Eingenordet

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Christian-A. Thiel

Gut orientiert: Menschen richten ihren inneren Kompass stets nach Norden aus, ermittelten Forscher

"Nordwärts, nordwärts wollen wir ziehen", romantisiert ein deutsches Fahrtenlied. Während die Wanderer dem Ruf der Wildnis folgen, ist auch für uns Normalbürger und Großstädter die oberste Spitze der Windrose das natürliche Ziel. Eine Studie des Max-Planck-Instituts in Tübingen ergab, dass sich unser Gehirn den Norden als Orientierungspunkt sucht. Wir haben sozusagen eine imaginäre Landkarte im Kopf. Und der Norden gibt die Richtung vor.

Der mythische Norden. "Da packte ihn der Adler fest und sicher, hob die Flügel und flog wieder nordwärts", haben wir alle in Selma Lagerlöfs "Nils Holgersson" gelesen. Ob sich so auch erklärt, warum die Nordseeküste das bevorzugte Reiseziel so vieler Rheinländer, Hessen und, ja, auch Bayern ist? Deutsche Kultusminister träumen schon länger von den paradiesischen Zuständen in skandinavischen Schulen. Und auch Zugvögel wissen, wo es langgeht: Sie fliegen wesentlich schneller gen Norden zurück als nach Süden.

Da ist er wieder, der Wettstreit zwischen Nord und Süd, Weißwurst und Matjes, dem FC Bayern und dem HSV, Alm und Watt, Föhn und Orkan, BMW und VW. Als die Kanzlerin als neue Kämpferin für die erneuerbaren Energien dem Norden den Ritterschlag erteilte: "Der Wind weht im Norden besser als im Süden", fegte ein Sturm der Entrüstung durch süddeutsche Gazetten. An dieser Stelle müssen wir es ja zugeben: Unser Bundespräsident ist auch ein Norddeutscher. Aber hätte seinerzeit nicht der in Dauererklärungsnot geratene Niedersachse Christian Wulff den Zuschlag erhalten, wäre mit Joachim Gauck auch ein Nordlicht Staatsoberhaupt geworden.

"Was ich bin und weiß, dem verständigen Norden verdank ich's", schrieb der deutsche Schriftsteller Emanuel Geibel im 19. Jahrhundert. Immerhin sagte er dann aber noch zur Ehrenrettung: "Doch das Geheimnis der Form hat mich der Süden gelehrt." Die geringsten Probleme mit der Himmelsrichtung hatte übrigens vor hundert Jahren der Polarforscher Roald Amundsen, der als erster Mensch am Südpol stand. Egal in welcher Richtung er von dort wieder aufbrach - es ging immer nach Norden.