Hosenlupf auf Sägemehl

„Das Eidgenössische“: Ende August feiern die Schweizer wieder ihr ganz besonderes Olympia

Zu den Nationen, die sportliche Höchstleistungen im Blut haben, gehört die Schweiz gewiss nicht, obwohl sie eine namhafte Pharmaindustrie besitzt. Beschleunigung ist nicht die herausragende Eigenschaft der Eidgenossen, die immer dann so heißen, wenn man das Wort Schweizer nicht wiederholen will. Sie verstehen als ihre beste sportliche Disziplin das Versteckspiel, insbesondere wenn es um Geld auf Bankkonten geht. Aber wenn sie sich der Leibesertüchtigung hingeben, dann mit solcher Wucht, dass die Löcher aus dem Emmentaler fliegen.

Weil die Berge den Blick versperren, feiern die Schweizer ihr Olympia, das in dem sie umzingelnden Europa unbeachtet bleibt. Es heißt „Eidgenössisches Schwing- und Älplerfest" (ESAF). Und da das bedächtige Aussprechen dieses Namens sehr lange dauert, nennt man es auch kurz „das Eidgenössische“. Es findet alle drei Jahre statt, Ende des Monats im Emmental.

Es gibt nur einen Wettbewerb: das Schwingen, auch als Hosenlupf bekannt. Das ist ein Ringkampf, aber nicht im griechisch-römischen, sondern eher im rätoromanischen Stil. Wer sich im helvetischen Schwingerclub behaupten will, muss verschiedene Schwünge beherrschen, den Übersprung etwa, den Hüfter, den Bur oder den Brienzer. Diesen zum Beispiel gibt es als Inneren und Äußeren Brienzer mit Ausführung links und rechts, als freien Brienzer und natürlich als Brienzerkombination. Beim Griff zum Gestöss kann das Publikum in Wallung geraten, muss es aber nicht.

Der Wettkampf findet auf einer kreisförmigen Fläche statt, die mit 23 Kubikmeter Sägemehl gepolstert ist. Nach dem Kampf kommt das große Schulterklopfen, aber nur, um dem Verlierer das Sägemehl abzuschlagen. Wer seinen Gegner aufs Kreuz legt, darf sich rühmen, zur Schweizer Garde zu zählen. Für Olympia kommt dieser Sport nicht infrage. Es gibt dort schon ein Überangebot. Nehmen wir nur mal die Wegwerfgesellschaft in der Leichtathletik: Diskus- und Hammerwerfer sind ja schon für Schleuderpreise zu haben.