"Avatar"

Zu wahr, um schön zu sein

Die Deutschen vergessen in "Avatar" gern mal ihren Alltag; vielen Chinesen wird der ihre offenbar umso schmerzlicher bewusst.

Im Kinohit "Avatar" verteidigen die drei Meter großen blauhäutigen Na'vi, Kampfdrachen fliegend, auf dem fiktiven Planeten Pandora einen fiktiven Bodenschatz gegen die Gier amerikanischer Marines, die die Na'vis zwangsumsiedeln wollen.

Nun entspricht dieser Film-Plot eher nicht der Lebenswirklichkeit in Barmbek oder Lurup. In China ist das offenbar anders. Jedenfalls befand das kommunistische Regime: zu wahr, um schön zu sein. Flugs wurde die Aufführung des Streifens in 2-D verboten. Das ist raffiniert, denn nur wenige Kinos im Reich der Mitte sind für die dreidimensionale Technik ausgerüstet. Peking befürchtet, dass der amerikanische Kassenknüller als Büchse der Pandora soziale Unruhen auslösen könnte. Zwar sind die wenigsten Chinesen drei Meter groß und indigoblau, aber mit Zwangsumsiedlungen sind viele ganz real vertraut. Ob Behörden oder profitorientierte Unternehmer - wer bautechnisch irgendwie im Weg steht, und das nicht nur in Tibet, dessen Rechtsweg ist kurz wie eine Reisnudel. Und geräumt wird dann ganz plastisch in 3-D.

Die Deutschen vergessen in "Avatar" gern mal ihren Alltag; vielen Chinesen wird der ihre offenbar umso schmerzlicher bewusst. Vielleicht war es nicht die brillanteste Idee des US-Konzerns "Google", der gerade in einer erbitterten Zensur-Fehde mit Peking liegt, seinen chinesischen Mitarbeitern 200 Tickets für "Avatar" zu spendieren - damit sie sich mal so richtig entspannen können.

Dem Volk wird nun sinnstiftendes Filmgut als Ersatz angeboten: Leben und Werk des Philosophen Konfuzius. Der ist längst tot, da kann nichts schiefgehen, dachten sich die Zensoren wohl. Doch hat auch dessen Geschichte ihre Tücken; Konfuzius ging wegen Korruption seiner Herrscher ins Exil. Auch zum "Avatar"-Verbot hat sich der Weise schon vor 1500 Jahren geäußert: "Wer unsere Träume stiehlt, gibt uns den Tod."