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Meine Flucht mit Udo Jürgens

Mit dem „Gentleman“ war auch für das deutsche Berufs­boxen der Aufschwung gekommen. Unter diesem Kampfnamen hatte Henry Maske, ehedem DDR-Staatsamateur, seit der Wende 1990 den Faustkampf hierzulande vom Schmuddel-Image zu befreien versucht. Seit 1993 war Maske Profi-Weltmeister der International Boxing Federation (IBF) im Halbschwergewicht, dank des Saubermannes war Boxen wieder zum gesamtgesellschaftlichen Ereignis geworden. Im Jahr 1995 nun schickte sich Axel Schulz, Maskes jüngerer Stallgefährte aus Frankfurt/Oder, ebenfalls an, Weltmeister zu werden – in der Königsklasse, dem Schwergewicht.

Schulz, von amerikanischen Medien als „Max Schmelings Enkel“ angekündigt, war im Frühjahr über Nacht weltberühmt geworden, als er dem Welt- und US-Altmeister George Foreman in Las Vegas einen beherzten Kampf geliefert hatte. Dass die drei Punktrichter Foreman einen knappen Sieg zuerkannten, quittierten auch amerikanische Zuschauer mit heftigen Unmutsäußerungen. Der Weltverband IBF ordnete einen sofortigen Rückkampf an. Weil der damals 47-jährige Foreman dem nicht nachkam, bot sich Schulz gegen den ungeschlagenen Südafrikaner François „Frans“ Botha eine erneute Chance auf den damit vakanten Titel, diesmal mit Heimvorteil.

Der Abend des 9. Dezember 1995 in der ausverkauften Stuttgarter Schleyer-Halle sollte das Sport-Ereignis des Jahres (und für den Sender RTL mit 18,5 Millionen Zuschauern ein ewiger Einschaltquoten-Rekord) werden. Für mich als Abendblatt-Redakteur aber auch die gefährlichste Nacht als Box-Berichterstatter – verbunden mit einer ungewöhnlichen Begegnung mit Udo Jürgens, für dessen Hit „17 Jahr, blondes Haar“ die zwei WM-Kämpfer schon damals zehn Jahre zu alt waren.

Doch das Duell Schulz vs. Botha hatte mehr VIPs, Politiker, mehr Schickis und Mickis denn je angelockt: Formel-1-Chef Bernie Ecclestone, Tennis-Mogul Ion Tiriac, Daimler-Chef Jürgen Schrempp, die Landesväter Manfred Stolpe (Brandenburg/SPD) und Erwin Teufel (Baden-Württemberg/CDU), der damals unvermeidliche Roberto Blanco, Rock-Lady Doro Pesch oder Film-Diva Cleo Kretschmer. Die hatte nach dem enttäuschenden Box-K(r)ampf über zwölf Runden zwischen „weicher Riese“ (Schulz) und „weißer Büffel“ (Botha) nicht nur wegen des Urteils Tränen in den Augen: Die drei Punktrichter sahen Schulz erneut als knappen Verlierer, in Stuttgart indes wollte das ein Teil des Publikums nicht wahrhaben. Kaum war Botha als neuer Weltmeister verkündet, flogen Münzen und Sektgläser, danach einige leere, schließlich sogar volle Sektflaschen in Richtung des Rings. RTL, bis dato beim Reality-TV immer gern dabei, blendete abrupt aus, als es in der Schleyer-Halle brenzlig wurde.

Manche alkoholisierte der etwa 3000 Möchtegern-VIPs unter den 13.000 Besuchern hatten Zeremonienmeister Michael Buffer und seinen Spruch „Let’s get ready to rumble“ („Lasst es krachen!“) leider wörtlich genommen. Aus Wut über das Urteil warfen sie zudem zuvor verteilte Probefläschchen eines Mundwasser-Herstellers in den sogenannten Käfig, also in Richtung der Stuhlreihen direkt am Ring. Kämpfer, Trainer, Manager inklusive des berüchtigten Promoters Don King, Offizielle und VIPs flüchteten oder gingen unter den Stühlen in Deckung, Panik breitete sich aus.
Programmhefte und Damen-Handtaschen mussten als Schutzschilde herhalten, meine dicke Arbeitsmappe – ein Mitbringsel vom Deutschen Tennis Bund aus Hamburg – erwies sich zum Glück als erstaunlich stabil und leistete gute Abwehrdienste. Der Münchner Fotograf Hans Rauchensteiner sowie die Unesco-Botschafterin und Düsseldorfer Society-Lady Ute Ohoven zählten indes zu den sechs Verletzten.

Unter der Mappe hervorblickend hatte ich gesehen, wie und wohin sich Udo Jürgens in die Katakomben geflüchtet hatte. Ein sicherer Weg. Dort wirkte der Schlagerstar erst konsterniert, nahezu bleich, das Haar leicht zerzaust, der dunkle Anzug befleckt. Doch ganz Show-Gentleman, stand er recht schnell wieder Rede und Antwort. Er sei das erste Mal bei einer Box-WM gewesen. „Manche Besucher haben sich wie Tiere benommen“, zürnte er und wunderte sich, dass Zuschauer Flaschen und Gläser in die Halle mitnehmen konnten. Fast trotzig sagte Jürgens: „Ich werde auch weiterhin Box-Veranstaltungen besuchen.“

Er sollte sein Wort halten – auf musikalische Art. Kaum ein Jahr nach dem Skandal-Kampf von Stuttgart sang Udo Jürgens bei der Cruisergewichts-WM zwischen Torsten May und Adolpho Washington (USA) im Duett mit Jocelyn B. Smith den Titel „Never Give Up“ – live aus der Stierkampfarena von Palma de Mallorca. RTL wollte May als Nachfolger für Maske und Schulz aufbauen. Letztgenannter hatte da, im Sommer 1996, beim Kampf gegen Michael Moorer (USA) in Dortmund bereits seine dritte WM-Chance verpasst. Diese bekam Schulz trotz seiner Niederlage gegen Botha, den das deutsche Idol Max Schmeling 1995 als „schlechtesten Weltmeister aller Zeiten“ bezeichnet hatte, nur noch, weil der Südafrikaner wegen Dopings nachträglich disqualifiziert worden war. Ein weiterer Tiefschlag für das Profiboxen.