Karasek

Pofalla, Merkel und das Rüchle

Pofalla, Ronald Pofalla, dessen Namen, Persönlichkeit und Gesichtszüge sich jahrelang meinem widerspenstig widerstrebenden Gedächtnis nicht einprägen wollten, schaffte es 2011 blitzartig und nachhaltig durch eine üblicherweise in der Kindheit ausbrechende zwanghafte Krankheit: das Tourettesyndrom, das sich im unkontrollierten verbalen Ausstoß vulgärer Wörter äußert. Bei Pofalla, damals Chef in Merkels Kanzleramt, brach das Leiden nach den qualvollen Abstimmungen zur EU-Griechenlandhilfe aus. Dem sich anfangs dieser Abstimmung verweigernden Wolfgang Bosbach rief er (und das öffentlich) zu: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen. Ich kann deine Scheiße nicht mehr hören.“

So weit Pofallas Abstimmungstoleranz. Jetzt hat er, der seiner Kanzlerin als Manager des Wahlkampfs diente, wohl ausgedient. Offiziell wollte er nicht mehr als Kanzleramtsminister dienen. Künftig, so Pofalla, werde er sich mehr dem Privatleben und einer neuen Liebesbeziehung widmen. Das war nicht ganz wahr, denn kaum war er aus dem Amt draußen, sickerte durch, dass er alsbald und hoch dotiert in den Vorstand der Deutschen Bahn berufen werden sollte. Da war für die Kanzlerin, die ohnehin wegen eines Skiunfalls ihr Amt mit Krücken ausüben musste, die „Kacke am Dampfen“ – um in Pofallas Denkart zu sprechen. Dieses Hüpfen aus Regierungsämtern in hoch dotierte Lobby- und Wirtschaftsämter gilt als unfein, um nicht zu sagen, korrupt. Wähler denken dann: „Der Teufel scheißt immer auf die größten Haufen“ – und werden politikverdrossen.

Merkel hat schon so einen Fall. Ihr Staatsminister Klaeden wechselte ohne Scheu und Frist zu Daimler als Autolobbyist – auch dies hat ein übles Rüchle. Ein gefundenes Fressen für den Koalitionspartner SPD? Nein, denn diese Partei hat am Ende der Schröder-Regierung unter Kanzleramtsminister Steinmeier einen Deal mit Putin über Gazprom auch schnell vorgezogen, bevor Schröder abgewählt wurde. Es war dies der dreisteste Deal dieser Art, der aus dem Kreml bis zum Himmel stank.

Doch sind solche Wechsel von der Politik ins große Geld, kommen sie ans Licht, nicht mehr sehr nützlich. Dem Lobbyisten bringen sie außer Geld nur Schande. Sie nützen dem Geldgeber nichts. Oder hört jemand noch, ohne zu feixen, Schröders Satz, Putin sei ein lupenreiner Demokrat?