Thema

„Ich vermisse meinen Sohn so sehr“

Am 4. Mai 2017 starb der Künstler und Barkeeper John Braasch beim Unfall am Ballindamm. Ein Autodieb war in das Taxi gerast. Jetzt spricht die Mutter über ihr Leid.

Die Holzkiste in ihrem Apartment in Travemünde hat sie seit Wochen nicht mehr geöffnet. Heike Braasch hat dazu einfach nicht die Kraft. Taschenmesser, Skizzen, Bücher – all die Dinge, die sie an ihren Sohn erinnern, liegen dort drin. Vor ein paar Wochen lupfte sie den Deckel kurz an, um die Zahnbürste, die John bei seinem letzten Besuch benutzt hatte, in die Truhe zu stecken.

„Mit dem Begriff Trauerjahr kann ich nichts anfangen“, sagt Heike Braasch. Soll sie nach 365 Tagen den Schmerz um ihren verlorenen Sohn einfach ausknipsen wie einen Lichtschalter? Wie soll das gehen? „Ich fühle mich heute schlechter als unmittelbar nach dem Unfall“, sagt Heike Braasch.

Der Täter wurde zu lebenslanger Haft verurteilt

Unfall? Der Richter nannte es im Urteil Mord. Im Morgengrauen des 4. Mai 2017 bohrte sich ein gestohlenes Taxi mit mehr als 140 Stundenkilometern in das Taxi, in dem John Braasch mit seinem Freund Philipp Zumhasch saß. Beide waren auf dem Heimweg von ihrer Barkeeper-Schicht im Ciu’ am Ballindamm. Der Taxifahrer Mehmet Yilmaz und Zumhasch überlebten mit schwersten Verletzungen, John Braasch, 22, starb noch am Unfallort. Taxidieb Ricardas D. brach sich das Sprunggelenk und den Oberschenkel. Der betrunkene Litauer war auf der Flucht vor der Polizei, das Landgericht verurteilte ihn im Februar wegen Mordes zu lebenslanger Haft.

„Ich frage mich, für wen ich noch weitermachen soll“, sagt Heike Braasch, die nun alle zwei Wochen eine Trauergruppe der Gemeinde besucht, geleitet vom Pastor, der ihren Sohn beerdigte. John war der wichtigste Mensch in ihrem Leben. Sie zog ihn alleine groß, ihre Beziehung zerbrach kurz nach der Geburt. Die beiden waren ein starkes Team; die Mutter, eine Frau voller Energie, die viele Jahre erfolgreich ein Modegeschäft in Winterhude führte, der Sohn, der für seine Kunst brannte.

Auch ein Chefarzt ließ sich von John porträtieren

Heike Braasch wischt durch die Fotos auf ihrem Smartphone. Sie deutet auf die von ihrem Sohn gemalten Bilder, einen sicheren Strich, sagt Heike Braasch, habe John schon als Vierjähriger gehabt. Fast alle Kunstwerke zeigen Menschen, auch ein bekannter UKE-Chefarzt ließ sich von John Braasch porträtieren. Geschichte, sagt Heike Braasch, habe John nur studiert, um die Zeit bis zur Aufnahme an der Hochschule für bildende Künste zu überbrücken: „Das war sein großes Ziel. Er wollte immer nur malen, malen, malen.“

Als Heike Braasch das nächste Foto auf ihrem Handy öffnet, steigen Tränen in ihre Augen. Das Bild zeigt ihren Sohn, gefertigt von einem seiner Künstlerfreunde auf einer Wand im Schatten der Roten Flora. Unter dem Foto steht die Nachricht: „Ich habe das Bild für John gemalt, da ich meine Trauer und meinen Respekt ausdrücken wollte.“

Ihr Sohn habe „1000 Dinge im Kopf gehabt und doch alles intensiv“, sagt Heike Braasch. Mit 14 wurde John mit einer Schülergruppe von einer Gang zusammengeschlagen. „Das passiert mir nie wieder“, versprach er seiner Mutter und trainierte fortan bis zu fünfmal in der Woche Thai-Boxen. Mönche in einem Kloster in Bangkok, wo John nach seinem Abitur am Gymnasium Eppendorf ein paar Wochen lebte, stachen sein erstes Tattoo. Ein paar Jahre später glich sein Körper einem Gesamtkunstwerk.

Doch keine Tätowierung entstand aus einer Bierlaune – John lernte sogar eigens das Tattoo-Handwerk in einem Studio. Nebenbei jobbte er als Dressman und eben als Barkeeper in der Ciu’-Bar am Ballindamm, wo er nach seiner Schicht in jener Mainacht um 4.15 Uhr mit seinem Freund Phillip ins Taxi stieg. Genau in dem Moment, als der Autodieb Richtung Jungfernstieg raste.

Am nächsten Morgen klingelten Polizisten bei Heike Braasch in Travemünde, um ihr die Todesnachricht zu überbringen. Doch sie war schon auf dem Weg nach Hamburg zu ihrem Arbeitsplatz in einem Modegeschäft am Jacobi-Kirchhof. Im Radio hörte sie die Nachricht vom Unfall, dachte nur, warum die Menschen so schnell fahren müssen. Im Geschäft klingelte ihr Handy, ein Polizist fragte: „Spreche ich mit Heike Braasch?“ Als sie dann die Todesnachricht hörte, brach sie zusammen, eine Hamburger Streifenwagen-Besatzung raste zum Geschäft. Dass seine Mandantin am Handy über den Tod ihres Sohnes informiert worden sei, findet ihr Anwalt Gregor Maihöfer „ungeheuerlich“. Für die Frau sei eine Welt zusammengebrochen, „und dann gibt es nur einen Anruf?“ Die Hamburger Polizei treffe indes keine Schuld, sie reagierte aus Sicht des Anwalts „vorbildlich“.

Maihöfer begleitet Heike Braasch auch zum Termin mit dem Abendblatt, der Weisse Ring hatte den versierten Opferrecht-Spezialisten an die trauernde Angehörige vermittelt. „Ich bin Herrn Maihöfer sehr dankbar, dass er sich so kümmert“, sagt Heike Braasch. Auf seine Intervention hin musste sie nicht beim Prozess gegen den Todesraser aussagen: „Ich hätte das nicht verkraftet. Für mich ist es besser, wenn der Mann, der mir meinen Sohn genommen hat, eine anonyme Figur bleibt.“

Dieses Feingespür erlebte Heike Braasch nicht immer. Als sie sich bei der Berufsgenossenschaft erkundigen wollte, mit welchen Leistungen sie rechnen dürfe, reagierte der Sachbearbeiter pampig. Auch bei der Versicherung des gestohlenen Taxis kann von der in diesen Fällen viel zitierten „unbürokratischen Lösung“ keine Rede sein; seit Monaten kämpft Maihöfer um eine außergerichtlichen Einigung: „Ich habe viele solcher Fälle in den vergangenen Jahren betreut. Aber so eine Verweigerungshaltung habe ich noch nie erlebt.“ In der Praxis führte dies dazu, dass Heike Braasch sogar die Beerdigungskosten aus eigener Tasche zahlen musste.

„Wie kann es sein, dass jemand, der sein einziges Kind verloren hat, so behandelt wird?“, fragt Heike Braasch. Ihr Wille, in das normale Leben zurückzukehren, wird am Ende sogar bestraft. Heike Braasch hatte nach einem siebenwöchigen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik in einem Schmuckgeschäft gearbeitet, dann aber gespürt, dass sie es psychisch einfach noch nicht schafft. Jetzt richtet sich ihr Krankentagegeld nach diesen vier Arbeitstagen, sie bekommt nur noch 700 Euro, zuvor war es fast doppelt so viel. „Ich finde so ein Verhalten unmenschlich“, sagt sie.

Die Trauer holt Heike Braasch immer wieder ein

Das Landgericht verurteilte den Täter zur Zahlung eines Schmerzensgelds von 20.000 Euro an Heike Braasch, ein hoffnungsloses Unterfangen: Wie soll der mittellose Litauer diese Schuld während seiner Haft je begleichen? Maihöfer wird nun die Versicherung des Taxiunternehmens verklagen. Was trotz mehrerer Gutachten, die die psychischen Probleme seiner Mandantin belegen, dazu führen könnte, dass Heike Braasch doch aussagen muss.

Doch selbst wenn Maihöfer am Ende ein Schmerzensgeld in einer akzeptablen Höhe erreichen kann, wird es nur ein kleines Pflaster auf einer klaffenden Wunde sein. Die Trauer holt Heike Braasch immer wieder ein.

Als sie vor ein paar Wochen mit ihrem Bruder ihre Mutter in Wien besuchte, sollte sie ausgerechnet in einen Mercedes Vito einsteigen, in einem solchen Auto war John verunglückt. Der Bruder bat einen anderen Fluggast, dieses Taxi zu nehmen. Als sie für die Rückfahrt zum Flughafen wieder ein Taxi riefen, fuhr erneut ein Vito vor. Diesmal stieg Heike Braasch ein: „Und dann habe ich mich ausgerechnet auf den Platz hinten links gesetzt. Auf einem solchen Sitz war John gestorben. Mir wurde sofort schlecht.“

Auch in Travemünde denkt sie immer wieder an ihren Sohn, etwa, wenn sie am Casablanca vorbeigeht, in dem italienischen Restaurant am Hafen war sie oft mit John.

Seine Kleidung liegt noch in ihrem Apartment, in der ersten Zeit nach dem Unfall schnupperte sie manchmal an einem Pullover, um ihrem Sohn noch einmal nahe zu sein. Doch sein Duft verfliegt. Umso mehr fürchtet Heike Braasch, dass sie auch die digitalen Erinnerungen an John verlieren könnte. Deshalb ging sie in eine Drogerie in Travemünde, um sich die Fotos von Johns Handy ausdrucken zu lassen, nicht ahnend, dass dort 7000 Bilder gespeichert waren. Zwei Stunden klickte sich Heike Braasch durch das Leben ihres Sohnes, suchte am Ende 120 Bilder aus: „Das war so hart. Ich vermisse ihn so sehr.“

Wäre es nach John gegangen, hätte sie im Speicher auch gemeinsame Fotos von einem Urlaub in Venedig gefunden. Eine Reise in der Lagunenstadt hatte John ihr zum Geburtstag geschenkt. „Mama, ich zeige dir die unbekannten Seiten von Venedig.“ So hatten sie es auf gemeinsamen Reisen immer gemacht, Ziele abseits der Touristenströme erkundet. „Leider mussten wir den Urlaub verschieben“, sagt Heike Braasch.

Der Zuspruch der Freunde gibt ihr Kraft

Nun besucht sie John fast täglich auf dem Friedhof, entzündet das Teelicht in der Laterne. Das Grab ziert eine kleine Staffelei und eine Malpalette, eine Reminiszenz an Johns Künstlerkarriere. Vor einigen Monaten traf sie auf dem Friedhof ein Pärchen, das John in Thailand kennengelernt hatte: „Die beiden sind bei ihrem Deutschland-Besuch extra nach Travemünde gekommen, um Johns Grab zu sehen. Das muss man sich mal vorstellen.“

Andere Freunde pflegen die Erinnerungsseite von John Braasch auf Facebook, viele haben dort kondoliert. Philip-James Blankenburg, einer der Inhaber der Ciu’-Bar, ruft oft an, erkundigt sich, wie es ihr geht. Auch der Kontakt zu Philipp Zumhasch ist nach wie vor eng. Vor ein paar Tagen kam eine Ex-Freundin von John mit ihrer Mutter nach Travemünde zu Besuch.

Diese Momente geben Heike Braasch Halt in ihrem neuen Leben. Ihr John ist nicht vergessen. Und sie ist gerade jetzt so froh, dass ihr Sohn so intensiv gelebt habe, im Prinzip sei er nicht mit 22 gestorben, sondern mit 72.

Ein paar Wochen vor seinem Tod gab John Braasch ein Radio-Interview. „Ich habe so ein glückliches Leben“, sagt der Künstler dem Reporter. Das Gespräch endet mit den Worten: „Selbst wenn mir jetzt etwas passieren würde, würde es mir nichts ausmachen.“