Karasek

Von Gleiwitz zum Maidan

Wie manipuliert man Kriegsauslöser? Was der 1. September 1939 mit der heutigen Ukraine zu tun hat

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Auslöser war angeblich ein Überfall polnischer Soldaten auf den Sender Gleiwitz, der kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze auf deutschem Staatsgebiet lag. Daraufhin hielt Hitler im Reichstag am 1. September seine Kriegserklärungsrede. Man würde die Übergriffe der polnischen „Soldateska“ nicht mehr dulden. O-Ton Hitler: „Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium bereits mit regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“

Es ist längst gesicherte historische Erkenntnis: Der Überfall auf den Sender Gleiwitz wurde auf Befehl Heydrichs vom SD als Teil der Waffen-SS durchgeführt. Getötete Gefangene wurden in polnische Soldaten-Uniformen gesteckt und sozusagen noch einmal von der Waffen-SS erschossen. Die Leichen, die die SS präpariert hatte, nannte sie makabererweise „Konserven“. Es war der letzte Vorwand zu dem schrecklichen Weltkrieg von 1939 bis 1945, eine mörderische Kostüm-Nummer, eine folgenschwere Camouflage und Maskerade mit wehrlosen Leichen.

Warum ich mich heute daran erinnere, ja, eigentlich zwanghaft erinnere, liegt an den Vorfällen am Maidan-Platz, als zwischen dem 18. und 20. Februar dieses Jahres 104 Demonstranten von Heckenschützen ermordet wurden. Die von ihren Anhängern als Märtyrer, als „Hundertschaft des Himmels“, verehrten Toten wurden, daran galt Ende Februar kein Zweifel, laut ukrainischer Staatsanwaltschaft auf Befehl des Präsidenten Viktor Janukowitsch und des russischen Geheimdienstes erschossen. Wenn jetzt die Eindeutigkeit dieser Version erschüttert wird, ist das folgenschwer. Immerhin haben diese Todesschüsse dazu geführt, dass die Revolution die Regierung Janukowitsch wegfegte, die sich inzwischen irgendwo im Russland Putins aufhält. Und immerhin wäre Putin als oberster Kriegsherr für den russischen Geheimdienst FSB dann für dieses Umschlagen einer legalen in eine blutige Revolution haftbar und verantwortlich zu machen.

Jetzt sind im ARD-Magazin „Monitor“ abgefangene Funksprüche vorgelegt worden, die den Verdacht untermauern, es sei eine dritte Partei an den Mordanschlägen der Scharfschützen beteiligt. Es gibt Funksprüche mit der Frage: „Wer hat da geschossen?“ Mit Antworten aus dem Regierungslager: „Unsere Leute schießen nicht auf Unbewaffnete.“ Und weiter: „Da hat jemand geschossen. Aber nicht wir.“ Es waren unbekannte Scharfschützen vom Dach des Hotels Ukraina. Profis. Von wem befehligt? Kurzum: Schon wenige Wochen nach den revolutionsauslösenden Vorfällen verschwimmt die Wahrheit. Zugunsten möglicher Manipulationen, von welcher Seite auch immer. Heute ist „Gleiwitz“ schneller zu durchschauen.