Hirschhausen: Oft bleibt nur die kalte Dusche

Was guckst du?

Partnerwahl, was für ein Stress: unter 6 Milliarden Menschen den EINEN Richtigen zu finden, und das am besten noch innerhalb der ersten 80 Jahre. Letzte Woche sickerte eine Meldung aus dem Ticker, die bestätigte, was wir schon ahnten: Unter Stress verändert sich der Blick. (Lass-Hennemann, J. et al.: Effects of stress on human mating preferences: stressed individuals prefer dissimilar mates. In: Proceedings of the Royal Society 2010).

Ausgerechnet in Trier sollten 50 heterosexuelle Männer Fotos nackter Frauen beurteilen, die entweder ihnen selbst oder einem anderen Probanden ähnelten. Bei einem Teil der Bilder waren am Computer charakteristische Gesichtsmerkmale des jeweiligen Probanden beigemengt worden, gerade so viel, dass es nicht groß auffiel, das Bild aber vertrauter wirkte. Die Hälfte der Männer wurde künstlich unter Stress gesetzt, indem sie eine Hand drei Minuten in eiskaltes Wasser hielten - Herzfrequenz, Blutdruck und Stresshormone stiegen. Männer aus der Ins-kalte-Wasser-geworfen-Gruppe entschieden sich signifikant öfter für Frauen, die keine Ähnlichkeit zu ihnen aufwiesen. Entspannte wählten Frauen, die ihnen selbst glichen.

Gegensätze ziehen sich an? In Wissenschaft und Praxis sind es Gemeinsamkeiten, die einen länger gemeinsam leben lassen. Für stabile Partnerschaften gilt eindeutig "Gleich und Gleich gesellt sich gern".

Das macht auch evolutionär einigermaßen Sinn: Was uns vertraut vorkommt, ist vertrauenswürdig und hilft, die eigenen und ähnliche Merkmale weiterzugeben. Wählt man genervt eher Andersartige, wird aus dem "drum prüfe" die Torschlusspanik: Es kommt zu spontanen Übersprungshandlungen. Je verzweifelter man sucht, desto eher gerät man an "Falsche".

Für mich wirft der Versuch aber neue Fragen auf. Da steht, "auch von anderen Tieren sei bekannt, dass Stress den Reproduktionstrieb steigere". Ich kenne genug Leute, die unter vier Augen versichern, unter Stress versiege das Reproduktionsgeschehen. Könnte es sein, dass man eigentlich einen guten Partner hat, ihn aber unter Stress irrtümlich für ungeeignet hält?

Was mir auch schleierhaft bleibt: Warum verändert man die Gesichter, wenn man dann doch Nacktbilder zeigt? Wozu kaltes Wasser vorher, wenn man 50 nackte Frauen betrachten soll? Braucht man es nicht eher danach? Und: Warum hat man nur Männer untersucht? Seit wann haben die etwas mit der Partnerwahl zu tun? Der Mann wirbt nur, wählen tut die Frau. Den meisten Stress kann man sich als Mann ersparen, wenn man sich für eine Frau entscheidet, die einen bereits gewählt hat.

Das heißt ja nicht, dass man(n) nicht auch mal gucken darf.