Karasek

Gründlich vergeigt

Erst beethöflich, dann mozärtlich: Musik macht nicht nur Geräusche, sie weckt auch Gefühle

"Musik", so wusste schon Wilhelm Busch, der dem malträtierten Klavier und der gequälten Violine manch verständnisvollen Vers gewidmet hat, "Musik wird störend oft empfunden / zumal sie mit Geräusch verbunden". Diese weise Einsicht kam mir in den Sinn, als ich von dem Dirigenten und 1. Kapellmeister (bis 2006 an der Komischen Oper Berlin) Jin Wang las, der jetzt in Würzburg vor Gericht stand, nachdem ihn seine Schülerin Anne B. wegen sexueller Nötigung verklagt hatte.

Er, 50, verheiratet, vier Kinder; sie mit einem Trompeter liiert, 25, und seine Lieblingsschülerin, die er mit SMS-Botschaften und nächtlichen Serenaden verfolgt haben soll - bis es zum opernhaften oder soll man sagen: operettenhaften Eklat kam. Musik macht nicht nur Geräusche, sondern erweckt auch Gefühle. Und auf der Geige kann man sich auch vergreifen. Nach einem Konzert am 20. Mai 2007 soll der erhitzte Stargeiger seine Schülerin nach Hause begleitet, sich zu ihr in den Hausflur gedrängt, sie gegen die Briefkästen gedrückt, geküsst und, als sie sich seiner zu erwehren suchte, ihr die Geige weggenommen haben - eine wertvolle Stradivari wahrscheinlich. Und er soll ihr damit gedroht haben, das Instrument erst wieder zurückzugeben, wenn sie ihn in ihre Wohnung einließe. Ohne Violinschlüssel. Ein offenbar gründlich vergeigtes Date also, von dem wir nicht wissen, wie und wo es endete, als jetzt vor einem Würzburger Gericht, wo der Missklang in einem Prozess endete. Doch der angeklagte Streicher griff zum letzten Mittel.

Plötzlich packte der 50-Jährige seine Geige aus und spielte ein Stück aus der "Tosca". Der Richter, ja selbst sein Anwalt, sahen ihn entsetzt an. Keiner rief "Da Capo!" Niemand "Bravo" oder gar "Bravissimo". Das improvisierte Solo wurde nicht als willkommene Zugabe empfunden, sondern eben als störend. Dabei hatte der Geiger, der alles außer seinem Instrument nicht im Griff hatte, auf die Macht der Musik gesetzt, nicht auf seine Zauberflöte, sondern auf seine Wundergeige. Mir fiel dazu eine Geschichte ein, die mir Uli Wickert aus der Studentenzeit erzählt hatte.

Da suchte ein Student eine Bude, und als seine Wirtin fragte, was er denn studiere, sagte er: Musik! Und da schüttelte sie nur den Kopf und sagte, sie hätte schlechte Erfahrungen. Der letzte Musikstudent, an den sie vermietet hätte, sei zu ihrer Tochter erst beethöflich gewesen, dann aber sei er mozärtlich geworden, habe sie beim Händel genommen und abends über den Bach zu den Haydn auf den Schönberg geführt. Und als neun Monate später ein kleiner Mendelssohn zur Welt kam, fragten sie sich: Wo Hindemith? Das macht die Musik! Oder: Die Macht der Musik! Oder wie Wang dachte: Er macht die Musik! Da muss er künftig andere Saiten aufziehen.