Hirschhausen

Kra-Ka-Weh

Die letzte Botschaft des Orakels von Oberhausen: Jeder ist manchmal Experte. Und hinterher ist man immer schlauer

Paul schweigt. Dabei hätten wir noch so viele Fragen. Der allwissende Krake wusste mehr über die WM als alle Experten. Und wir haben von Vorhersage zu Vorhersage ein Wesen lieb gewonnen, das einen in acht Arme gleichzeitig nehmen kann. Oder auf den Arm?

Das Geheimnis aller Orakel: Vorhersagen sind schwierig, gerade was die Zukunft betrifft. Und: Hinterher ist man immer schlauer. Pauls Wahrscheinlichkeit, zum Wahrsager zu mutieren, lag nicht bei 1 zu 256, bei 8-mal "Kopf" beim Münzwurf. Denn wenn er bei einem der ersten Spiele schon danebengelegen hätte, wäre nicht der Oktopus aus Oberhausen, sondern vielleicht ein Maulwurf aus Wanne-Eickel zum Genie avanciert. Der Vergleich hinkt, sofern man das über einen Kraken sagen darf. Und bevor man an weitsichtige Calamares-Vorstufen glaubt, glaube ich an die Blindheit von Menschen im Umgang mit Zahlen und Wahrscheinlichkeiten.

Das ist bei Kraken harmloser als bei Atomkraftwerken. Die Debatte um das Verhökern von Restlaufzeiten ärgert mich. Dass ich da nicht als Komiker selber drauf gekommen bin! Der "unsichtbaren Hand des Marktes" werden ähnliche mystische Kräfte zugeschrieben wie dem Kraken. Sie soll alles ordnen, sogar auf einem Gebiet, auf dem es überhaupt keinen Markt gibt. Als ob UMTS-Lizenzen für Handys das Gleiche wären wie marode Betonhüllen aus den 70er-Jahren mit tödlichem Inhalt. Ein Funkloch oder ein überhitzter Akku am Ohr ist etwas anderes als ein Loch durch ein Flugzeug oder ein durchgeschmorter Reaktor. Dabei ist das Risiko, dass auch ein deutsches Kernkraftwerk einen gefährlichen Störfall produziert, für jedes einzelne deutlich unter dem 50/50 eines Fußballspiels. Aber je mehr es von den Dingern gibt, und je länger sie laufen, desto wahrscheinlicher knallt es. Eigentlich banal. Kein Experte der Welt kann vorhersagen, wo und wann. Das Doofe an "Jahrhundertereignissen": Sie kommen irgendwann. "Menschliches Versagen" heißt es dann im Nachhinein. Wäre es nicht schön, von menschlicher Klugheit zu lesen, aus Einsicht in die eigene Begrenztheit nicht in Wahlperioden zu denken, sondern in der Halbwertszeit von gespaltenem Uran?

Angela Merkel ist klug und Physikerin. Sie hat die Poker-Diskussion beendet. Vielleicht nutzt sie auch ihre Beziehungen, um Paul noch zu einer Aussage zu bewegen, wo es ein sicheres Endlager gäbe. Aber Paul ist in Restlaufzeit und nicht mehr zu erreichen. Und vielleicht ist das seine Botschaft: Wenn es eine Weile gut gegangen ist, dann soll man sein Schicksal nicht herausfordern. Wie bleibt man in bester Erinnerung: rechtzeitig runterfahren und abschalten.