Glosse

Die rohe Flora

Neues von der Keimzelle Mensch: Jeder von uns schleppt 1,5 Kilo Bakterien mit sich herum.

Eine Volkszählung im menschlichen Körper hat ein erschreckendes Ergebnis zutage gefördert. Der Homo sapiens, der pauschal so genannt wird, auch wenn er die Weisheit nicht gerade mit Löffeln gefressen hat, wird von fremden Mächten regiert. Die Invasion von Bakterien ist unaufhaltsam. Manche spüren sie am eigenen Leib, zum Beispiel wenn sie auf die Waage steigen: Der Mensch hat etwa 1,5 Kilogramm diätresistente Keime im Körper, die er mit sich rumschleppt.

Große Koalitionen, aber auch die Einflussnahme von aufmüpfigen Splittergruppen im Nanu-Bereich sind noch nicht erforscht. Doch bei der Zählung stellte sich heraus, dass nur ein Zehntel aller Zellen im Körper wirklich menschlich ist – 90 Prozent sind Bakterien, also unmenschlich. Damit haben Mann und Frau die Fünfprozenthürde locker geschafft, möchten aber angesichts der Übermacht des Mikrobioms aus der Haut fahren. Unklar ist, ob der Mensch überhaupt noch als Eigentümer seiner Haut angesehen werden kann. Auch wenn von manchem behauptet wird, er habe es faustdick hinter den Ohren, so erscheint dies laut US-Forscherin Susan M. Huse, die mal die unterschiedlichen Arten von Bakterien gezählt hat, in einem neuen Licht. Denn allein hinter dem linken Ohr hat sie 2363 Arten von nicht menschlichen Genen ausgemacht. Das ist bisher nicht aufgefallen, weil die kleinen Racker höchstens ein paar Tausendstel Millimeter groß sind. Doch gemeinsam sind sie stark. Angesichts der Massenbewegung im menschlichen Miniaturwunderland ist nun erklärlich, warum sich so viele Leute am Ohr kratzen.

Angeblich brauchen Menschen die vielen Mitbewohner. Sie sind etwa für einen bestimmten Trakt im Souterrain des Körpers zuständig. Fachleute sprechen dann gern von der Flora. Das klingt einerseits so dufte nach einem blühenden Geschäft, andererseits aber auch nach Hausbesetzung.

In der Zusammenrottung der geschützt 10.000 verschiedenen Bakterien liegt eine Gefahr: Schon kleinste Kleinigkeiten reichen, und der Mensch ist ein Nichts. Aber ihm gehören ja ohnehin nur zehn Prozent seiner selbst.