Karasek

Eine chinesische Luftnummer

Heute mal zu Jahresbeginn eine Luftnummer. „Ach! Luft! Luft! Clavigo!“ Mit diesen Worten stirbt Marie Beaumarchais, die von Clavigo zum zweiten Mal Betrogene, am Ende des vierten Akts. Der Atem geht ihr aus, die Brust wird ihr zu eng.

Wir haben dieses Bild von der knapp werdenden Luft als grausige Warnung, wenn wir Bilder aus chinesischen Großstädten sehen, wo den Menschen im Freien mehr und mehr buchstäblich die Luft zum Atmen fehlt. Man versteht dann, dass man etwas, das man unbedingt begehrt und liebt, braucht „wie die Luft zum Atmen“. So gesehen ist der Neujahrswunsch der Kanzlerin: „Ich selbst nehme mir eigentlich immer vor, mehr an die frische Luft zu kommen“, auch wenn er in seiner gravitätischen Bescheidenheit so klingt, als sei er dem Munde einer Sketchfigur von Loriot entfahren, seinen Sinn. „Frische Luft“, das ist sicher das, was man nach langen Euro-Sitzungen in dumpfen Herrenrunden am meisten braucht.

Da wir oft nach dem Motto Hape Kerkelings leben, nach dem es heißt: „Das ganze Leben ist ein Quiz“, habe ich mir kurz vor Silvester „2013 – Das Quiz“ angeschaut. Und da war eine Szene, in der ein chinesischer Milliardär und Philanthrop frische Landluft in Dosen packte, um sie in die von Atemnot bedrohten Großstädte Chinas zu schicken – als eine Art Menetekel.

Plasberg hatte sich für die Sendung als Gag eine Büchse dieser chinesischen Luft kommen lassen, zog sie auf und gab sie Günther Jauch zum Schnuppern. „Wie riecht das?“ fragte er, und Jauch antwortete: „Ein bisschen muffig.“ Darauf Plasberg: „Dann sind Sie zu nahe an Ihren Anzug gekommen“ und zeigte Jauch ein Loch, das die Zollbeamten am Flughafen zur Kontrolle unten in die Dose gemacht hatten. Nix da mit chinesischer Landluft. Müffel pur.

Als am nächsten Tag die Böller und Raketen in den Silvesterhimmel zischten, lag die Stadt in einem dichten Smog-Nebel wie eine chinesische Großstadt nach einem Fabrikarbeitstag. Das gigantische Feuerwerk, mit dem wir das neue Jahr einräuchern, stammt aus China, wo die Raketen erfunden wurden. Vielleicht sollte man mit jedem China-Böller eine Dose chinesischer Landluft mitliefern. Zollfrei, versteht sich. Und ohne Dosenpfand.

An diesem Sonnabend wird Hellmuth Karasek 80 Jahre alt. Im Abendblatt gratuliert ihm Tochter Laura: „Mein Wunder-Papa“