Karasek

Die Lausemädchen des Schürzenjägers

Kehrt marsch ins Deutsch der Fünfziger. Das Zitronenfalter-Syndrom um den mutmaßlichen Hallodri Jörg Kachelmann.

Durch die Berichterstattung der "Zeit" über den Kachelmann-Prozess in der vergangenen Woche habe ich endlich erfahren, was der "mutmaßliche Angeklagte" (so nenne ich ihn, um von seiner Verteidigung nicht wegen Befangenheit abgelehnt zu werden) für einen Beruf ausübt: Er ist, ob im Erst- oder Zweitberuf, "Schürzenjäger".

Schürzenjäger! Bisher dachte ich, dass das ein ausgestorbener, weil anachronistischer Beruf sei wie "Zitronenfalter", den es ja auch nicht mehr gibt, seit Zitronen nicht mehr gefaltet, sondern in Containern importiert werden, während andere Berufe mit Zitrusfrüchten geradezu schwunghaft blühen, beispielsweise in der Kosmetikbranche, weil sie sich der Orangenhaut widmen.

Kachelmann also ist Schürzenjäger! Und das geradezu mit getriebenem Eifer!

Wo aber gibt es noch Schürzen, die es sich zu jagen lohnt - außer im "Musikantenstadl", wo die Schürzenjäger Lederhosen tragen und Mädchen mit Dirndl(schürzen) jagen und vor allem durch Jodeln auffallen? Daher auch der Name "Hallodri", den der "Spiegel" dem Mutmaßlichen verlieh.

Der mutmaßliche Wetterfrosch jedoch (diesen Beruf verdankt er wahrscheinlich der Tatsache, dass er die Partnerinnen in seiner erotischen Parallelwelt mit der Ermunterung "Sei kein Frosch! Die Kröte musst du schlucken!" eroberte) hatte die Angewohnheit, ob davor oder danach, darüber streiten die Gutachter, Spaghetti mit Tomatensauce und Parmesan zu essen, die ihm seine mutmaßliche Verlobte, wahrscheinlich mit Schürze bewaffnet sowie einem Tomatenmesser, zubereitete.

Er hat in seinem Beruf, um nicht ins Schleudern zu kommen, jeder Schürzenträgerin schlauerweise denselben Kosenamen gegeben: "Lausemädchen" - auch das klingt anachronistisch, nicht nach Mikrowelle oder Fast Food, sondern nach Heimchen und Herd, nach Fünfzigerjahren.

Die Gebrauchsanweisung dazu fand ich in einem deutschen Schlager, den Bully Buhlan in den Fünfzigern sang: "Ich nenne alle Frauen ,Baby', denn das ist so unerhört bequem. Man kann sie dabei nicht verwechseln, das ist doch angenehm. Ich nenne alle Frauen ,Baby', und ich schmeichle mich bei jeder ein. Und keine weiß von einer andern. Hält sich für Baby allein! Wenn ich leise ,Baby' rufe, klingt das nicht wie Musik? Und wenn ich zärtlich ,Baby' sage, heißt das fast: Ich hab dich lieb! ..."

Damit lassen sich alle als zum Baby Entmündigten leicht einwickeln oder auswickeln. Und Lausemädchen? Von ihnen weiß die Erfahrung, dass sie ohnehin gerne leicht geschürzt sind. So war sie, die gute (!) alte Zitronenfalter-Zeit. Als Wetterfrösche sich noch in Prinzen verwandelten. Und nicht in mutmaßliche Heiratsschwindler.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.