Alles für den Miss-Erfolg

Vor 125 Jahren wurde die erste Schönheitskönigin gekürt. Da ahnte man noch nichts von Miss Plastik

Es wird Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, aber die Miss Germany lockt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Marthe Soucaret, erste amtierende Schönheitskönigin, war nach ihrem Sieg im belgischen Spa noch eine große Nummer. Goldmedaillengewinnerberühmt. Heute, 125 Jahre und mindestens genauso viele Schönheitsideale später, bläst jede Sparkasse nach Schalterschluss zu Sekt und Schaulaufen auf dem Kundenparkplatz. Jedes Dorf mit mehr als drei Weinreben bindet seiner saisonal wechselnden Königin eine Schärpe übers Dirndl. Und jeder Privatsender leistet sich eine Klatschspaltenprominente, die aus Tausenden jungen Frauen diejenige herauspickt, die der Nassrasierer-Großkunde am liebsten auf seinem Werbeplakat sehen würde. Alles ganz schön siebtklassig also. Und die Konkurrenz verwässert das Original.

Zum Glück gibt’s auch die heiteren Seiten der gesellschaftlichen Miss-Inflation. Mit anderen Worten: Das Wettrüsten im Namen der Schönheit hat sich demokratisiert. Vorbei die Zeiten, in denen nur 90-60-90-Frauen in die Kameras blinzeln durften; die Körper einzig geschliffen von acht Stunden Schlaf und drei Hektolitern stillem Mineralwasser täglich. In Ungarn sucht man heute ganz frech die „Miss Plastik“. Falsche Brüste, neue Nase, vollere Lippen – erlaubt ist, was ein paar Monatsmieten verschlungen hat. Schön auch das kleine Fleckchen Litauen, das vergangenes Jahr ausrückte, in einer Fernsehshow die schönste Kriminelle zu finden. Miss Knast sozusagen. Getoppt nur von der russischen Atomindustrie, die sich nach Tschernobyl einem radikalen Imagewandel verschrieben hatte. Die Mitarbeiterschönsten aus den Atommeilern waren aufgefordert, „Miss Atom“ auszukämpfen. Mit den Waffen der Frauen, versteht sich. Reden wollen wir an dieser Stelle gar nicht von Miss Schlamm-Catchen, Miss Frozen Yoghurt oder Miss Bestattungsinstitut, die sich gewiss in dem einen oder anderen Postleitzahlenbezirk verstecken.

Schön ist heute, was anders ist.