Thema

Wenn Leser nachts aus der Kneipe in der Redaktion anrufen

Als die Zeitungen noch im Morgengrauen in Bleisatzschwaden hergestellt wurden und Redakteure noch als respektable Personen galten, also ganz früher, als noch niemand wissen konnte, was Fake News wohl eines Tages anrichten könnten, und niemand informiert gewesen wäre über das, was es Neues im Herzen der Heimat und in der weiten Welt gab, wenn man nicht, ja wenn man nicht einmal am Tag intensiv durchs Abendblatt geblättert hatte, damals also, als es in Hamburg noch gemächlicher zuging und berechenbarer und die Leser noch genau wussten, beim Abendblatt, da sitzen Redakteure, die einfach alles wissen, damals also, da saßen immer eine Handvoll Kolleginnen und Kollegen spät in der Nacht am Produktionstisch, weil die Zeitung noch den letzten Schliff bekommen musste und weil irgendwo in der Stadt auch nach 23 Uhr noch was passierte, das unbedingt ins frische Blatt sollte, und weil alles, wirklich alles sehr gründlich gelesen werden sollte, bevor die Texte mit Druckerschwärze auf Papier verewigt wurden und danach wie Grabsteine nicht mehr verändert werden konnten, damals also, in später Nacht, als jeder schlief, der am nächsten Morgen früh zur Arbeit musste, und als nur noch in Reeperbahnnähe ein paar späte Kneipenhocker am Tresen saßen und sich in Rage redeten und darüber stritten, ob Bogota oder Caracas die Hauptstadt von Kolumbien sei, und sie gewettet hatten um alle Striche, die sich auf ihrem Bierdeckel angesammelt hatten, also um die Bezahlung ihrer Zeche, sie selbst aber nicht wissen oder entscheiden konnten, wer nun recht hat in der Hauptstadtfrage, und es auch noch kein Smartphone gab und kein Google und kein Wikipedia, als Tabletts noch mit zwei „t“ geschrieben wurden und an tragbare Computer überhaupt nicht zu denken war, damals also ließen sich die beiden fast Volltrunkenen ein Telefon, eins mit Drehscheibe, auf die Theke reichen und versuchten aus ihrer Stammkneipe mit viel Anstrengung und erst nachdem der Wirt ihnen aus einem der beiden dicken Hamburger Telefonbücher, denn die waren nötig, um alle Anschlüsse im Stadtstaat aufzulisten, als der Wirt also die Nummer des Hamburger Abendblatts herausgesucht hatte und die Suffis endlich die richtigen Zahlen zusammenhatten und nach mehrmaligem Klingeln endlich dort gelandet waren, wo um diese Zeit die einzigen Kollegen überhaupt noch anwesend waren, also bei den Spätredakteuren des Abendblatts, also jenen, die sich ihre Lorbeeren erst noch verdienen mussten, die an diesem späten Abend genau hinhören mussten, um aus der vom Alkohol gestörten Sprache, ja aus dem kaum verständlichen Genuschel endlich herausfiltern konnten, dass der Anrufer wissen wollte, wie die Hauptstadt von Kolumbien heißt, ob Bogota oder Caracas, damit endlich geklärt werden konnte, wer den Deckel des Abends bezahlen musste, und der Spätredakteur langsam ungeduldig wurde, weil der Anrufer nicht nur schwer verständlich und kaum zum Artikulieren fähig war, sondern auch in seinem völlig besoffenen Zustand kaum noch Herr über seine Gehörgänge war, zu diesem Zeitpunkt also, schrie endlich der ansonsten eher leise und sehr liebevolle Kollege mit sich überschlagender Stimme, obwohl selbst stocknüchtern, in den Hörer „Bogota, Bogota, du Dösbaddel“, und der Dösbaddel nach ein paar Sekunden in fast nüchterner Klarheit brav antwortete „ischa gediegen“, denn er hatte auf Bogota gesetzt, sein Kumpel auf Caracas, und der musste laut Wette der beiden also jetzt alles bezahlen, was die zwei an dem Abend weggeschluckt hatten, und das Abendblatt hatte es mal wieder geschafft, hatte für Klarheit gesorgt und mindestens einen Hamburger aus schier aussichtsloser Lage gerettet und glücklich gemacht, ja so war das damals, damals, wenn man es genau wissen wollte.