Ich sag mal

Was tragisch ist und was nicht

Warum wir bestimmte Redewendungen benutzen, obwohl wir doch wissen, dass sie falsch sind.

Diese Kolumne wird nichts an dem ändern, was sie kritisiert. Wenn ich nicht längst wüsste, dass der "communis error", also der Fehler, den viele Menschen immer wieder machen, stärker ist als jedes Argument dagegen, dann müsste ich aufhören, Sprachglossen zu schreiben. Es wird also weiterhin von "tragischen Unfällen" und "feigen Anschlägen" die Rede sein. Aber was daran falsch ist, darf man doch sagen.

Ein Unglück, auch ein so schreckliches wie das in Duisburg, ist weder schicksalhaft noch unausweichlich. Hier gibt es keinen tragischen Helden, sondern allenfalls strafrechtlich zu verfolgendes Fehlverhalten. Tragik aber entsteht, wenn der Mensch in einen unlösbaren Konflikt zwischen zwei Mächten gerät, in dem er sich für die eine entscheiden muss, obwohl er beide für wertvoll hält. Der tragische Held wird zwangsläufig schuldig. "Das Tragische beruht auf einem unausgleichbaren Gegensatz", sagt Goethe. "Wo Gott und Mensch zusammenstoßen, entsteht Tragödie", heißt das Motto der diesjährigen Salzburger Festspiele. So hoch muss man das aber nicht unbedingt hängen. Auch der Konflikt zwischen Notwendigkeit und Freiheit kann ein tragischer Konflikt sein.

Unglücksfälle sind traurig, wie alles Leid oder die Vernichtung von Menschenleben, die uns sinnlos erscheinen. Eine "Katharsis", also die "Reinigung", die in der Tragödie aus dem unausweichlichen Untergang des schicksalhaft schuldig Gewordenen erwächst, wird es hier nicht geben.

Die Floskel von dem "feigen Anschlag" mag - unbewusst - damit zusammenhängen, dass die Grundbedeutung des altgermanischen Adjektivs war: "dem Tode verfallen, unselig, verdammt" und nicht, wie heute, ängstlich, drückebergerisch. Wer sich aufmacht, schwer bewaffnete und bewachte Menschen zu meucheln, auch ein Selbstmordattentäter, der sich in die Luft sprengt, muss vieles sein: fanatisch, vielleicht wahnsinnig, voller krimineller Energie, verabscheuungswürdig, verbrecherisch - nur eins darf er nicht sein: feige. Denn dann würde er nicht auf den todbringenden Knopf drücken.

Aber, wie gesagt, es wird weiterhin von tragischen Unfällen und feigen Anschlägen die Rede sein.