Karasek

Hoffnungslos im Netz gefangen

Kein Entkommen mehr aus der Ausforschungs-Wolke? Wohin sich die Segnungen des Internets entwickelt haben

„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Das ist das pessimistische Resümee, das Dürrenmatt mit seinen Physikern zieht, wo drei Atombombenschöpfer sich aus Angst vor ihrer Erfindung in ein Irrenhaus zurückziehen. Das war zum Höhepunkt des Kalten Krieges, als in New York die Atomuhr eigentlich immer eine Minute vor zwölf stand.

„Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Das erleben wir dieser Tage drastisch mit dem Internet, dessen Hydra und quallenartige Ausbreitung als Ausforschungswolke offenbar auch nicht mehr zurückdrehbar ist.

In den 1980er-Jahren von seinen begeisterten Propheten wie Nicholas Negroponte in den USA als Erlösung der Menschheit gefeiert, die mit allen ökonomischen und politischen Schranken für Informationen auf der Welt aufräumen würde, hat das allgegenwärtige Netz im Augenblick, so scheint es zumindest, die Welt fast in ein Irrenhaus verwandelt.

Man ist überall zu orten, aufzufinden, in seinen Gedanken und Handlungen zu erkennen, ja, mit seinen künftigen Plänen greifbar. Aus dem egalisierenden Befreiungssystem, dem Internet, das scheinbar Völker befreite (Arabellion), Regime wegzufegen droht, ist ein Fangnetz geworden, in dem wir hilflos ausgeliefert zappeln.

Schaut meine Frau heute nach, ob sie via Internet ein bestimmtes Hotel an der Côte d’Azur buchen kann, wird sie bei der Absage mit Parallelgeboten überschwallt und übergossen. Jeder weiß auf einmal, was sie wo, wann und warum will. Kauft man einen up-to- date mit Internet ausgestatteten Fernseher, wird man, ehe man etwas ahnt, sofort ausgemacht und geortet und mit einem Schwall von Angeboten und Vorschlägen überschüttet und kontrollierend ins Visier genommen.

Der weißrussisch-amerikanische Forscher Professor Evgeny Morozov hat am Freitag in der „FAZ“ sehr schlüssig bewiesen, dass kein Entkommen mehr ist. Sollte die NSA-Spionage kontrolliert verboten oder restriktiert werden, folgert er, so wird sie sich alles auf dem freien Markt des Konsums besorgen. Jede elektrische Zahnbürste wird auch den Geheimdienstleuten verraten, ob wir unseren Spinat brav essen. Brave New World.

Die Unmoral hat jetzt schon den Staat total erfasst. Wenn Daten-Stehler des Bankgeheimnisses dem Staat unverhohlen ihre Schnüffeleien zu horrenden Preisen anbieten und der Staat schulterzuckend als Hehler zugreift, ist diese Stufe längst erreicht.

Ein Trost bleibt für denjenigen, der tröstbar ist: Die Atom-Apokalypse ist wohl deshalb ausgeblieben, weil ein Gleichgewicht des Schreckens herrschte. Vielleicht ist es, wenn alle von allen alles wissen können, irgendwann genauso.

Karasek schreibt jeden Sonnabend im Hamburger Abendblatt