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Eine Stadt macht zu

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Nico Binde und Sebastian Becht

Kurz vor dem Gipfelstart rüstet sich Hamburg für das größte Ereignis seiner jüngeren Geschichte. Vor allem aber verbarrikadiert sich die Händlerschaft. Beobachtungen am Straßenrand

Eine Gruppe junger Engländer stockt. Vor dem Telekom-Laden an der Mönckebergstraße schaut sie zu, wie zwei Männer eine Sperrholzplatte vor das Schaufenster schrauben. Was hier passiert, fragen sie einen der Arbeiter. „G20“, raunt der und zieht die nächste Schraube fest. Kurz vor dem Gipfel rüstet sich eine Stadt für das größte Ereignis ihrer jüngeren Geschichte. Mancherorts verbarrikadiert sie sich auch nur.

In der Innenstadt etwa verrammeln nach Karstadt und Galeria Kaufhof immer mehr Geschäfte ihre Schaufenster. Adidas, Swarovski und H&M haben bereits Holzplatten angebracht, andere ziehen nach. Obwohl die Polizei beteuert, das sei nicht notwendig, scheinen einige Händler beunruhigt. Die Ankündigung von bis zu 10.000 gewaltbereiten Demonstranten zeigt Wirkung. Auch an der Marktstraße. Direkt neben den Messehallen hat die Hälfte der Läden die Fenster schon am Mittwoch vernagelt, nur wenige Menschen sind unterwegs. Ein geschlossener Shop an der Feldstraße verkündet: „Zurück wenn Frieden“.

„Wir wissen alle nicht, was uns erwartet“, sagt City-Managerin Brigitte Engler. Ob Mitarbeiter ohne Beeinträchtigung zur Arbeit kommen, könne niemand einschätzen. Der Einzelhandel arbeite ohnehin mit weniger Personal. „Von 1100 Geschäften in der Innenstadt werden aber etwa 900 geöffnet haben“, sagt Engler. Ein symbolischer Akt. Denn Engler rechnet mit leeren Einkaufsstraßen während der Gipfel-Tage. Einer Abendblatt-Umfrage zufolge will ein Drittel der Hamburger die Stadt verlassen, fast 70 Prozent die Innenstadt meiden. Das City-Management erwartet Umsatzeinbußen von 15 Millionen Euro.

Ein paar Meter weiter, am Neuen Jungfernstieg, haben sich mehrere Polizeiwagen in Stellung gebracht. Gegenüber parken große, schwarze Limousinen vor dem Hotel Vier Jahreszeiten. Einige mit Diplomatenkennzeichen. Das Nobelhotel wird während des Gipfels die Delegation Saudi-Arabiens beherbergen.

Radfahrer an der Messe feiern „autofreie Straße“

Der inzwischen vollständig eingetroffene Fuhrpark der Polizei wird nicht nur an der Alster präsentiert, wo viele Fahrzeuge von Beamten kontrolliert werden. Die Einheiten üben in der gesamten Innenstadt intensiv Kolonnefahren. Motorräder, Bullis und anderes Gerät bewegt sich kettengleich über die Straßen, vorerst ohne größere Staus.

Auch an den Messehallen, die nach und nach abgeriegelt werden, kommen Technikfreunde auf ihre Kosten. Wasserwerfer und Räumgerät sind im weniger bedrohlichen Aggregatzustand ordnungsgemäß aufgereiht. Während Spürhunde jedes in die Messe wollende Auto mit Socken an den Vorderpfoten (keine Kratzer!) auf Sprengstoff abschnüffeln, fühlen sich die Radfahrer auf den für den Autoverkehr schon gesperrten Straßen offenbar wie an einem „autofreien Sonntag“. Entspanntes Cruisen.

In akuter Sichtweite zum Gipfelgelände haben sich die Juristen der Bucerius Law School zudem herausgenommen, ihre feinsinnige Sicht der Dinge mit einem riesigen Banner zu dokumentieren: „G20 Members: Respect the Rule of Law“ lautet die Aufschrift des Plakats, das vom Medienzentrum und damit von sehr vielen Menschen sehr gut zu sehen ist.

Derweil schreiten im gesamten Stadtgebiet die Sicherungsmaßnahmen voran. Der Endspurt hat spürbar begonnen, bevor die Vertreter der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zusammenkommen. Insbesondere am Gästehaus des Senats haben einschneidende Veränderungen eingesetzt: Polizeiboote, ein Stahlrohrrahmenturm, weiträumige Parkverbote. Alles für Donald Trump. Der größte Polizeieinsatz in der Hamburger Geschichte ergibt dabei aber auch andernorts ein sonderbares Bild. Denn unter den insgesamt eingesetzten 20.000 Polizisten mit ihren etwa 3000 Fahrzeugen sind auch einige ausländische Einheiten, wie gegen Mittag am Schulterblatt im Schanzenviertel zu bestaunen ist. Die österreichischen Kollegen verursachen mit ihren Fahrzeugen jedenfalls lange Hälse bei der Café-Boheme. „Das waren doch“, setzt eine Kaffeetrinkerin an, „ja, genau, Österreicher“, vollendet ihre Freundin.

Das Schanzen- und auch das benachbarte Karolinenviertel schütteln sich ohnehin nach dem ersten Wasserwerfereinsatz des Gipfels am Dienstagabend. Überall wird gipfelkritisch geflaggt, gegenüber der Rindermarkthalle noch ein letztes Graffito („Love Donald, Fight Trump“) angebracht. Das Karoviertel, in dem laut Plakaten Protest ausdrücklich erwünscht ist, zeigt sich sonst praktisch leer. Meistgesehene Utensilien in direkter Nachbarschaft zum G20-Austragungsort: Sperrholzplatte und Akkuschrauber. Die meisten, so scheint es, sind dann mal weg.

Auch die Männer vor dem Telekom-Laden packen nach zwei Stunden ihr Werkzeug wieder ein und machen sich auf den Weg nach Hause. Die Fenster sind verrammelt. Die Arbeit ist getan. Fürs Erste zumindest. Spätestens Montag müssen die Platten wieder abmontiert werden.

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