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„Gotti spielt jetzt auf Wolke 4“

Lesedauer: 6 Minuten
Hans Scheibner

Im Alter von 67 Jahren ist der legendäre Hamburger Pianist Gottfried Böttger gestorben. Er erlag einem Krebsleiden. Ein Nachruf von Kabarettist Hans Scheibner, einem seiner Weggefährten seit den 70ern

Gottfried ist tot. Unser Gotti. Der Ragtime-Pianist der Hamburger Szene. Ach was, Pianist! – das sind ja Leute, die Klavier spielen können. Gottfried Böttger aber war ein Boogie-Künstler, er war nicht einfach ein Tastenhengst – oder wenn, dann war er ein Vollblut, man möchte sagen: Er war von Adel, er hatte Rasse, er hatte immer etwas Vornehmes; ja er war tatsächlich auch ein Professor und war doch gleichzeitig einer von uns, einer von unten. Keiner hat das besser erkannt als Udo Lindenberg:

„Gottfried heißt der Knabe
dahinten am Klavier/

und für jede Nummer Ragtime
kriegt er ‘n Korn und ‘n Bier!“

Und Gottfried war ein Kumpel, ein wahrer Freund. Ich werde es ihm nie vergessen: Am 6. März 1978 sollte ich meinen ersten großen Abend Lästerlyrik mit Liedern und Versen im Schauspielhaus geben. Begleiten sollte mich am Klavier Berry Sarluis. Aber der hing mit Okko, Lonzo, Chris und Timpe noch irgendwo über Deutschland in der Luft. Die Zuschauer strömten schon – und ich stand allein hinter der Bühne.

Was fiel mir ein? Gottfried anrufen. Gottfried war schon nicht mehr irgendeiner. Kein Problem, sagte er, ich bin gleich da. Ich spiel dann immer zwischendurch einen Ragtime oder Boogie. So schafften wir die erste Halbzeit, dann kamen die anderen Freunde hinter die Bühne gehetzt: „Da sind wir. Es kann losgehen!“ Aber Gottfried hatte mir bereits das Leben gerettet.

Am vergangenen Donnerstag hatten viele von Gottfrieds Freunden dasselbe mulmige Gefühl wie ich. Gottfried ist wieder im Krankenhaus! Und Gottfried fehlte. Er fehlte so sehr wie lange nicht:

Uli Salm, Ulf Krüger, Jerry Bahrs, Django Seelenmeierund Berry Sarluis ließen das alte Onkel Pö noch einmal auferstehen – im Zwick an der Reeperbahn. Wir glaubten wirklich: Die Zeit bleibt stehen. Da waren sie alle: Mac Leinemann, Harriet, die Seele der Gastronomie, die wir alle schon einmal geküsst haben – wie eine geliebte Schwester natürlich. Und er selber: Holger Jass, der legendäre Wirt des Onkel Pö (1979–1985). Und viele Promis von damals, die es heute noch sind: Teddy Ibing, der wunderbare Schlagzeuger von Truck Stop (ist überhaupt nicht älter geworden, nur weißhaarig) Karl Dall war plötzlich da. „Ohne mich wär das Onkel Pö ja nur das Onkel Pö ohne mich!“ Peter Petrel zelebrierte seine „Hamburger Deern“, und Susi war dabei und sang wieder so schön mit falscher Grammatik: „Sag bloß nicht jedem, dass wir ‘n Liebespaar wär’n.“ Von den Jazz Lips war Gunther Andernach zu sehen – eine junge Dame von fast 70 Jahren fiel mir um den Hals: „Kennst du mich nicht mehr? Radio Bremen!?“ – Aber natürlich: „3 nach 9“! „3 nach 9“ und Gottfried, die waren doch 40 Jahre eine Einheit: Kein noch so doofes Talkshow-Gelaber konnte die Sendung verderben. Denn zum Schluss kam ja immer noch Gottfried mit seinem Boogie!

Und ausgerechnet Gottfried fehlte!

Das ist wirklich bitter. Denn Gottfried war doch schließlich immer dabei. Von Anfang an. Mit Ulf Krüger, dem geistreichen Texter der Hamburger Szene („In Hamburg sind die Nächte hundert Meter lang und länger“) und dem Bassisten Uli Salm gründete er 1969 die Jazz-Pop-Gruppe Leinemann. Von da an ging’s bergauf! 1974 brachte er als „Raggi Ragtime“ die deutsche Version des Ragtime-Hits „The Entertainer“ (verdeutscht von Udo Lindenberg) und stand damit fünf Wochen als Nummer eins in den Charts.

Genau in diesen Wochen durfte dann auch ich mich ein bisschen für Gottfrieds Freundschaft revanchieren. Ich war gerade ein bisschen aufgenommen in den erlauchten Kreis der Szene-Stars: Als einfacher Arbeiter sozusagen mit dem Dixieland-Hit „Ich mag so gern am Fließband steh’n“.

Gottfried nahm mich eines Tages auf den beliebten feuchtfröhlichen Empfängen „auf dem Parkdeck“ – bei Phonogram am Rödingsmarkt – beiseite. Er fände meine Texte gut, sagte er, und ob ich mich noch erinnern könne, dass er eigentlich mein erster Komponist war. Verdammt, das stimmt. Es muss 1973 oder so gewesen sein, auf einem Wohltätigkeitskonzert. Ich fühlte mich geehrt, einige meiner satirischen Gedichte zwischen den Liedern von Leinemann aufsagen zu dürfen. „Die könnte man doch auch vertonen“, meinte Gottfried, griff sich eines meiner Manuskripte, setzte sich ans Klavier und spielte eine flotte Melodie zu meinem hochmodernen Text „Schild im Treppenhaus: Fahrrädern ohne Befugnis ist das Ankleben von Kindern im Treppenhaus streng untersagt­ ...“

Ich konnte diese Improvisation dann mit Gottfrieds Begleitung auf dem Wohltätigkeitskonzert bringen, und es kam an. Dann aber sagte Gottfried vieldeutig: „Falls dir mal etwas einfällt für mich oder Lonzo“ – wäre das ja auch nett.

Jetzt bin ich schon 14 Jahre älter geworden als Gottfried. Und jetzt kommt es mir allmählich doch etwas makaber vor, wenn ich aus diesem Anlass „Hamburg 75“ aus dem Radio höre, dass Gottfried als zitteriger Kleiner im Altenheim sitzt und den anderen Alten erzählt, dass er 1975 mal ein beliebter Ragtime-Pianist war.

Shit, lieber Gottfried, du singst nun nicht mehr.

Aber deine Songs bleiben uns erhalten. Uns ist zumute wie dem Boss aus dem Lied „Der Clou“.

Du singst, du wolltest kündigen. Aber dein Boss wollte das nicht zulassen und rief:

„So ‘nen Ragtime-King wie dich/
find ich so schnell nicht wieder/
Und deshalb verlass uns nicht!“

Na schön, nun spielst du eben jede Nacht so ab vier da oben im Himmel ­Klavier!