Der Knoten ist geplatzt

Der eiserne Krawattenzwang für die Schriftführer im Deutschen Bundestag wird abgeschafft

Im Jahre 1683, so heißt es, habe der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. eine Truppenparade vor dem Rohbau seines neuen Eigenheimes Versailles abgenommen. Sein huldvoller Blick fiel wohlgefällig auf ein kroatisches Reiterregiment, dessen Soldaten ein lustiger Zipfel Stoff vom Hals herabhing. Wohl um seine diversen Mätressen zu beeindrucken, übernahm Ludwig den Zipfel und machte ihn auch im Adel beliebt.

Seitdem quälen sich Männer modisch à la cravate – nach kroatischer Art. Um 1789 herum war der seidene Langbinder beim französischen Adel allerdings nicht ganz so beliebt, weil er den Revolutionären einen guten Anhaltspunkt lieferte, an welcher Stelle man den Herrn Baron am besten etwas kopflos machen konnte. Es ist ungeklärt, ob Angst vor Revolutionären nun auch den Deutschen Bundestag auf Abstand zum bewährten Kulturgut Krawatte gehen lässt. Fühlte sich Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger 1980 noch auf den Schlips getreten, weil der Abgeordnete Gerhard Schröder schamloserweise ohne einen solchen vor dem Hohen Haus sprach, so wurde nun der bislang eherne Krawattenzwang für die Schriftführer aufgehoben.

Manch Abgeordneter mit Neigung zum Beharren wird dies als Zusammenbruch des westlichen Kulturgebäudes empfinden. Doch ausgerechnet Rengers aktuelle Amtsnachfolgerin Claudia Roth meint: „Mit der Abschaffung des Krawattenzwangs haben wir die Fenster im Bundestag ein gutes Stück weiter aufgestoßen und viel Muff entweichen lassen.“ Motto: Muff in the right direction. Auch in Unternehmerkreisen hat man begonnen, auf den Binder zu verzichten – zum Entsetzen der Stadt Krefeld, aus der 80 Prozent der deutschen Krawattenproduktion stammen. Nun hat uns emanzipierte Männer der Werbeslogan „neue Krawatte – neuer Mann“ stets etwas unfroh gestimmt, da er uns noch schlichter darstellt, als wir ohnehin schon sind. Und jeder Mann weiß, dass er sich nie zwei Krawatten von seiner Frau schenken lassen darf. Bindet er gleich eine um, heißt es: „Ach, die andere gefällt dir wohl nicht??“