburger Feigenbaum, ein Orakel

Früher war es das Waldsterben. Das ist ausgefallen. Von dem redet kein Mensch mehr. Dann das Ozonloch. Das australischen Autofahrern die abgewinkelte Hand über der runtergekurbelten Scheibe krebskrank abfallen ließ. Auch davon ist kaum noch die Rede. Dann die Klimaveränderung, die Erderwärmung, die Klimakatastrophe. Die gibt es, und ihr werden viele besorgte weltumspannende Konferenzen gewidmet.

In diesem Ju-hu-Juli und Ju-hu-Augustanfang traf ich einen Altersgenossen im Schwimmbad. „Also, man kann viel über den Klimawandel meckern“, sagte er. „Aber mit uns in Hamburg meint er es gut. Sonne, Sonne, Sonne! Hitze!“ Er blickte aufs glitzernde, flirrende, plätschernde Wasser. „Na ja“, fügte er hinzu und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Unsere Kinder und Kindeskinder. Versteppung und Überflutung. Je nachdem.“ – „Carpe diem!“, pflichtete ich ihm bei. Ich wusste, er hatte das große Latinum: Man muss die Feste feiern, wie sie fallen!

Zu Hause, es war der 1. August, kam mir meine Frau mit 3 (in Worten: drei) saftig reifen Feigen aus unserem Bäumchen im Vorgärtchen entgegen. „Guck mal, reif“, sagte sie. Reif!!! Wir aßen sie, sie waren süß und saftig, nicht mehr innen strohig trocken wie Artischocken.

Dann fuhren wir in den Urlaub, in die Provence zu meiner Schwester wie fast jedes Jahr seit 15 Jahren. Wir freuten uns auf die vielen reifen Feigen, die am Rande der Weinberge wachsen. Gelbe unten, dunkle am oberen Rand. Diese saftige Süße, dieser sonnenwarme Geschmack!

Seit dem Moment kann ich den Klimawandel beweisen. Empirisch. Denn während ich in Hamburg, also hoch im Norden, an einem Tag drei und an einem anderen zwei reife Früchte mit meiner Frau geteilt habe – zweieinhalb jeder –, gab es in Frankreich, nur einen Tag später, in der mediterranen Hügellandschaft des Var, quelle horreur!, nur kleine, feste, unreife Kümmerlinge. Keine aufplatzenden, überreifen – und um die summten auch keine Wespen, die bekanntlich laut Sprichwort nicht an den schlechtesten Früchten nagen.

Hamburg, berühmt-berüchtigt für sein Schmuddelwetter, schlug feigenmäßig alles. Den verregneten, verkühlten Süden Deutschlands und die sonst glühende Provence. Klimawandel! Ein schlagender Beweis. Dann fiel mir ein, dass ich zum letzten Mal 2006 an meinem Baum reife Früchte hatte. Damals zwei Feigen. In den anderen Jahren nur kleine verhärtete Dinger, die sogar den Winter am Ast überdauerten.

2006! War das nicht Klinsis deutsches Sommermärchen? Und jetzt Weltmeister 2014. Ist das naturgesetzmäßig? Mein Hamburger Feigenbaum – ein deutsches Fußball-Orakel.

Karasek schreibt jeden Sonnabend im Hamburger Abendblatt