Die Streslakucha-Affäre

Deutsche Bäcker wollen die schlesische Spezialität herstellen dürfen – und klagen gegen EU-Verordnung

Wenn der Schlesier seinen Streslakucha gar zu plotschig katscht, kann schon mal ein Brinkel danebengehen. Kabarettist Dieter Hildebrandt, Puppenmutter Käthe Kruse und Tierfreund Bernhard Grzimek werden es verstanden haben. Sie alle sind Schlesier, deren Mundart sagt: Wer zu hastig vom Streuselkuchen schlingt, dem kann schon mal ein Krümel abhandenkommen.

Der gefährlichste aller Kuchen, das können alle Längerverheirateten bestätigen, ist natürlich der Hochzeitskuchen. Diese Gefahr droht vom berühmten Schlesischen Streuselkuchen nicht. Dafür hat das Backwerk selbst jetzt ein Schicksal ereilt, das schon so manche klassische Speise unbekömmlich gemacht hat: Er, genauer gesagt: sein Name, wird schnöde vor Gericht gezerrt. Der Europäische Gerichtshof muss sich bald in 20 Sprachen mit dem „Kolocz slaski“ befassen, wie der Schlesische Streuselkuchen in polnischen Verordnungen genannt wird.

Parma- und Schwarzwälder Schinken, Champagner, Thüringer Rostbratwurst, Schwäbische Maultaschen, Aachener Printen – alle sind nur original, wenn sie in der Region hergestellt wurden. Und der Streuselkuchen? Die deutschen Bäcker, die aus guten Gründen bereits dafür kämpfen, dass ihr Brot zum Weltkulturerbe wird, wollen auch in Sachen Streusel nicht mehr die kleinen Brötchen backen: Eine EU-Verordnung besagt nämlich, dass nur dem Teil Schlesiens der geschützte Streuselkuchen zusteht, der in Polen liegt. Die polnischen Bäcker, bei denen auch nur Mehl, Zucker, Zimt, Vanille und Butter in die Schüssel kommen, waren schneller als ihre deutschen Kollegen. Wer zuerst schützt, backt zuerst.

An dieser Stelle noch eine Warnung aus berufenem Munde: „Viel Essen macht viel breiter“, wusste der große Dichter Eichendorff. Der war auch Schlesier. Und Genießer. Der Mann kannte das Schlesische Himmelreich und die Schlesischen Kartoffelklöße. Einmal schrieb er: „Heute ist Kirchweihfest, es gab einen großen Sträuszelkuchen zum Frühstück.“ Guten Appetit.