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Hinter den Kulissen    von Amazon

Lesedauer: 10 Minuten

Das US-Unternehmen beschäftigt in seinem Logistikzentrum in Winsen 1800 Menschen. Täglich gehen mehr als 100.000 Pakete zu den Kunden. Gespräche mit der Gewerkschaft Ver.di lehnt das Management ab

Schon der Weg zum Arbeitsplatz ist für Johanna Köberich typisch Amazon. „Nutzen Sie den Handlauf“, sagt sie, als es treppabwärtsgeht, und „bleiben Sie in den Hallen zwischen den blauen Linien.“ „Gehen, nicht rennen“, steht ohnehin auf Hinweisschildern an den Wegen. Für die Amerikaner steht Arbeitssicherheit vorne an.

Köberich steht an diesem Vormittag an einem ausgerüsteten Packstand neben den Förderbändern der Halle 3 im Logistikzentrum in Winsen. Vor sich aufgereiht unterschiedlich große Kartonpappen, aus denen die Behältnisse gefaltet werden. Neben sich eine Rutsche, über die sie „immer mit beiden Händen“ die schwarzen Behälter, „die Totes“, vom Förderband auf den Packtisch zieht. Köberich ist Trainerin. Sie kennt jeden Handgriff, der nötig ist, damit jeden Tag mehr als 100.000 Pakete das Zentrum verlassen können.

Für das Zentrum hat Amazon 90 Millionen Euro investiert

Nach dem Scannen der Transportkiste weist der Monitor am Tisch eine Espressomaschine als Inhalt aus und zeigt die richtige Verpackungsgröße gleich mit an. Auf Knopfdruck schießt das in der richtigen Länge abgeschnittene Klebeband aus dem Spender, um zunächst den Boden zu stabilisieren. Dann Karton drehen, einpacken, den Inhalt mit Füllmaterial abpolstern, oben erneut mit Band zukleben und das Ganze noch mit einem Aufkleber am extra vorgeschrieben Platz versehen.

Jetzt ist die Sendung eindeutig zu identifizieren. Ab auf das Förderband. Die Adresse wird erst später aufgebracht. Niemand soll schließlich wissen, wer gerade was bestellt hat.

Zu kompliziert? „Das hat bisher noch niemand zu mir gesagt“, versichert Köberich. In jedem Fall eine effiziente und ausgeklügelte Methode. Denn nur so ist die tägliche Arbeit im mit zweistelligen Raten wachsenden Onlinehandel zu bewältigen. Zwei Tage sind bei Amazon vorgesehen, um Mitarbeiter anzulernen. „Auch danach helfen wir, wenn nötig“, verspricht die 28-Jährige, die 2015 nach dem Bachelor-Abschluss ihres Englisch- und Wirtschaftsstudiums bei Amazon angefangen hat.

Ihre Trainer-Kollegin Birgit Bengsch, Rechtsanwalts- und Notargehilfin sowie Kauffrau für Bürokommunikation, zeigt an diesem Tag Stroyan Petrov, wie einzelne Bestellungen verpackt werden. Der Bulgare, seit acht Monaten bei Amazon und zunächst im Warenempfang eingesetzt, soll eine zweite Station kennenlernen. „Wir qualifizieren Mitarbeiter, damit wir sie flexibel einsetzen können. Diese Leute brauchen wir“, erklärt Bengsch. Petrovs Fazit nach einer halben Stunde: „Alles Übungssache.“

Ein paar Treppen höher sitzt Standortchef Norbert Brandau im Bürotrakt im Raum Alter Elbtunnel. Er holt ein Blatt Papier hervor und zeichnet die sechs hintereinander liegenden Hallen als einfache Kästchen auf. In Nummer 4 kommen die Waren an, werden dann in die fahrbaren Regale in den Hallen 5 und 6 eingeordnet und danach für Bestellungen in den Hallen 1 bis 3 verpackt. Ein einfaches Schema.

Nur, dass industrielles Verpacken heute ohne Computertechnik nicht mehr möglich wäre. 90 Millionen Euro hat der größte Onlinehändler der Welt in Winsen investiert. Darin sind die vom internationalen Immobilienentwickler IDI Gazeley gebauten Hallen, die Amazon für 20 Jahre gemietet hat, noch gar nicht enthalten. In den Hallen mit 11,5 Millionen Artikeln arbeiten derzeit 1800 Menschen, zu Weihnachten wird die Mannschaft jeweils um mehrere Hundert aufgestockt. Die Stadt Winsen profitiert für 2017 von einer Gewerbesteuer im hohen sechsstelligen Bereich.

Warum Amazon nach Winsen kam, weiß Dirk Wolf, Regionalmanager Engineering für Europa. „Gazeley hatte uns die fertigen vier Hallen angeboten. Wir sind nach Winsen gefahren, obwohl die für uns zu klein waren“, erzählt der Elektrotechnik-Ingenieur. Dann stellte sich heraus, dass sich das Grundstück noch um 25.000 Quadratmeter erweitern ließ und damit die beiden dreistöckigen, 15 Meter hohen Lagerhallen möglich würden. „Meine spontane Eingebung war, es könnte passen“, erinnert sich der 42-Jährige an diesen Moment.

Er versichert sich noch am Amazon-Hauptsitz in Seattle. Im Januar 2017 fällt nach gut zwei Jahren Suche die Entscheidung für Winsen. Schon seit Juli vergangenen Jahres wird gearbeitet. Inzwischen läuft die Anlage in Volllast mit zwei Schichten pro Tag von 6.30 Uhr bis Mitternacht. „Ohne die Erweiterung wären wir heute nicht hier“, sagt Wolf. Wo das nördlichste Logistikzentrum Amazons dann entstanden wäre? Da will er sich nicht festlegen.

Gewerkschaft Ver.di kritisiert die Arbeit als „monoton“

Der Ingenieur und sein zwölfköpfiges Team haben das System ersonnen, das jederzeit weiß, wo welche Boxen mit welchen Gütern unterwegs sind. Gesteuert über eine selbst entwickelte Software, erreichen die schwarzen Transportkisten über ungezählte Weichen ihr Ziel. Ist der Weg dorthin blockiert, drehen sie auch mal einen Kreis und nehmen einen neuen Anlauf. „Wir denken vom Kunden rückwärts. Dann zeigt sich, welche Flächen wir brauchen, wie groß das Lager sein muss und welche Fördertechnik nötig ist“, erklärt Wolf.

Tatsächlich entscheiden die Kunden mit der Art ihrer Bestellung mit, wo die Waren verpackt werden. Ordern sie einen Artikel, wird in Halle 3 verpackt, bei mehreren landen sie in den Hallen 1 und 2. Multi-Pack heißt das bei Amazon. Einzeln aus den Transportbehältern entnommen, stellen die Beschäftigten den Auftrag nach und nach in Regalfächern zusammen. Ist alles perfekt, schieben sie alle Artikel im Regal über eine rote Linie und bringen damit ein Lämpchen zum Leuchten. Dann übernimmt der Kollege auf der anderen Regalseite das Verpacken. „Seit drei Wochen“, weiß Trainerin Bengsch, „hat jeder Mitarbeiter dort eine eigene Farbe.“

Ausgangspunkt aller Fahrten ist der Lagerbereich in Halle 5 und 6. Hinter eingezogenen Metallzäunen sind dort Roboter unterwegs, die die Regale mit den Waren huckepack nehmen und sie wie von Geisterhand weitertransportieren. Auf die Flächen hinter den Absperrungen, die intern Kuhwiese heißen, dürfen nur geschulte Mitarbeiter wie Diane Kopec. Sie kann auf den Gängen auf ihrem Tabletcomputer alle drei Lagerebenen einsehen. Die 26-jährige Einzelhandelskauffrau greift ein, wenn im Lager etwas umfällt, Roboter ausfallen oder ein Artikel am falschen Platz liegt. Den jeweiligen Ort zeigt ihr das Display ihres Tablets an.

Doch trotz aller Technik: Die Gewerkschaft Ver.di bewertet die Arbeit in den Amazon-Hallen als „körperlich belastend und monoton“. So sagt das Matthias Hoffmann, stellvertretender Ver.di-Geschäftsführer im Bezirk Hannover-Heide-Weser, zu dem auch der Landkreis Harburg zählt. Die geforderten Raten beim Ein- und Auspacken sowie beim Lagern seien so hoch, dass viele sich nach einigen Monaten wieder einen anderen Job suchten. „Es wird ihnen zu viel zugemutet, zumal bei guten Leistungen nicht gelobt wird.“

Noch immer lehnt Amazon zudem Tarifverhandlungen mit Ver.di ab. „Wir haben dagegen bereits von Sommer 2017 an in Winsen Präsenz gezeigt und werben im Unternehmen für die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft“, sagt Hoffmann. Bundesweit liege der Organisationsgrad von Ver.di bei Amazon bei 30 Prozent und steige weiter an. Zahlen für Winsen gibt es vorerst noch nicht.

Im Sitzungszimmer Alter Elbtunnel schüttelt Standortchef Brandau den Kopf. „Die Gewerkschaft brauche ich nicht“, sagt er genau wie Unternehmensgründer Jeff Bezos bei seinem Besuch in Berlin vergangene Woche. „Aber Sie können schreiben, dass ich einen Betriebsrat auch mit befristeten Mitarbeitern und die Mitbestimmung für wichtig halte“, sagt Brandau. Derzeit wird die Wahl vorbereitet. Im Juni soll das Gremium mit 17 Mitgliedern starten.

Zwar sind bis auf 300 Führungskräfte, Einkäufer, Spezialisten und IT-Fachleute derzeit noch 1500 Arbeitsplätze bei Amazon vorerst bis Ende 2018 befristet. Doch der Chef, ein studierter Chemiker und Fach-Informatiker, peilt in Winsen wie in dem von ihm zuvor geführten Zentrum in Bad Hersfeld an, 80 Prozent der Jobs mit Stammkräften zu besetzen. „Alle, die derzeit für uns arbeiten, haben Aussichten auf eine Festanstellung.“

Für eine offizielle Eröffnung war bislang noch keine Zeit

Von Arbeitsagentur und Jobcenter hat Brandau bereits gute Noten für seine Angebote erhalten. So lobte Klaus Jentsch, der Geschäftsführer des Jobcenters für den Landkreis Harburg, die Chancen für Langzeitarbeitslose. Zudem können Flüchtlinge, die wenig Deutsch sprechen, ihre Englischkenntnisse einbringen. Intern werden bei dem US-Unternehmen viele englische Begriffe verwendet. Im Haus wird häufig zweisprachig ausgeschildert.

Nach einem Zuschlag von gut zwei Prozent 2017 soll Anfang September über eine neue Entgelthöhe für das kommende Jahr entschieden werden. Derzeit zahlt Amazon für Versandmitarbeiter 11,15 Euro pro Stunde, Gruppenleiter und Spezialisten erhalten 15,90 Euro. Boni gibt es für Produktivität und Qualität, also das schnelle, sichere und unversehrte Ankommen der Pakete. Für einzelne Abteilungen zählt zudem die Anwesenheit. Alles zusammengefasst ist ein Zuschlag um acht Prozent monatlich möglich. Zuletzt wurden zwischen vier und acht Prozent erreicht.

Abgeben will Amazon die bislang für die Mitarbeiter kostenlosen Shuttle-Verkehre zum Winsener Bahnhof, nach Harburg und nachts bis zum Hamburger Hauptbahnhof. Weil aber 55 Prozent der Belegschaft die Strecken und den öffentlichen Nahverkehr nutzen, verhandelt Brandau mit Bus- und Bahnfirmen. Das Ziel: Sie sollen Ende 2018/Anfang 2019 die Verbindungen übernehmen.

Was noch aussteht, ist die offizielle Eröffnung. Dafür fehlte Brandau bislang die Zeit. „Wir hätten das im vierten Quartal 2017 machen müssen. Da war Weihnachten, und wir haben uns auf unsere Kunden konzentriert.“ Er verspricht: „Wir holen das nach.“