Hamburg

Nach Heimatkunde war Olaf Scholz nicht mehr zumute

Als Melania Trump und die anderen Partner der Gipfel-Teilnehmer im Rathaus erscheinen, erwartet sie ein angespannter Erster Bürgermeister

Hamburg. Es hätte so ein schöner Tag werden können für Olaf Scholz (SPD). Joachim Sauer kommt ins Rathaus, Philip May, Melania Trump, Brigitte Macron und all die anderen charmanten Partnerinnen der G20-Staats- und Regierungschefs. Der Ehemann von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte beim Hamburger Bürgermeister angefragt, ob er denn am Sonnabend im Rahmen des Partnerprogramms im Sitz von Senat und Bürgerschaft vorbeikommen könne. Und Scholz hatte zugesagt. Ein bisschen Heimatkunde, netter Termin.

Wenn da nicht vorher die Nacht mit Gewalt und Anarchie im Schanzenviertel gewesen wäre. Und so erscheint der Regierungschef der Hansestadt im grauen Anzug und mit roter Krawatte um 10.45 Uhr fast unbemerkt, schaut grimmig und abweisend, presst die Lippen zusammen. Kein Lächeln, kein Gruß für Presse und Protokoll. Am Ende des Senatstreppenhauses steht Scholz auf dem Spiegel und wartet auf die vielen Gäste. Immer wieder liest er Nachrichten auf dem Mobiltelefon.

Drei Minuten später kommt Joachim Sauer als eigentlicher Gastgeber. Kurzer Händedruck, Foto, ab in den Phönixsaal. Dort unterhalten sich der Chemieprofessor und Scholz unter vier Augen. Um 10.58 Uhr nimmt der Bürgermeister wieder seine Position ein, heißt Xavier Giocanti, Partner von IWF-Chefin Christine Lagarde, willkommen.

Und dann geht es Schlag auf Schlag: Die Damen aus Mexiko, Japan, Indonesien, Italien, Australien, Singapur, Korea, Vietnam, Südafrika und Argentinien sowie die Ehefrauen der EU-Chefs steigen die Treppe hinauf. Hübsche Kleider, maritime Hosen und elegante Blazer, die Haare schön. Händeschütteln, Positur fürs Foto, Abgang in den Phönixsaal. Dort werden Getränke serviert, es wird gescherzt und gelacht. Die Besucherinnen lächeln für die Fotos, Olaf Scholz verzieht keine Miene. Auch als Philipp May, Gatte der britischen Premierministerin Theresa May, auf Deutsch sagt „Sie haben ein sehr schönes Gebäude“, taut der Bürgermeister nicht auf.

Kanadas Sophie Gregoire Trudeau kommt ohne ihren dreijährigen Sohn Hadrien und trägt ein rot-weißes Ensemble in den Farben ihres Heimatlandes. Brigitte Macron (Frankreich) lächelt freundlich für die Fotos. Als Letzte erscheint Melania Trump, nachdem sie am Freitag aus Sicherheitsgründen das Partnerprogramm verpasst hatte. Sie trägt einen roten Mantel über dem grau-weiß gemusterten Kleid. Und neben Scholz ist sie sehr groß. „Thank you“ haucht sie nach dem Fotografieren.

Der Bürgermeister zeigt den vielen Damen und vier Herren den Phönixsaal, das Bürgermeister-Amtszimmer, wo extra Teile des Hamburger Silberschatzes aufgebaut sind, die Ratsstube, den Turmsaal sowie den Großen Festsaal. Als die Gruppe dort ankommt, macht Scholz einen gelösteren Eindruck. Auf Englisch beantwortet er Fragen, erklärt die Bilder und skizziert, warum der Bischof auf dem Gemälde von Hugo Vogel ins Leere segnet. „Der dort kniende Jüngling musste übermalt werden, weil kein Hamburger eine gebeugte Haltung einnehmen soll. So geht jedenfalls das Gerücht.“

Dann nehmen alle Aufstellung für das Familienfoto mit dem Hafengemälde im Hintergrund. Scholz und Sauer stehen zwischen Juliana Macri (Argentinien) und Melania Trump. Philip May findet sich wieder zwischen Christiane Juncker, Frau von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, und Malgorzata Tusk, Frau von EU-Ratspräsident Donald Tusk. Wollen sie den Briten überzeugen, dass der Brexit keine gute Idee ist?

So ein Rundgang macht hungrig, und am Ende wartet ein Senatsfrühstück im Kaisersaal auf die Gäste. Als Vorspeise gibt es geräucherten Butterfisch und Aal an Karottencreme mit knackiger Vierländer Gurke, Gartenkresse und Haselnuss. Als Hauptgang hat die Küche des Hyatt Hotels gebratenen Ostsee-Kabeljau, Birne-Bohne-Speck mit gebackener Butterkartoffel an Riesling-Soße vorbereitet. Und zum Nachtisch wird „Hamburger Zitronenjette“ serviert, eine Joghurt-Buttermilch-Tarte mit Zi­trone, Himbeere und Limonenkresse.

Hamburger Passanten und Touristen bekommen die Damen und Herren übrigens nicht zu Gesicht. Zu- und Abfahrt zum Rathaus erfolgen über den Innenhof. Und das Gebäude ist dicht von Polizisten umstellt.