Karasek

Vollwaise mit Chuzpe

Wie Außenminister Guido Westerwelle nachträglich Libyen von seinem Diktator Muammar al-Gaddafi befreit haben will

Chuzpe schreibt sich wirklich so, kommt aus dem Jiddischen und heißt: Unverfrorenheit, unbekümmerte Dreistigkeit, Unverschämtheit. Aber das trifft es noch nicht ganz. Besser erklärt es der jüdische Witz: Chuzpe ist, wenn der Elternmörder vor Gericht auf mildernde Umstände plädiert, weil er Vollwaise sei. Ich denke, man könnte Chuzpe auch sehr gut mit Westerwelles letzten Auftritten definieren, der gleich zwei Witze in Chuzpe-Art, jetzt wo es mit Gaddafi zu Ende geht, als ernst gemeinte politische Statements gerissen hat. Der erste: Die Aufständischen hätten gesiegt, weil Deutschland an vorderster diplomatischer Front für Sanktionen gegen Gaddafi gestritten habe.

Wie bitte? Das sagt derselbe Außenminister, der versuchte, die Entschließung im Weltsicherheitsrat durch eine Enthaltung zu torpedieren. Und der tapfer verdrängt hat, dass er, wäre er durchgekommen mit seiner Haltung, die libyschen Aufständischen dem sicheren blutigen Ende durch Gaddafis Truppen ausgesetzt hätte. Es war eine Minute vor zwölf, als Westerwelle die Rettung durch Franzosen, Engländer und Amerikaner zu stoppen versuchte. Und rühmt sich nun, dass er diplomatisch als Vollwaise gehandelt hat. Jetzt, zum Zweiten, gibt er sich beleidigt, wenn man ihm vorwirft, er habe Deutschland isoliert. Wieso isoliert?, fragt er. Russland und China hätten doch mit uns gestimmt. Wir im Bunde mit den beiden lupenreinen Demokratien Russland und China, die oft aus Angst, Freiheitsbewegungen ins eigene Haus zu rufen, sie im Weltsicherheitsrat zu blockieren suchen?

Ist das nun Chuzpe oder pure politische Dummheit, wenn man damit die engsten Freunde in EU und Nato vor den Kopf stößt? Die Kanzlerin hält kräftig mit: Sie freue sich, dass die Uno-Resolution zum Sieg über Gaddafi geführt habe. Auch Chuzpe? Oder Korrektur des Westerwelle-Ausspruchs: "Ich habe Libyen mit befreit"? Dann müsste der Rücktritt des "entmachteten Außenministers" ("Die Zeit") die Konsequenz sein. Vorerst übt sich Westerwelle als "Rosinenpicker" ("Die Welt"). Aus dem Kohl-Interview, das mehr "Verlässlichkeit und Stetigkeit" in der Außenpolitik anforderte, suchte er sich die (ihn nicht betreffenden) Rosinen raus und sagte, den Rest habe er noch nicht gelesen. Auch das eine Form von Chuzpe. Oder soll man sagen: Feigheit?