Rom

Hinter den Kulissen des Vatikans

Der Papst steht in der Kritik, immer neue Missbrauchsfälle in der Kirche werden publik. Und doch geht in Rom das religiöse Leben seinen Gang. Einblicke in eine verunsicherte Weltkirche

Die Menschen wirken ausgelassen; sie schwenken Fahnen, blicken aufgeregt zur Bühne, ersehnen, was da kommen mag. Im Hintergrund musiziert ein Spielmannszug, Jugendgruppen johlen, Trommeln geben der Vorfreude einen Takt. Stellen Sie sich eine Mischung aus Schützenfest, Fußballspiel und Popkonzert vor – und Sie sind nah dran: Auf dem Petersplatz im bei der allwöchentlichen Generalaudienz. Man mag der katholischen Kirche ja vieles nachsagen, aber das große Kino beherrscht sie noch immer meisterhaft – und das seit Jahrhunderten.

Jeden Mittwoch pilgern 30.000, mitunter bis zu 100.000 Gläubige zum Petersdom, um einen Blick auf den Heiligen Vater zu werfen. Einige Auserwählte werden dem Papst sogar die Hand schütteln oder kurz mit ihm plaudern können. Die Mühseligen und Beladenen warten in einer Reihe unterhalb der Bühne, sie wird der Papst nach der Generalaudienz persönlich segnen. Dann geht er durch die Reihen derer, die eine Reparto Speciale, eine rote Eintrittskarte, ergattern konnten. Unter ihnen sind Minister, offizielle Gäste des Vatikans oder Pilger, die mindestens 150 Kilometer nach Rom gelaufen sind. Sie dürfen an den Seiten Platz nehmen und die Audienz aus nächster Nähe verfolgen. Um jeden Schwarzhandel zu unterbinden, ist eine frohe Botschaft in sechs Sprachen aufgedruckt: „Die Eintrittskarte ist kostenlos.“

Um kurz nach neun Uhr beginnt das Vorprogramm. Würdenträger begrüßen in den Weltsprachen der Kirche – Italienisch, Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Portugiesisch und Polnisch – jede Pilgergruppe persönlich, Pfadfinder aus Portugal wie argentinische Ordensschwestern, die Polizeiseelsorge im Bistum Mainz wie die Delegation der Katholischen Akademie Hamburg. Manche Pilger bejubeln ihren Namen wie einen Treffer am Millerntor. „Die Südkurve ist eine Macht“, flachst Stephan Dreyer vom Katholischen Büro Hamburg, der mit Akademiedirektor Stephan Loos die Reise organisiert hat.

Rom ist die Hauptstadt der katholischen Kirche, die immer internationaler wird. Ein babylonisches Sprachgewirr legt sich über den Petersplatz; manche tragen die Trikots ihrer Fußballnationalmannschaft, andere Soutane, einige haben sich angesichts der sengenden Hitze die Eintrittskarte als Sonnenschutz unter die Mützen geklemmt, andere tragen Schirme. Viele frisch getraute Brautpaare sind in Hochzeitskleidung direkt vor den Petersdom gekommen, um sich den Segen von ganz oben abzuholen. Andere haben dem Heiligen Vater Geschenke mitgebracht, die seine Helfer eifrig einsammeln. Alle guten Gaben werden am Ende des Jahres zugunsten eines mildtätigen Zwecks verlost.

Es mag gemütlichere Plätze geben, als bei 40 Grad über Stunden in der römischen Sonne gebacken zu werden. Aber der Papst zieht, keiner geht: Als das Papamobil endlich auf den Platz fährt, gibt es kein Halten mehr. Die Pilger springen auf, steigen auf die Stühle und rufen „Viva il Papa“. Tausende von Handys werden in die Höhe gereckt, der überirdische Moment muss auf Fest–platte verewigt werden. Wie ungebrochen die Begeisterung für Franziskus ist, lässt sich in Dutzenden von Souvenirshops ablesen. Hier gibt es Papst-Kalender, Papst-Kerzen, Papst-Pastillen. Das Franziskus-Angebot ist das größte, dahinter folgt Johannes Paul II. und abgeschlagen Papst Benedikt. Eine Marktwirtschaft der Herzen – sie funktioniert auch im Vatikan. Wenn die Gläubigen das Sagen hätten, wäre alles gut in der Kirche.

Zahlreiche Missbrauchsfälle erschüttern die Weltkirche

Doch es gärt in der Kurie, im Vatikan ist ein offener Machtkampf entbrannt. Erst kürzlich hat der ehemalige Apostolische Nuntius in den USA, Erzbischof Carlo Maria Vigano, den Papst offen zum Rücktritt aufgefordert. Eine Ungeheuerlichkeit in der streng hierarchischen Kirche. Als Argument gilt der Umgang Franziskus’ mit dem Washingtoner Bischof Theodore McCarrick, der unter Missbrauchsverdacht steht. Den Fall nehmen konservative Kreise zum Anlass, um Franziskus zu schwächen. Zwar fielen die Übergriffe in die Zeit seiner Vorgänger, aber Franziskus hat bei McCarrick mit Strafmaßnamen gezögert. Der Moment zum Angriff war mit Bedacht gewählt – Franziskus weilte gerade in Irland. Auch dort ist der Missbrauchsskandal ein großes Thema. Ausgerechnet der Papst, der als Erster die Skandale aufdecken und bekämpfen will, soll über die Skandale fallen.

Da kommen die Nachrichten aus der Bundesrepublik zur Unzeit. Heute präsentiert die Bischofskonferenz ihre bereits durchgestochene Missbrauchsstudie – und angesichts der Fülle der Vorfälle schwanken Kardinäle und Gläubige zwischen Abscheu und Entsetzen. 1670 Geistliche haben sich zwischen 1946 und 2014 mindestens 3677 sexueller Übergriffe schuldig gemacht. Das sind keine Einzelfälle mehr, das ist eine strukturelle Krise. Immerhin: Die Kirche stellt sich erstmals selbstkritisch Fragen, die sie früher nicht einmal zu denken gewagt hat. So schrieb der Essener Bischof Franz-Josef Oberbeck, es gebe „alarmierende Hinweise, dass einige Vorstellungen und Aspekte unserer katholischen Sexualmoral sowie manche Macht- und Hierarchiestrukturen sexuellen Missbrauch begünstigt haben und immer noch begünstigen“. Darüber müsse offen und angstfrei gesprochen werden. Selbst hochrangige Kirchenvertreter stellen inzwischen den Zölibat infrage.

Im Vatikan ist das Thema Missbrauch inzwischen das beherrschende Thema – auch wenn in vielen katholischen Ländern, beispielsweise in Italien oder Polen, in der Öffentlichkeit darüber (noch) nicht gesprochen wird. Der Präsident des Zentrums für Kinderschutz an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Professor Hans Zollner, verweist auf die großen Unterschiede der Kulturwelten und der Sexualtabus. Dabei sei das spezifisch Katholische an dem Problem die Schwierigkeit im Umgang mit Sexualität und eine weit verbreitete Wagenburgmentalität, die Kirche zu schützen – statt die Opfer.

Die tiefe Verstörung über den Missbrauchsskandal trifft die Katholische Kirche im Abbruch, eine Kirche im Umbruch – und eine im Aufbruch. „Es gibt eine tiefe Spaltung“, sagt der Journalist Marco Politi. Der vielleicht bekannteste Vatiscanista, wie langjährige Vatikan-Korrespondenten genannt werden, hat 2015 den Bestseller „Franziskus unter Wölfen“ veröffentlicht. „Die Wölfe haben zuletzt viel gebissen. Und ihre Aggressivität nimmt zu. Viele Konservative fürchten die Protestantisierung der katholischen Kirche“, sagt der deutsch-italienische Journalist. „Sie wollen die festgefügte Struktur nicht infrage stellen.“ Er schätzt, dass 40 Prozent des Klerus Franziskus in seinen Reformen unterstützen, 30 Prozent ihn hingegen mehr oder weniger deutlich ablehnen. Ein knappes Drittel schwanke angesichts einer tiefen Verunsicherung „in dieser Zeit des Umbruchs“.

Dabei hat Franziskus in dem nun fünf Jahre währenden Pontifikat seine drei zentralen Ziele konsequent angepackt. Er hat das Finanzwesen gesäubert und 5000 von 18.000 Konten schließen lassen. Er hat die Kurie reformiert, Frauen steigen nun in Führungspositionen wie bei den Vatikanischen Museen auf. In der Kirche weht ein neuer Geist, eine neue Offenheit regiert. Geschiedene, die erneut heiraten, dürfen in Einzelfällen wieder an der Kommunion teilnehmen. „Und wir erleben ein Ende der Homophobie“, sagt Politi und verweist auf die Franziskus-Rede, in der er fragte: „Wer bin ich, über Homosexuelle zu richten?“

Auch sein drittes Versprechen setzt Franziskus um, sagt Politi. Der Papst dezentralisiert die Kirche. Nicht alles soll in Rom entschieden werden. „Die Pfarrer vor Ort fühlen sich frei und müssen nicht mehr so viel jonglieren.“ Stattdessen laute die Botschaft des Papstes: Entscheidet das in den Bischofskonferenzen! Entscheidet das vor Ort! Ein Blick auf den Petersplatz zeigt, wie bunt die Kirche längst ist, wie international und vielschichtig.

Jens-Martin Kruse kennt nicht nur die Weltkirche, sondern auch den Papst – und das als Protestant. Der heutige Hauptpastor von St. Petri war bis zum Frühjahr fast zehn Jahre Pfarrer der evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Franziskus feierte nicht nur im November 2015 einen ökumenischen Gottesdienst in der Christuskirche, sondern lud den Hamburger auch zum Abschied zu einer Privataudienz. Man traf sich mehrmals im Jahr. „Unsere Begegnungen waren vertrauensvoll, bewegend und sehr freundschaftlich“, sagt Kruse, der die Hamburger Gruppe nach Rom begleitet hatte. „Franziskus ringt ernsthaft um die großen ökumenischen Themen“, sagt der Hauptpastor. Er sieht das Pontifikat sehr positiv. „Dass es bei diesen Umwälzungen Widerstände gibt, ist normal. Aber Franziskus hat einen eisernen Willen – viele Dinge lassen sich nicht mehr rückgängig machen“, sagt Kruse. „Je länger er im Amt ist, desto stärker wirken seine Reformen.“

Doch noch ist der Kulturkampf nicht entschieden. Während die Konservativen gegen den Papst mobil machen, äußern sich seine Unterstützer nur leise – oder schweigen ganz. Die Angst vor einem Rollback lässt sie verstummen, sagt ein Vatikankenner. Andere wiederum hegten so hohe Erwartungen an Franziskus, dass er diese nur enttäuschen könne. „Die Liberalen solidarisieren sich zu wenig. Erst wenn Franziskus weg ist, wird der Aufschrei groß sein“, sagt er. Kruse zitiert ein Bild, das die Lage gut beschreibt: „Früher hat der Papst geangelt, den Fisch gefangen, ausgenommen und verteilt – heute gibt der Papst den Gläubigen eine Angel.“

Basisbewegungen erleben einen großen Zulauf

Franziskus steht für eine Kirche, die näher an den Menschen rückt, sich stärker den irdischen Problemen stellt, Probleme benennt, den Mut hat anzuecken. In der Flüchtlingsfrage stellt sich die Kirche an die Seite der Schutzsuchenden und mahnt Solidarität in ganz Europa an – was in Deutschland als Mainstream gilt, ist in Italien umstritten und wird in Polen radikal abgelehnt. Auch als Wachstumskritiker hat sich Franziskus seit seiner Enzyklika „Laudato Si“ positioniert. Er fordert einen neuen Fortschrittsbegriff. Eine technische und wirtschaftliche Entwicklung, die nicht zu einem besseren Leben führe, sei kein Fortschritt. Scharf geht er ins Gericht mit einer entfesselten Finanzwirtschaft.

Eindringlich wirbt der Papst für ein gemeinschaftliches Handeln: „Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten.“ So hat Franziskus ein eigenes Amt, das „Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen“ eingerichtet. All diese Bekenntnisse aber drohen angesichts des monströsen Missbrauchsskandals, der nun die Grundfesten der Kirche und die Institution erschüttert, zu verblassen, zu verrinnen, zu verschwinden.

Immerhin wusste schon der Pfarrerssohn Friedrich Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ In Rom sind es nicht nur die Großveranstaltungen, die die Menschen religiös tief beeindrucken, sondern auch die Basisbewegungen: Eine von ihnen ist die Gemeinschaft Sant’Egidio im Stadtteil Trastevere, die Schüler und Studenten einst 1968 als Laienbewegung gründeten. Sie leben nicht in klösterlicher Gemeinschaft zusammen, sondern verbinden ihren Glauben mit dem Alltag und leben ihn dort – im Gebet wie im Einsatz für Arme, die Ökumene und den Frieden. Der Zulauf ist so groß, dass das allabendliche Gebet längst in der großen mittelalterlichen Basilika Santa Maria in Trastevere stattfinden muss. Und wie auf dem Petersplatz wird für Gäste ins Englische, Französische und Deutsche übersetzt. Es ist eine Gemeinde im Herzen des römischen In-Viertels, eine Gemeinde mitten im Leben.