Thema

Die Rentnerin, die mit weniger als 300 Euro auskommt

Manchmal muss Heike Westphal, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, leise weinen. Sie schluckt ein bisschen und kommt beim Erzählen ins Stocken. „Das sind so depressive Phasen“, sagt sie. Dann ist das Leben so schwer, weil das Geld so knapp ist. Dass sie jetzt, mit 66 Jahren, auf jeden Euro achten muss, tut weh. Und gerechnet hatte sie damit nie.

In der Wohnung von Heike Westphal stehen kleine Plastiktöpfe. In einen tut die Rentnerin jeden Tag einen Euro. „Für den Friseur.“ Früher ist sie alle vier Wochen zum Friseur gegangen, jetzt setzt sie sich noch alle sechs Wochen auf den Stuhl. Waschen, schneiden. „Föhnen mache ich selbst.“ In einen anderen Topf kommen jeden Monat fünf Euro. Solange, bis sie die 80 Euro für eine Sehnerv-Behandlung zusammengespart hat. „Das Sehen wird schlechter.“

Heike Westphal wohnt in Alsterdorf in einer 55 Quadratmeter großen Wohnung. Am 1. September vergangenen Jahres ist sie in Rente gegangen. Nach 41 Jahren Arbeit als Drogerie-Verkäuferin, wo sie nach einer zweijährigen Ausbildung in der Hamburger Kaffeerösterei von Walter Messmer im Jahr 1975 angefangen hat. Sie hat einen Sohn und ein Pflegekind großgezogen und nebenbei noch geputzt. „Ich habe gar nicht schlecht verdient“, sagt sie. Rund 1300 Euro netto im Monat.

Ihre früheren Kolleginnen kriegen nur 700 Euro Rente

Heike Westphal bekommt monatlich 920 Euro Rente ausbezahlt. Sie ist aus ihrer 85-Quadratmeter-Wohnung ausgezogen. „Die Miete von über 600 Euro konnte ich mir nicht mehr leisten.“ Nun zahlt sie 484 Euro Miete. Die Kaution für die neue Wohnung in Höhe von 900 Euro stottert die Rentnerin mit monatlich 15 Euro ab. „Fünf Jahre lang.“

Was ihr im Monat zum Leben bleibt, kann Heike Westphal sehr genau vorrechnen. Außer der Miete gehen von ihrer Rente noch rund 170 Euro für Versicherungen (30 Euro), Fahrkarte (50 Euro), Telefon und Strom (65 Euro), Rundfunkgebühren (18 Euro) sowie sechs Euro Gewerkschaftsbeitrag ab. Die rüstige Dame bekommt noch einen Wohngeldzuschuss von 25 Euro. „Zum Leben bleiben mir im Monat nicht mal 300 Euro.“

Sie rechnet grob mit 50 Euro Ausgaben pro Woche für Lebensmittel, Waschpulver und Kosmetikartikel, um trotzdem noch den ein oder anderen Euro zu sparen. Jede Woche studiert sie ausgiebig die bunten Prospekte mit den Sonderangeboten bei Lidl, Aldi, Penny, Edeka oder Kaufland. „Manchmal gibt es ein Pfund Kaffee für 2,98 Euro.“ Und bei Edeka hat sie eine Weihnachtsgans für 4,98 Euro erstanden.

Wie kommt man mit so wenig Geld über die Runden? „Nicht gut“, sagt sie. Das sei doch traurig, dass man jetzt im Alter so heftig von Armut betroffen sei, obwohl man sein ganzes Leben lang gearbeitet habe. Und dabei kenne sie noch frühere Arbeitskolleginnen, die mit 700 Euro Rente auskommen müssen. „Das kann nicht sein. Unsere Politiker müssten dafür sorgen, dass die Menschen, die so lange gearbeitet haben wie wir, nach ihrem 65. Lebensjahr mehr Geld zum Leben zur Verfügung haben.“

Neue Kleidung kauft sie sich kaum. „Nur ganz selten mal was Peppiges in etwas besseren Secondhand-Läden.“ Kino oder Konzerte? „Ich war für zehn Euro bei einem Shanty-Chor mit anschließendem Kaffee und Kuchen.“ Auch für weitere Reisen reicht das Geld nicht mehr. Mit einer Freundin ist sie mit dem Bus nach Büsum gefahren. „Für 15 Euro, das war sehr schön.“ Einen Spartopf hat sie auch für die jährliche Reise nach Dänemark zu ihren beiden Brüdern. „Mit dem Bus nach Flensburg, und dort holen sie mich ab.“

Und wenn sie sich etwas wünschen könnte? „Eine chinesische Massage“, weil ihr die Knochen immer so weh täten. Vielleicht mal eine poppige Haarfrisur. Und, ja, eine Reise – nach Kenia. „Zu einer Elefantenstation.“ Dafür hatte sie auch mal einen Plastiktopf in ihrer Wohnung aufgestellt. „Da waren schon 120 Euro drin.“ Doch dann stand eine ärztliche Behandlung an, die sie nicht eingeplant hatte. „Da war der schnuckelige Elefantentopf auch wieder leer.“