Ich sag mal

Wenn wir dürfen, was wir müssen

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Nun sollen wir auch noch wollen, damit wir dann dürfen, was wir ohnehin müssen.

Es drehe ihm immer fast den Magen um, lässt Leser G. mich wissen, wenn er von "Leuten, die in der Öffentlichkeit auftreten und ernst genommen werden wollen", Formulierungen höre wie "in keinster Weise, zur vollsten Zufriedenheit, nichtsdestotrotz". Da sei doch Aufklärung vonnöten.

Na gut: Dass man das Pronomen "kein" nicht steigern kann (kein, keiner, am keinsten - oder wie?) ist ja wohl ohne weitere Aufklärung klar. Das Adjektiv "voll" hingegen kann man steigern, doch in Verbindung mit dem Substantiv Zufriedenheit sollte man das aus stilistischen Gründen lieber nicht tun. "Nichtsdestotrotz" aber hat inzwischen seinen Weg in die Umgangssprache und die maßgeblichen Wörterbücher gefunden, und kein Sprachkritiker wird es daraus wieder vertreiben.

Es gibt zahllose Fehler, die der Sprachgebrauch längst assimiliert hat, zum Beispiel "weil" (statt: denn) am Beginn eines Hauptsatzes, oder leider auch die Verwendung von "trotzdem" da, wo "obwohl" oder "obgleich" korrekt wäre. Nicht zu vergessen das berühmte "gewunken". Wenn das richtig wäre, müsste es auch die Vergangenheitsform "wank" geben (so wie bei der Flektion stinken, stank, gestunken).

Genug der Schulmeisterei. Fragen wir uns doch lieber mal, was es mit dem jetzt häufig anzutreffenden Begriff "Drohkulisse" auf sich hat. Was ist das überhaupt? "Eine Drohung - das ist klar", meint ein anderer Leser G. "Eine Drohkulisse aber ist vielleicht gar keine Drohung, sondern ein, sagen wir mal, potemkinsches Dorf, also etwas, das nur so tut, als ob." Und folglich wirkungslos ist.

Vielleicht ist Ihnen ja auch schon mal aufgefallen, dass wir jetzt immer "dürfen", wo wir in Wahrheit müssen. So sagt zum Beispiel die Sprechstundenhilfe beim Zahnarzt nach Feststellung der Personalien: "Sie dürfen im Wartezimmer Platz nehmen." Oder der Verkäufer sagt: "Sie dürfen jetzt Ihre Geheimnummer eingeben und zweimal bestätigen." Das ist ja alles nett gemeint, und niemand wünscht sich den Kommandoton zurück, der ehedem an der Stelle (hier steht diese oft nachgeplapperte Floskel ausnahmsweise mal richtig) die Regel war. Aber man darf doch daran erinnern, dass Dürfen das Wollen voraussetzt. Und nun sollen wir also wollen, damit wir dann dürfen, was wir ohnehin müssen? Reicht es denn nicht, dass wir aus Pragmatismus oder Pflichtbewusstsein unsere Rechnungen bezahlen oder die Zähne reparieren lassen? Also, trotzdem ich immer wieder dürfen soll - mir reicht es.