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Wie viel Hamburg in Mumbai steckt

Für viele Unternehmen aus der Hansestadt ist die größte Stadt des Landes das Tor zum indischen Subkontinent – und ein großes Abenteuer für die Mitarbeiter

Noch gut kann sich Heiko Mohn erinnern, wie er rauchend auf der Dachterrasse des Luxushotels Taj Mahal Palace stand, den Blick auf das Arabische Meer und die Skyline der Megacity Mumbai gerichtet: an den unglaublichen Lärm der ununterbrochen hupenden Autos, den chaotischen Verkehr, die heiße und dabei so feuchte Luft, an den leicht süßlichen Geruch von Müll und Abgasen. „Du bist verrückt, aber mach mal“, habe er sich damals gesagt. „Ich wollte die Chance nutzen, um im Ausland etwas komplett Neues aufzubauen.“

Da war der Manager 39, verheiratet, hatte eine vierjährige Tochter und eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann bei Hamburg Süd, fünf Jahre als Expat in Brasilien sowie zwölf Jahre bei der Reederei in der Hansestadt hinter sich. Nach der Übernahme eines Konkurrenten hatte man dem gebürtigen Hamburger schließlich die Verantwortung für einen Dienst von Europa nach Indien und Pakistan übertragen. Ganz kühn schlug der Trade Manager später seinen Chefs vor, dass man den indischen Agenten wechseln solle. Gute Idee, fanden die. Dann solle er mal gleich mitgehen und dafür sorgen, dass es auch klappe.

Wer sich wie Mohn auf das Abenteuer Indien einlässt, ist in Mumbai zumindest nicht allein. Rund 1800 Firmen sind aktuell in Indien aktiv, darunter gut 320 in der mit rund 23 Millionen Einwohnern größten indischen Metropole, Heimat der Glitzerwelt Bollywoods ebenso wie der eines der größten Slums Asiens. Etwa 60 Firmen kommen aus Hamburg, viele von ihnen haben das ehemalige Bombay als Sitz gewählt, neben Hamburg Süd etwa der Gabelstaplerproduzent Jungheinrich, das Chemie-Unternehmen Helm oder auch Beiersdorf. Mit der Inmex SMM India fand im Oktober 2017 die größte maritime Messe Indiens in Mumbai statt, organisiert unter anderem von der Hamburg Messe. „Mumbai ist international und verkehrstechnisch exzellent angebunden. Hier lässt es sich für Deutsche noch mit am besten leben“, sagt Peter Deubet, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutsch-Indischen Handelskammer und Chefrepräsentant der 2011 gegründeten Hamburg Repräsentanz Mumbai.

Peter Deubet leidet mit HSV und St. Pauli von Mumbai aus

Wollen Unternehmer aus der Hansestadt auf dem Subkontinent, der mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern laut Uno im Jahr 2022 China als bevölkerungsreichsten Staat der Erde abgelöst haben wird, ihr Glück versuchen, können sie auf Deubets Unterstützung zählen. Ebenso indische Firmen, die an die Elbe ziehen. In beiden Welten kennt sich der in Venezuela geborene Mann bestens aus. Der Sohn eines Hamburgers hat bei der Deutschen Bank gelernt und an der Uni Hamburg studiert, ist HSV- und St.- Pauli-Fan und damit „fast 100 Prozent Hamburger“, wie er findet. Schon 1992 kam er das erste Mal für die Deutsche Bank nach Indien, 2004 zur Kammer nach Mumbai, damals schon verheiratet mit einer Inderin. Klar, dass der 54-Jährige auch zur siebten India Week in Hamburg reist, die sein Team mit organisiert.

Einmal im Jahr holt Deubets Kammer Deutschland nach Mumbai. Vier Tage lang lässt es die deutsche Community beim Oktoberfest in einem Riesenfestzelt auf dem Gelände des Royal Western India Turf Clubs krachen. Wo Deubet sonst seine Pferde ins Rennen schickt, wird jetzt gefeiert und genetzwerkt. Bei Bier, Bratwurst und Kartoffelsalat. Mit mehreren Tausend Gästen. Inderinnen im Dirndl sieht man zwar nicht, aber Deutsche in Lederhosen. Auch für Mohn ein Pflichttermin, der allerdings – ganz hanseatisch – blauen Anzug und helles Hemd vorzieht. Im Mai 2017 hat ihn Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) zum Hamburg-Ambassador ernannt. Mitglieder des ehrenamtlichen Netzwerks sollen die globale Bekanntheit der Hansestadt erhöhen und Kontakte fördern. Topthema der lautstarken Party: der Reformeifer des indischen Premierministers Narendra Modi.

Seit 2014 hält der wohl radikalste Umbau in der jüngeren Geschichte des Landes die Unternehmer in Atem, eingeläutet mit dem Regierungswechsel von der linken Kongresspartei, die immer noch von den Nachfahren Indira Gandhis geprägt wird, zur hindunationalistischen BJP Modis. Ihm war zuvor als Ministerpräsident im Bundesstaat Gujarat ein kleines Wirtschaftswunder gelungen, er war aber auch wegen massiver Ausschreitungen gegen Moslems extrem unter Beschuss geraten. Seit seiner Wahl überzieht der mit viel Vorschusslorbeeren gestartete Politiker das Land mit einem nie da gewesenen Veränderungswillen. Er digitalisiert, modernisiert, industrialisiert. So viel auf einmal, dass ordentlich Sand ins Getriebe der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens gestreut wird, die sich beim Wachstum an die Spitze der Schwellenländer gesetzt und sogar China abgehängt hatte.

Wer jetzt Geschäfte machen will, braucht von allem noch mehr als früher: Geduld, gute Nerven und Improvisationstalent. Indienerfahrene Manager wie Mohn und Deubet haben damit kein Problem. Längst ist Chalta Hai, das indische Laisser-faire, Teil ihres Alltags. Sie haben gelernt, dass das typisch indische Wackeln mit dem Kopf nicht unbedingt nein, sondern so ungefähr alles heißen kann. Sie wissen, dass der Satz „No problem, Sir“ Anlass zu größter Sorge sein kann. In einem Land, in dem dasselbe Wort für gestern wie auch für morgen steht, ticken die Uhren anders. Das trifft auch den Verkehr. Nur 15 Kilometer in der Stunde zu schaffen, das ist in Mumbai normal und regt niemand auf. Deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit finden zwar auch Inder vorbildlich, aber eben typisch deutsch.

Wer schon so lange wie Manojit Acharya für deutsche Firmen arbeitet, wechselt ein wenig die Perspektive. In seinem Job sei er wohl nur einmal zu spät gekommen, glaubt der Managing Director des Gabelstaplerherstellers Jungheinrich Lift Truck India Pvt. Ltd. „Wenn sich ein Inder eine Viertelstunde verspätet, empfindet er es hingegen so, als sei er vor der Zeit da“, spottet der 47-Jährige. Neben der Pünktlichkeit liebt er an den Deutschen vor allem deren Professionalität. Umgekehrt könnten sich auch die Deutschen bei seinen Lands­leuten etwas abschauen, gern ein bisschen warmherziger und offener sein. 2015 war der Ingenieur aus Pune, der zweiten Hochburg deutscher Investoren, ins 150 Kilometer entfernte Mumbai gekommen und lenkt seitdem für Jungheinrich deren indische Tochter mit 100 Mitarbeitern. Die sitzt im Hiranandani Business Park im Norden der Stadt.

Hier ist alles ein wenig grüner, sauberer und luftiger als im molochartigen Zentrum. Im Foyer empfängt ein Plakat, das das Hamburger Headquarter zeigt, mit dem Leitspruch des Firmengründers Friedrich Jungheinrich: Go for it and lead the way!!! Das würde Acharya gern tun und hofft auf die historische Steuerreform, die Modis Regierung am 1. Juli 2017 umsetzte. Die neue Goods and Services Tax (GST) ersetzt eine Vielzahl verschiedener Steuern, soll einen einheitlichen Binnenmarkt schaffen, Steuererklärungen vereinfachen und die Geschäfte transparenter machen. Für den Hamburger Logistikspezialisten könnte sie wie ein riesiges Konjunkturprogramm wirken. Nach Wegfall innerstaatlicher Kontrollposten, an denen bislang die Steuern errichtet werden mussten, was stets zu kilometerlangen Lkw-Schlangen führte, rechnen Experten wie Klaus Maier mit dem Bau zentraler und professionell gemanagter Großlager. Und dafür brauche man die Maschinen der Intralogistikhersteller, sagt der Geschäftsführer des Indien-Dienstleisters Maier+Vidorno. Acharyas Prognose: „In drei bis fünf Jahren wird sich der Absatz der Branche verdoppeln.“

Noch bereitet die Steuerreform viel Ärger und Kopfzerbrechen. „Unternehmensberater haben bestens zu tun“, weiß Deubet, der das Investitionsklima in Indien für deutsche Unternehmen grundsätzlich positiv bewertet. Deutsche Investoren vertrauten darauf, dass die Regierung den Reformkurs in Indien fortsetze. „Allerdings können die vielen vorhandenen Probleme wie schlechte Infrastruktur, mangelnde qualifizierte Arbeitskräfte und die überbordende Bürokratie nicht von heute auf morgen gelöst werden.“

Nur der Elefantengott zeigt: Das Büro ist nicht in Hamburg

Wer Heiko Mohn im Süden Mumbais im denkmalgeschützten Forbes Building besucht, lässt für einen Moment Wolkenkratzer und Wellblechhütten hinter sich, taucht ein in eine andere Welt: sehr sauber, sehr organisiert, sehr deutsch. Nur der indische Elefantengott Ganesha im Foyer sorgt für Lokalkolorit.

Hier erzählt der 51-Jährige, wie er für Hamburg Süd seit 2005 das Indien-Geschäft aufbaute, erst mit einem Agenten, seit 2010 als General Manager der Tochter Hamburg Süd India Pvt. Ltd. mit heute 100 Mitarbeitern. Turbulent ist das Business allemal. Noch gut erinnert sich Mohn an die Anfangszeit, als er den erschrockenen Kollegen drohte, die Bücher anzuzünden, falls diese nicht Dampf bei der Digitalisierung machen würden.

Anfang 2017 musste er die Fernost-Linie aus Indien nach China einstellen. Jetzt bedient die Reederei nur noch eine Route, vom Hafen Nhava Sheva über Mundra und Jeddah nach Hamburg, London, Antwerpen. In der größten Hafenstadt des Landes laden die Schiffe Hülsenfrüchte, Baumwolle, Textilien, Maschinen, Pharmazieprodukte, Chemikalien. Drei bis vier Wochen dauert eine Fahrt, acht Schiffe sind im Dienst, drei von Hamburg Süd, vier von Hapag-Lloyd und eins von der französischen CMA-CGM. Nach Indien bringen die Frachter Konsumgüter, Maschinen etwa für die Textilindustrie, Altpapier, Stahl, Schrott. Auch Modi sorgt für Trubel, etwa mit seiner Bargeldreform zur Eindämmung des Schwarzgeldes. Ende 2016 wurden über Nacht fast alle Banknoten ungültig. Sofort, unverzüglich. So schnell standen die neuen Scheine jedoch nicht zur Verfügung. „Zwei bis drei Wochen brach unser Geschäft um rund 50 Prozent ein, weil die Spediteure die Fahrer nicht bezahlen konnten. Folglich wurden die Container nicht ausgeliefert“, erzählt Mohn. Und dann kam Maersk. Die Übernahme der deutschen Reederei durch die Dänen beurteilt der Hamburg-Ambassador insgesamt positiv. Wie sich diese auf sein Business auswirken wird, vermag er noch nicht zu sagen.

Will Heiko Mohn dem Gewusel und Lärm entfliehen, entspannt er beim Jazz. Seine Plattensammlung umfasst stolze rund 9000 Scheiben. Und die haben auch noch keinen Schaden genommen, wenn pünktlich zur Monsunzeit das Wasser durch die Wände seiner Wohnung eindringt.

Wer solche Wassermassen gewöhnt ist, den stört auch nicht das Hamburger Schmuddelwetter. Manojit Acharya von Jungheinrich freut sich deshalb auf den nächsten Besuch beim Arbeitgeber in der Hansestadt. Und ganz besonders auf Schnitzel, Currywurst und Pils.