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Ansichten eines Clowns

Vor 40 Jahren gründete Bernhard Paul den Circus Roncalli. Jetzt kommt er zur Jubiläumstournee auf die Moorweide. Ein Gespräch über Kinder und Komik, das Geld, das Hamburger Publikum – und das Lachen. Von Jan Haarmeyer

Hat einer wie Bernhard Paul noch einen Traum? Gerade ist der gebürtige Österreicher 70 Jahre alt geworden. Er wollte schon als kleines Kind Clown werden und die Menschen zum Lachen bringen. Nun ist er seit 40 Jahren Zirkusdirektor, vielfach preisgekrönt, beschäftigt 150 Mitarbeiter, darunter seine drei Kinder und tritt selbst jeden Abend als Clown Zippo in der Manege auf. „Einen Wunsch habe ich noch“, sagt der Träger des Bundesverdienstkreuzes, der vom österreichischen Bundespräsidenten den Professoren-Titel verliehen bekam und die größte Zirkus- und Varieté-Sammlung Europas hat. „Mein Zirkusmuseum. Es soll in zwei Jahren in Köln eröffnet werden.“

Herr Paul, ist es immer noch so, dass die Künstler, die das Publikum am meisten begeistern, bei Ihnen im Zirkus die höchsten Gagen bekommen?

Bernhard Paul: Ja, die Nachfrage bestimmt den Preis. Das ist genau wie beim Film, da bekommen die Hauptdarsteller auch das meiste Geld.

Sind das immer noch die Clowns?

Ja, meistens. Und das liegt einfach daran, dass die Menschen gerne lachen. Und zwar qualitätsvoll und nicht über jeden Klamauk. Wissen Sie, die Komiker sind überall die Lieblinge. Weil es nämlich schwerer ist, die Leute zum Lachen zu bringen als zum Weinen.

Was ist ein guter Clown?

Einer, der die Leute auf hohem Niveau zum Lachen bringt. Das ist wie beim Essen. Das hat was mit Qualität und Ästhetik zu tun. Und das kann auch jeder Zuschauer sofort erkennen, ohne dass man das näher erklären muss.

Sie haben einmal gesagt, dass „jeder, der auf einem Kindergeburtstag einen guten Witz erzählen kann, eine Samstagabend-Show im Fernsehen bekommt“.

Ja, das stimmt. Weil es so wenig gute Clowns gibt. Es ist wie beim Wein, der muss ja auch reifen. Oder bei Musikern, die brauchen auch viele Jahre, um richtig gut zu werden.

Ist es in den vergangenen 40 Jahren schwieriger geworden, die Menschen zum Lachen zu bringen?

Sagen wir so: Es ist notwendiger geworden, wenn man sich unseren Globus anschaut. Die Welt wird immer furchtbarer, deswegen brauchen wir das Lachen heute mehr denn je. Die Menschen brauchen ein Ventil. Und das Lachen ist so eines.

Wie schlimm ist es für einen Clown in der Manege, wenn die Zuschauer nicht lachen?

Dann sollte man den Beruf wechseln.

Ist Ihnen das schon mal passiert?

Nein. Man weiß ja mit den Jahren, warum der Lacher kommt. Und dann kommt es darauf an, die Pointe nicht zu verhauen. Das kann passieren, wenn der Satz zu früh kommt. Oder zu spät. Und dabei geht es um Sekundenbruchteile.

Kann man das lernen?

Nur zum Teil. Ich war schon als Kind fasziniert von diesen Anti-Helden. Es gab ja die richtigen Helden – wie Tarzan oder Elvis Presley. Und eben die Anti-Helden. Die sind nicht besonders schön, sie haben zu große Schuhe und zu kurze Hosen. Sie haben den Mut zur Hässlichkeit, sind sympathisch und bekommen immer die Lacher. Das hat mich fasziniert. Es ist etwas sehr Schönes, Menschen zum Lachen zu bringen. Das fängt mit dem Klassenclown in der Schule an. Lachen ist auch ein pazifistischer Akt. Wer lacht, kann niemanden erschießen.

Ist es so, dass man als Clown auch das Leben nicht so richtig ernst nimmt?

Nein. Vielleicht nimmt man es sogar ernster, weil man als Clown die Welt ja sehr genau beobachtet und die Menschen parodiert. Ich muss also das, was auf der Welt passiert, ernst nehmen. Aber wenn ich zum Beispiel einen Chef habe, der ein bisschen eigenartig ist, dann muss ich ihn nicht so ernst nehmen. Ich muss auch nicht alle Politiker ernst nehmen. Das hilft manchmal sogar.

Muss man den Zirkus ernst nehmen?

Unbedingt. Denn wir spielen Klavier auf den Emotionen der Menschen.

Alle großen Zirkusse sind über die Jahre von der Bildfläche verschwunden, Roncalli hat das Zirkussterben überlebt. Was haben Sie anders gemacht?

Ich habe viel richtig gemacht. Und das heißt wohl in erster Linie, wie schon gesagt, dass man den Beruf ernst nehmen muss. Man muss Perfektionist sein. Und man muss am Puls der Zeit sein.

Das Leben wird immer atemloser. Da geht Roncalli überhaupt nicht mit der Zeit.

Sehen Sie, es gibt in diesen Zeiten auch viele Schnell-Imbisse und Coffee-to-go-Shops. Aber wir sind eben ein Feinkostladen. Ein Biotop der Artistik und der Zirkuskunst. Wenn alles immer schneller wird, dann sehnen sich viele Menschen nach Entschleunigung.

Was machen Sie noch anders?

Es gibt Zirkusse mit vielen Tieren. Und andere, die haben fast gar keine Tiere. So wie wir. Bei uns stehen zum Beispiel die Clowns an erster Stelle. Woanders sind es die Elefanten. Ich sehe Clowns lieber als Elefanten. Ich sehe Elefanten auch gerne. Aber in Freiheit.

Sie haben mal gesagt, als Zirkusmensch muss man das Geld zum Fenster rausschmeißen ...

... dann kommt es zur Tür wieder herein. Ich habe damals, als ich ganz am Anfang von Roncalli eine Pleite verhindern konnte, weil ich mich von André Heller getrennt habe, anschließend alleine weitergemacht und noch einmal sehr viel Geld investiert.

Sie haben 1979, als es wieder losging, ihr Konto bis zur Premiere um 500.000 Mark überzogen. Sie haben heute, fast 40 Jahre später, Kosten von 30.000 Euro – pro Tag. Ihr Unternehmen beschäftigt rund 150 Mitarbeiter. Haben Sie oft schlaflose Nächte angesichts des gewaltigen Kostendrucks?

Wenn ich morgen eine Operation am offenen Herzen machen müsste, hätte ich sicherlich schlaflose Nächte. Der Chirurg aber, der das jahrelang praktiziert hat, für den ist der Eingriff Routine. Ich bin ja mit den Aufgaben und Problemen gewachsen. Und unter einem hohen Druck entsteht aus Kohle Diamanten.

Sie sind ein Mann der Komik und ein Mann der Zahlen. Geht das – Künstler und Firmendirektor? Oder zerreißt es einen irgendwann, weil der Clown in eine ganz andere Richtung will als der Geschäftsmann?

Natürlich bin ich Künstler. Es gibt gute und schlechte Künstler. Es gibt kommerziell erfolgreiche und Hungerkünstler. Erstrebenswert ist es, von seiner Kunst leben zu können. Wie Picasso, Chaplin oder Walt Disney. Sie haben eines gemeinsam: Sie waren große Künstler und haben auch Geld verdient.

Was verbinden Sie mit Hamburg?

Hans Albers, der Hafen, die Beatles. Und reiche Leute, die mit Kaffee und Pfeffer handeln und viel Geld verdienen. Die Stadt hat tolle Ecken. Und die Hamburger sind angenehm zurückhaltend.

Und als Zirkuspublikum?

Die jubeln nicht gleich los, wenn der Vorhang aufgeht. Die wollen erst einmal sehen, was macht der da jetzt in der Manege. Und wenn es ihnen gefällt, sind sie um so besser drauf und voller Freude über das Gesehene. Das Hamburger Publikum ist spontan, aber qualitätsbewusst. Es ist eher ein Theaterpublikum, nicht so jubelig. Die schauen erst einmal zu und bejubeln dann echte Leistungen.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Auf die Moorweide, weil ich seit 40 Jahren schon immer gerne mit meinem Zirkus dort Station gemacht hätte. Weil ich weiß, dass das strategisch der beste Ort in der Stadt ist. Gut erreichbar zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln, genau gegenüber von einem großen Bahnhof und im Vorbeifahren von allen zu sehen. An diesem Ort stimmt alles.

Und worauf können sich die Hamburger freuen?

Roncalli wird, wie ein guter Wein, jedes Jahr besser. Wir kommen jetzt mit unserem Jubiläumsprogramm, und das ist noch einmal etwas Besonderes. Da haben wir unsere Aufgaben gemacht. Den Zirkus herausgeputzt, ein neues Zelt, neue Lichtanlagen, neue Tontechnik, neue Kostüme. Mit anderen Worten: Das darf man sich nicht entgehen lassen.

Und wen würden Sie von Ihren Künstlern herausheben?

Na ja, zwei auf jeden Fall. Meine beiden sehr, sehr hübschen Töchter Vivien und Lili. Sie treten erstmals in der Roncalli-Manege auf, was mich als Vater natürlich wahnsinnig stolz macht.

Auch Ihr Sohn Adrian arbeitet bei Roncalli. War das geplant, dass Ihre drei Kinder in Ihrem Unternehmen mitarbeiten?

Ganz im Gegenteil. Ich hätte es lieber gehabt, sie hätten irgendwie Welthandel studiert oder so. Und wären vielleicht dann zu mir zurückgekommen. Aber die wollten nicht raus aus dem Zirkus. Die wollten das unbedingt machen. Meine Kinder sind auch Perfektionisten, sie trainieren pausenlos, kümmern sich auch selbst um die Kostüme. Sie sind sehr diszipliniert – und sehr begabt.

Der Name Roncalli ist ja der bürgerliche Name von Papst Johannes XXIII. ...

... da muss ich Ihnen noch eine Geschichte erzählen. Als ich vor einiger Zeit in unserem Roncalli-Café in Hamburg gewesen bin, hat mich draußen auf der Mönckebergstraße eine Frau angesprochen und gesagt: „Wissen sie, wie ich heiße? Mein Name ist Roncalli.“ Sie hat mir ihren Ausweis gezeigt und erzählt, dass ihr Vater der Großneffe von Papst Johannes XXIII. gewesen ist.

Haben Sie den Namen gewählt, weil Sie ein gläubiger Menschen sind?

Ich bin der einzige Zirkusdirektor, der Messdiener gewesen ist. Ich bin römisch-katholisch. Ich bin gläubig, aber ich glaube nicht an die Kirche als Institution, sondern an ein höheres Wesen. An eine höhere Gerechtigkeit. Und daran, dass man alles, was man im Leben nicht so gut macht, irgendwann zurückbekommt. Man sollte so leben, als wenn einem immer einer zuschaut bei dem, was man gerade macht.

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