SEXUALITÄT: WIE WAR DAS DAMALS? ZU FRÜH? LANG ERSEHNT?

Das durchschnittliche erste Mal

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Anne Klesse

104-mal pro Jahr haben wir im Durchschnitt Sex. Bis es so weit ist, sind einige Hürden zu nehmen. Zum Beispiel das mit der Aufklärung. Irgendwie immer eine peinliche Angelegenheit - aber unumgänglich.

Je schlauer ein Mensch, desto später der erste Sex. Das will ein US-Wissenschaftler bewiesen haben. Demnach hatten Jugendliche mit einem hohen IQ erst in höherem Alter ihr "erstes Mal" als ihre weniger intelligenten Mitschüler.

Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bestätigt das: Jugendliche mit niedrigerem Bildungsstand und/ oder eher ungebildeten Eltern machen ihre ersten sexuellen Erfahrungen früher als Gleichaltrige mit höherer Bildung. Laut der Statistik haben bei den Hauptschülern 63 Prozent der Mädchen und 53 Prozent der Jungen ihren ersten Geschlechtsverkehr mit 14 Jahren oder sogar früher. Bei den Gymnasiasten hingegen sind es 32 (Mädchen) und 19 Prozent (Jungen).

"Keine neue Entwicklung", sagt Dr. Hertha Richter-Appelt, Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin und Professorin am Institut für Sexualforschung des UKE. "Jugendliche aus der sogenannten Unterschicht werden meist früher mit dem Thema Sex konfrontiert, solche aus bildungsnaheren Familien später, Sexualität wird je nach Bildungsstand anders bewertet." Körperliche Nähe werde in gebildeteren Familien eher mit Liebe und fester Beziehung in Verbindung gebracht.

Der Zusammenhang zwischen Intelligenzgrad und Sexualverhalten wird schon in dem ein oder anderen plumpen Witz hergestellt. Nun ist er also wissenschaftlich belegt. Auf die Praxis übertragen müssten die Menschen in Malaysia am schlauesten sein, denn sie sind mit 23 Jahren recht alt bei ihrem ersten Mal Sex. Die Österreicher wären mit einem Durchschnittsalter von 17,3 Jahren demnach die Dümmsten aller Sex-Anfänger. Das sagen zumindest die Ergebnisse des jährlichen Durex Sexual Wellbeing Survey, für den weltweit fast 26000 Menschen nach dem Zeitpunkt ihres ersten Geschlechtsverkehrs befragt wurden.

Wir Deutschen schneiden übrigens auch nicht gerade schmeichelhaft ab: Denn nach den Brasilianern (17,4 Jahre) stehen wir mit durchschnittlich 17,6 Jahren auf Platz drei und sind damit nicht nur die Drittjüngsten beim ersten Sex, sondern sozusagen auch die Drittdümmsten. Immerhin, 78 Prozent der Deutschen gaben an, verhütet zu haben. Ganz so dumm können wir also doch nicht sein. Jugendliche in Deutschland seien im Vergleich "relativ gut aufgeklärt", sagt auch Expertin Hertha Richter-Appelt.

Aufklärung zu Hause

Die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung untermauert das. Wurde 1980 nicht einmal die Hälfte aller Jungen zu Hause aufgeklärt und hatten 35 Prozent von ihnen keine Vertrauensperson für sexuelle Fragen, sind es inzwischen 65 Prozent der Jungen und 75 Prozent der Mädchen, die von ihren Eltern aufgeklärt werden. Bei mehr als der Hälfte der Jugendlichen sind Mutter und Vater auch Vertrauenspersonen. Die Statistik zeigt, dass Jugendliche mit wenig Vertrauen zu ihren Eltern von ihrem ersten Sex eher überrascht wurden.

Je besser die Vertrauensbasis, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der erste Partner ein fester Freund ist. Auch das Erleben hängt mit der Familienstruktur zusammen - sind Sexualität und Verhütung zu Hause Thema, wird das erste Mal häufiger als "etwas Schönes" empfunden, als wenn nicht darüber gesprochen wird.

Doch die Sache mit der Aufklärung ist nicht so einfach, wie sie klingt. Eltern, die von sich selbst dachten, sie wären cool und hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern, schieben sich gegenseitig den Schwarzen Peter zu, drücken sich vor einem offenen Gespräch. Tabuthemen sind laut Studie sexuelle Praktiken, der Höhepunkt, Selbstbefriedigung und Pornografie.

Professorin Richter-Appelt empfiehlt, kontinuierlich aufzuklären. "Ein einziges Gespräch reicht nicht, das muss ein Prozess sein, in dem immer wieder verschiedene Themen angesprochen werden." Den richtigen Zeitpunkt abzupassen, fänden viele Eltern schwierig. Je früher jedoch Themen wie Liebe, Sexualität und Verhütung angesprochen würden, desto sicherer sei es, dass für jedes Kind irgendwann der richtige Zeitpunkt dabei ist. Und ganz nebenbei können sich so auch Eltern an die Thematik gewöhnen.