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Ein Künstler als Oberbaudirektor

Kaum ein Mann hat der Stadt so seinen Stempel aufgedrückt wie Oberbaudirektor Fritz Schumacher – er machte den Backstein zum dominierenden Material. Von Matthias Iken

Es gibt nur wenige Menschen, denen fast jeder Architekt, jeder Stadtentwickler, jeder Kritiker fast uneingeschränkt Respekt zollt. Fritz Schumacher ist einer von ihnen. Am 4. November 1909, seinem 40. Geburtstag, trat der Bremer sein Amt als Leiter des Hochbauwesens und Baudirektor in Hamburg an – und gestaltete die Stadt bis zu seiner Zwangspensionierung im Mai 1933 wie kein Zweiter. Er verwandelte Hamburg in eine rote Stadt.

„Ob der Backstein Schumacher geprägt hat oder Schumacher den Backstein, ist ein Henne-Ei-Problem“, sagt Oberbaudirektor Jörn Walter. Fakt ist, dass Schumacher, der zuvor in Dresden noch mit Sandstein baute, in Hamburg auf das lokale Vorbild des roten Klinker setzte. Der Heimatstil gewann in dieser Zeit an Popularität, und der Backstein galt als bodenständig, deutsch und hanseatisch zugleich.

Schon Albert Erbe hatte seit 1901 als stellvertretender Leiter des Hochbauamtes den spezifischen hamburgischen Heimatstil befördert. Der Architekt des Gymnasiums Kaiser-Friedrich-Ufer, der Oberfinanzbehörde am Rödingsmarkt und der heutigen Bucerius-Law-School hatte selbst auf den Posten Schumachers geschielt, war aber unterlegen.

Der neue Baudirektor setzte Erbes Erbe fort, er fand einen „gut bestellten Acker“ vor, wie Ex-Oberbaudirektor Kossak sagt. Zu tun gab es reichlich, die Stadt wuchs stürmisch, die Infrastruktur ebenfalls. Zu Schumachers Amtsantritt standen 31 Neubauten und neun Umbauten an. Viele Profanbauten aus dieser Zeit prägen das Bild der Stadt bis heute – beim Stadtbummel stößt der Flaneur allerorten auf einen echten Schumacher. Er errichtete Bildungsstätten wie das Johanneum (1912–1914) oder die Hochschule für Bildende Künste am Lerchenfeld (1911–1913), Kliniken und Forschungseinrichtungen wie das Tropeninstitut (1910–1914), das heutige Fritz-Schumacher-Haus am UKE (1913-1926) oder das Museum für Hamburgische Geschichte (1914–1923). Die Davidwache (1913–1914) an der Reeperbahn gehört genauso zum Werk wie das Holthusenbad in Eppendorf (1912–1914) oder das Lotsenhaus auf Finkenwerder (1913). Sein letzter große und nach eigener Aussage „persönlichster“ Bau ist das Krematorium auf dem Friedhof in Ohlsdorf.

Sein imposantestes Werk ist die Finanzbehörde am Gänsemarkt. Das Gebäude wurde 1914 begonnen und wegen der Wirren der Zeit erst 1926 fertiggestellt. In der Fassade und den zurückspringenden Staffelgeschossen mit Flachdach zeigt sich ein Stilwandel hin zur Moderne. Die Keramikreliefs geben der Fassade ein besonderes Gesicht. Schumacher hat sich entwickelt und ist sich doch treu geblieben. War er zu Beginn auch vom Heimatschutzstil beeinflusst, fließen zum Ende der 20er-Jahre immer stärker modernere Bauformen, etwa das Bauhaus, mit ein. Stets hielt er zugleich an seiner hamburgeigenen Tradition fest. Früh initiierte er eine Baupflegekommission, in der Architekten, Bürger und Künstler auf die gestalterische Qualität achtgaben.

Ironischerweise ist sein vielleicht wichtigstes Werk erst auf den zweiten Blick erkennbar – Schumacher hat in einer Zeit dynamischer Veränderungen das Kunstwerk Hamburg mit seinen strengen, bis heute gültigen Gestaltungssatzungen für Rathausmarkt, Kleine Alster, Binnenalster und Außenalster bewahrt. „Er hat viel dazu beigetragen, dass Hamburg bis heute ein Kunstwerk ist“, sagt Volkwin Marg, einer der bekanntesten Hamburger Architekten der Gegenwart. Auch unterhalb der Fuhlsbütteler Schleuse hat sich ein Alsterkunstwerk von Fritz Schumacher mit Böschungsmauern, Becken und Terrassen erhalten. Übrigens eines, das sozial zu verstehen ist, weil es das Alsterufer allen öffnete.

Sein knappes Hamburger Vierteljahrhundert (mit drei Jahren Beurlaubung für eine Aufgabe in Köln) war eine Zeit der Wirren und des Wandels: Hochkonjunktur, Weltkrieg, Revolution, Inflation, Aufschwung, Weltwirtschaftskrise – die Zeitläufte benahmen sich wie ein Manisch-Depressiver.

Vor dem Ersten Weltkrieg florierte die Hansestadt – und Bürger und Unternehmer strebten danach, sich und ihrem Wohlstand ein Denkmal zu setzen. „Die Stadt wächst insgesamt in die Höhe. Auf alten Hamburger Stadtansichten sieht man noch die Kirchenschiffe“, sagt Walter. „Ab dem Weltkrieg aber sind nur die Türme geblieben.“ Ein Bauboom erfasste die Stadt. „Anfang des 20. Jahrhunderts wollten viele Geschäftsleute auffällige Lichtwerbungen an ihren Fassaden anbringen und den Gebäuden Türme aufpflanzen.“. Höger plante Türme für das Hapag-Lloyd-Gebäude und das Broschek-Haus – doch die Gestaltungssatzung für die Binnenalster verhinderte es. Die Vorschriften verlangten, dass sich alle an die Traufhöhe zu halten hatten und die Dächer mit Kupfer gedeckt werden mussten. So konnte Hamburgs prägende Stadtansicht über Jahre bestehen bleiben – auch wenn einzelne Gebäude, wie etwa das fast 100 Jahre alte Europa-Haus, ohne viel Federlesens für die Europa-Passage fielen. Doch auch die Shopping-Mall, 2006 fertiggestellt, musste in ihrer Fassade sich der Schumacherschen Gestaltungssatzung beugen.

Für viele Hamburger steht Schumacher vor allem für einen Stein, den Backstein. „Indem er die traditionsreiche Backsteinarchitektur zum Grundthema seines Entwerfens machte, hat er eine Baukonvention geschaffen, die sich bis heute immer wieder neu belebt“, lobt Marg. Der Backstein verbindet unterschiedliche Baustile, ob Heimatstil, Expressionismus oder moderner Internationalismus.

Plötzlich wechselt die Stadt die Farbe – auch heute noch für alle bei einer Fahrt aus der Stadt heraus sichtbar. „Wenn der Backstein losgeht, handelt es sich meist um Nachkriegsbebauung“, sagt Jörn Walter. Die 20er- und 30er-Jahre werden die große Zeit des Backsteinbaus. Der Ziegel, für Industrie- und Profanbauten sowie Kirchen seit Langem akzeptiert, wird nun auch auf den Wohnungsbau übertragen.

Die ersten Anfänge sind zur Jahrhundertwende erkennbar – an der Methfesselstraße in Eimsbüttel beispielsweise entstehen Mietskasernen, sogenannte Hamburger Burgen, die bereits großflächig Backstein verwenden – allerdings noch unterbrochen von weißen Putzflächen. Doch sie verschwinden rasch – der Backstein regiert durch.

Es sind keine einfachen Jahre – die Wirren der Niederlage im Ersten Weltkrieg lähmen, 1923 wütet die Hyperinflation, und schon 1929 bereitet die Weltwirtschaftskrise dem zaghaften Aufschwung ein abruptes Ende. Die Sozialdemokraten sind die stärkste Partei in der noch jungen Hamburger Demokratie. Mit dem sozialdemokratischen Aufbruch gewinnt der Wohnungsbau eine besondere Bedeutung. Schumacher schwebt ein Achsenplan vor, Wohn- und Grüngürtel sollen sich um den alten Leib der Stadt spannen.

Während Schumacher die Gemeinschaftsbauten wie Schulen entwirft, kommen beim Wohnungsbau Vertraute zum Zuge. Die Gebrüder Paul und Hermann Frank bauten in Dulsberg, Hans und Oskar Gerson in Barmbek und Eppendorf, Karl Schneider in Winterhude, gleich mehrere Architekturbüros setzten die gefeierte Jarrestadt um. Es sind große, symmetrische, fast kasernenartige Bauten, die eingebettet ins Grüne, mit modernster Ausstattung und einer funktionierenden Nachbarschaft locken – Leuchttürme eines sozialen Wohnungsbaus. Der rote Backstein, die Sprossenfenster und die Innenhöfe verleihen ihnen zugleich eine heimatliche, norddeutsche Note.

Im noch preußischen Altona gestaltet Friedrich Ostermeyer die große Wohnanlage „Friedrich-Ebert-Hof“ nach den Prinzipien des Neuen Bauens. Die großen Backsteinquartiere stehen für eine radikale Abkehr von den heute so beliebten Gründerzeitquartieren. Diese „Hamburger Knochen“ aus der Phase von 1893 bis 1914 galten als industriell gefertigte Mietskasernen der Spekulationsjahre, die Bebauung war eng, die Wohnungen wegen des Schlitzbaus dunkel. Genauso verrufen waren die alten Gängeviertel, in denen viele Kommunisten lebten.

Die neuen Backsteinbauten sollten anders sein – ein Bekenntnis zur Handwerkskunst, eine Rückkehr zur Natur, eine Befreiung. Schumacher verstand sich als Vertreter der Reformarchitektur, gehörte aber nicht zur Avantgarde. Gleichwohl prägte ihn der sozialreformerische Ansatz mit dem Ziel von Licht, Luft und Sonne. Tatsächlich wurden die Innenhöfe durch die neue Blockbebauung viel größer, Querlüftung möglich, die Wohnungen heller.

In seinem Buch „Die Kleinwohnung“ legt der Hamburger Baudirektor dar, für wie „verderblich“ er die gründerzeitlichen Bauten hält und wie sich zum selben Preis sehr viel gesündere Wohnungen bauen lassen. Trotz des massiven Kosten- und Zeitdrucks kämpfte er für kluge Grundrisse, die neben einer optimierten Küche noch Platz für ein Bad schufen. Angesichts der enormen Wohnungsnot wurden die Bauten rasch größer und höher, es gibt einen Maßstabssprung.

Während die Wohnbebauung vor allem an den Achsen außerhalb der Innenstadt vorangeht, wird der Kern Hamburgs zur Geschäftsstadt. So entsteht das Kontorhausviertel, seit Kurzem zum „Unesco-Weltkulturerbe“ geadelt. Das Chilehaus (siehe Kasten rechts), der Meßberghof, der Sprinkenhof, der Montanhof sind einzigartige Geschäftshäuser, die auf den Trümmern des Gängeviertels emporwuchsen. „Schumacher hat es geschafft, einen Konsens zwischen unterschiedlichen Architekturstilen herzustellen“, lobt Walter. „Er schuf eine Einheit, eben weil alle mit dem gleichen Material gebaut haben.“

Nie zuvor und nie danach trug die Architektur in der Hansestadt eine so eigene Handschrift. Erst mit den Nationalsozialisten begann langsam die Abkehr vom roten Stein.

Nicht einmal die weiträumigen Zerstörungen der Stadt im Bombenkrieg konnten dieses Antlitz tilgen – auch weil die Schumacher-Ära eine enorme Schaffenskraft entfaltete. Und das in diesen extrem schwierigen Zeiten. „Es ist ein Phänomen, dass Hamburg das hinbekommen hat“, sagt Walter. Die vorausschauende Politik des Senats trug zu dem „unglaublichen Wohnungsprogramm“ einen großen Teil bei – immerhin 65.000 Wohnungen wurden zwischen 1919 und 1932 errichtet. „Ich kenne keine andere Stadt, die in dieser Phase so viel und so qualitativ hochwertig gebaut hat“, sagt Walter. „Schumacher ist ein absolutes Vorbild, in so schwierigen Zeiten mit Qualität zu bauen.“