Karasek

Panamakanalskandal

Wie eine Fahrt durch Mittelamerikas Wasserstraße zum Paradies für Dadaisten wurde ...

Letzte Woche fuhr ich mit der MS „Europa“ durch den Panamakanal, und das war auch deshalb ein besonders aufregendes und merkwürdiges Erlebnis, weil der Panamakanal wie der Erste Weltkrieg in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag begeht, ziemlich zeitgleich im August. Beide Ereignisse sind Folgen des technischen Fortschritts. Fürchterlich der Krieg, großartig fürchterlich der Kanal, der ein neues Welthandelszeitalter und das Ende einer technischen Epoche einläutete, des eisern stählernen Industriezeitalters, gebaut mit Sklavenheeren wie einst die Pyramiden (30.000 Tote an Malaria und Gelbfieber) und nach den uralten Prinzipien der Wasserverdrängung: Wie in einer Badewanne, die zugestöpselt und aufgemacht wird, steigen und sinken die Schiffsgiganten, von Mauleseln (inzwischen E-Loks) mit Seilen durch die schmalen Kanalbecken gelenkt.

Für mich, der ich ein A-Fetischist bin und Namen wie Amanda, Barbara und Natascha liebe, ist der „Panamakanal“ eine A-Orgie, vor allem, da er um 1890 zum „Panamakanalskandal“ wurde, und das in einer Gegend, wo Ananas gedeiht und der Ara aus dem Kreuzworträtsel im Dschungel wohnt und die Republik eine der „Bananas“ ist.

Ein Paradies für Dadaisten wie Kurt Schwitters (aus Hannover und nicht aus Granada) zum Beispiel, der Anna für den schönsten Namen hielt, weil dieser „von hinten wie von vorne“ gleich ist. Sprachkenner nennen das ein Palindrom. Dadaisten, die wissen, dass es keine Familie ohne Papa und Mama gäbe, keine Menschheit ohne Adam und keine Entdeckung Amerikas ohne Armada.

Sie wissen: „Der Kleine Hey“ lässt Schauspieler das A nach dem Satz „Barbara saß nah am Abhang“ klingen. Als ich das lernte, hatte ich noch Amalgam in den Zähnen, und gezaubert wurde noch mit „Abrakadabra“.

Doch leider herrschte diesmal nach Durchquerung des Panamakanals bald Windstärke zwölf, und so gelangte ich fast seekrank vom A zum O, wünschte mich nach Kanada oder Granada und rezitierte Ernst Jandls Gedicht „Ottos Mops“ bis hin zu der bitteren Zeile: „Ottos Mops kotzt!“

Hellmuth Karasek schreibt jeden Sonnabend im Hamburger Abendblatt