Forschung

Die Welt ist besser, als wir denken

Forscher behaupten: Die Menschheit lebt heute so gut wie noch nie

Forscher behaupten: Die Menschheit lebt heute so gut wie noch nie

Foto: Frank May / dpa

Kriege und Terrorismus beherrschen die Schlagzeilen. Doch Forscher behaupten: Die Menschheit lebt heute so gut wie noch nie.

Das Leben des modernen Menschen ist gekennzeichnet durch einen ungeheuren Strom an Informationen, die ihn tagtäglich erreichen, vor allem über Zeitungen und elektronische Medien. Gemessen an diesem Datenfluss sind wir die bestinformierte Gesellschaft der Geschichte.

Ein beträchtlicher Teil dieser Nachrichten ist negativer Art – es geht viel um Kriege, Krisen und Gewaltakte. Der verunsicherte Bürger und Medienkonsument verfolgt beunruhigt das Erstarken der radikalislamischen Miliz Daesh (IS) im Irak und in Syrien und die Eskalation des nahöstlichen Kriegs, auch sorgt er sich angesichts des Säbelrasselns in der Ukraine und kommt schließlich leicht zu dem subjektiven Resultat, dass die Welt noch nie so schlecht und roh war wie gegenwärtig. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig.

In ihrem Buch „Überfluss – die Zukunft ist besser, als Sie denken“, erklären die amerikanischen Wissenschaftsautoren Peter H. Diamandis und Steven Kotler diesen Effekt. Da das menschliche Gehirn ständig mit Informationen bombardiert werde, aber nicht leistungsfähig genug sei, um sie alle zu verarbeiten, wähle es die Nachrichten nach Prioritäten aus.

Die Sinnesinformation, dass gerade ein Raubtier auf den Menschen zulaufe, sei naturgemäß wichtiger als alles andere. Da das Überleben oberste Priorität habe, würden die meisten Informationen durch die Amygdala gefiltert, ein Doppelorgan im Gehirn, das bei der Entstehung von Erregungszuständen wie Angst und Aggression sowie bei der Gefahrenanalyse eine entscheidende Rolle spielt. Die Amygdala sei ständig auf der Suche nach Gründen für Furcht. Unsere Spezies habe nur deshalb überlebt, weil unser Gehirn negative Nachrichten priorisiere. Der Pessimist überlebe – der Optimist aber werde von den Löwen gefressen.

Nach einer Medienanalyse haben rund 90 Prozent der Nachrichten in der „Washington Post“, einer der führenden Zeitungen der Welt, einen negativen Charakter. Politiker wiederum instrumentalisieren Krisen, um sich tatsächlich oder nur scheinbar zu profilieren. Der innenpolitische Erfolg des russischen Präsidenten Wladimir Putin etwa beruht nicht zuletzt auf seiner Strategie, sein Land als vom Westen bedroht zu verkaufen.

Um das Jahr 200 vor Christus prägte der römische Dichter Titus Maccius Plautus das Wort vom Wolf, der dem Menschen ein Wolf sei – homo homini lupus. Der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes verwendete diesen Begriff Mitte des 17. Jahrhunderts als Fazit seiner ernüchternden Analyse des eigensüchtigen und zur Gewalt neigenden menschlichen Charakters. Die Folge sei ein Krieg aller gegen alle.

Mit Blick auf den Mittleren Osten und die Gräueltaten von Daesh könnte man meinen, das stimme noch immer. Doch die Menschheit ist heute eine ganz andere als im Altertum, im Mittelalter oder noch vor 100 Jahren.

In seinem mehr als 1000 Seiten starken Buch „Gewalt – eine neue Geschichte der Menschheit“ aus dem Jahr 2011 beschreibt der kanadisch-amerikanische Evolutionspsychologe Steven Pinker, Professor in Harvard, diesen Wandel. So sei im Paris des 16. Jahrhunderts nicht nur die bestialische Folter und Hinrichtung von Menschen eine öffentliche Attraktion gewesen, sondern auch das Quälen von Tieren. Man habe gern Katzen, an Drahtschlingen hängend, zur Belustigung verbrannt, und die Menschen hätten angesichts der unbeschreiblichen Qualen des Tieres geheult und gequietscht vor Vergnügen. Die Menschen damals, so schreibt Pinker, hätten Grausamkeit regelrecht genossen. Kann sich heute noch jemand eine derartige Rohheit als Volksbelustigung vorstellen?

Pinkers Buch ist eine leidenschaftliche Antithese zum verbreiteten Kulturpessimismus und erläutert, wie die Welt im Laufe der Jahrhunderte immer friedfertiger geworden ist. Dabei verlief dieser Prozess allerdings nicht linear, sondern eher im Stile einer Springprozession – zwei Schritte voran, einer zurück. Der Dreißigjährige Krieg, der mindestens ein Drittel der Deutschen umbrachte, und der Erste und Zweite Weltkrieg mit ihren mindestens 75 Millionen Toten waren entsetzliche Rückschläge.

Auch die heutige Welt ist natürlich nicht friedfertig. Im Jahre 2014 hat es weltweit rund 400 Kriege und kriegerische Konflikte gegeben. Diese enorme Zahl vermittelt den Eindruck, es seien viel mehr als früher. Aber das täuscht. Wir haben heute einfach mehr Informationen darüber, was auf der Welt geschieht; früher erfuhr man meist gar nicht, ob irgendwo in Asien oder Afrika Menschen gegeneinander kämpften.

Pinker steht mit seiner Kernthese, dass die Welt im Laufe des Zivilisationsprozesses friedlicher geworden sei und dass wir derzeit in der friedlichsten Ära unserer Spezies leben, keineswegs allein. Der britische Archäologe und Historiker Ian Morris, Professor an der US-Eliteuniversität Stanford, kommt zu dem Ergebnis, dass in der Steinzeit wohl jeder fünfte Mensch gewaltsam ums Leben kam. Die derzeitige Todesrate durch Gewalt liege nur noch bei 0,7 Prozent.

Nachlassende Gewaltraten allein sind aber noch kein Beweis für eine bessere Welt. Diamandis und Kotler belegen indes, dass sich auch die einst weit klaffende Lücke zwischen Arm und Reich auf der Welt zu schließen beginnt. Die Aussage klingt überraschend, wird aber von Experten weithin geteilt. Im Internet gehen der Micro­soft-Gründer Bill Gates und seine sozial sehr engagierte Frau Melinda gegen den verbreiteten Glauben an, die Welt sei ein einziges Jammertal. Unter anderem erklären sie auf der Website ihrer Stiftung, es gebe heute nur noch halb so viel arme Menschen, als dies noch 1990 der Fall war.

Auch habe sich die durchschnittliche Lebenserwartung von afrikanischen Frauen in Ländern südlich der Sahara seit 1960 um 16 Jahre erhöht, auf nunmehr 57 Jahre, heißt es auf der Website. Übrigens befänden sich sieben der zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Erde in Afrika – von wegen verlorener Kontinent. Der Prozentsatz der Kinder, die in Afrika zur Schule gehen, habe sich seit 1970 fast verdoppelt, von unter 40 auf 75 Prozent.

Seit 1960 habe sich das Realeinkommen pro Person in China verachtfacht, das in Indien sei heute viermal, in Brasilien fünfmal so hoch wie 1960. Die Sterblichkeitsraten gingen in den meisten Staaten dramatisch zurück – das Risiko, vor dem fünften Lebensjahr zu sterben, habe noch 1960 20 Prozent betragen, heute liege diese Rate bei unter fünf Prozent. Die Zahl der Kinder pro Familie nehme dagegen ab; daher wachse die Weltbevölkerung inzwischen langsamer.

Der Amerikaner Marian L. Tupy, politischer Analyst beim Cato Institute, einer der einflussreichsten Denkfabriken der USA, schrieb, das Einkommen eines durchschnittlichen Afrikaners sei zwischen 1870 und 1960 um 63 Prozent gestiegen – und dann noch einmal um 41 Prozent bis 1999. Und obwohl Afrika damit weit hinter anderen Teilen der Welt zurückgeblieben sei, habe der Schwarze Kontinent insgesamt doch große Fortschritte gemacht und allein seit 1999 das Durchschnittseinkommen um weitere 36 Prozent steigern können. Die Welt habe einen zuvor unvorstellbaren Fortschritt bezüglich des Lebensstandards von Menschen hingelegt, sagt Tupy.

Der einflussreiche amerikanische Unternehmer und Philantrop Phil Harvey gibt in dem Artikel „Wie die Welt immer besser wird“ zu bedenken, dass sich die Lebenserwartung der Menschen seit der Zeit der Römer verdreifacht habe und allein seit den 1950er-Jahren um fast ein Vierteljahrhundert zugelegt habe. Und obwohl es noch Hungergebiete auf der Welt gebe, verfüge die Menschheit heute über mehr Nahrung als je zuvor. Seit 1960 sei die durchschnittliche tägliche Kalorienaufnahme von 2250 auf mehr als 2800 Kalorien gestiegen. Selbst in Indien, wo die Kalorienaufnahme um 1950 noch unter 1700 pro Tag gelegen habe, betrage sie heute um 2500.

Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen auf der Welt, so sagt Harvey, habe 1913 umgerechnet 1500 US-Dollar betragen; im Jahre 2010 seien es bereits 10.700 gewesen. Auch wer all diesen Zahlen misstraut und diese positiven Erklärungen angesichts des Hungers und der Kriege auf der Welt als Zynismus empfindet, kann nicht abstreiten, dass sich die Lage insgesamt deutlich verbessert hat.

Auch der in Deutschland geborene Wissenschaftler Max Roser von der britischen Oxford Martin School, Teil Universität von Oxford, sagt: „Es ist eine kalte, nüchterne Tatsache, dass die Welt ein besserer Ort wird.“

Roser, Autor der Publikation „OurWorldInData“, schreibt: „Es ist leicht, sich zynisch zur Welt zu stellen und zu behaupten, dass nichts besser werde. Glücklicherweise sagt die empirische Forschung das Gegenteil.“ So habe der Anteil armer Menschen an der Weltbevölkerung um 1820 bei mehr als 80 Prozent gelegen und betrage in der heutigen Zeit kaum mehr als 20 Prozent. Auch Roser sagt, die Ungleichheit im Einkommen sinke erheblich.

Der britische Politiker, Zoologe und Wissenschaftsautor Matt Ridley, der als 5. Viscount Ridley im House of Lords sitzt, sagt, die Welt sei niemals ein besserer Ort als derzeit gewesen. „Ein Grund dafür, dass wir heute gesünder, größer, reicher, freier sind und länger leben als jemals zuvor, ist, dass die vier Grundnotwendigkeiten im Leben eines Menschen – Nahrung, Kleidung, Brennstoff, ein Dach über dem Kopf – heute viel billiger sind als früher.“ Um Licht für eine Stunde (damals per Kerze) zu erhalten, musste man um das Jahr 1800 sechs Stunden arbeiten. Heute reiche eine halbe Sekunde für die gleiche Leistung. Eine Verbesserung um das 43.200-Fache. Ein Auto, das heute mit Höchstgeschwindigkeit fahre, stoße weniger umweltschädliche Emissionen aus als ein mit laufendem Motor stehender Wagen um 1970.

Nach Ridleys Statistiken sind die Menschen in China heute zehnmal wohlhabender als vor 50 Jahren und leben 25 Jahre länger. Die Nigerianer sind demnach doppelt so wohlhabend und leben neun Jahre länger. Auch die Brennstoffe gingen keineswegs zur Neige, wie lange angenommen wurde. 1970 wurden die Ölreserven der Erde auf 550 Milliarden Barrel geschätzt – in den folgenden 20 Jahren verbrauchte die Welt 600 Milliarden Barrel. Heute geht man von 900 Milliarden Barrel Reserven aus und zählt dabei die Ölsände und -schiefer, die das 20-Fache der gigantischen saudischen Ölvorkommen betragen sollen, nicht einmal mit. Die Vorräte, so bilanziert Viscount Ridley, reichten vermutlich für Jahrhunderte. Und bis dahin gebe es längst Alternativen zu Öl und Gas.

Thomas Hobbes, der englische Mathematiker und Philosoph mit dem pessimistischen Menschenbild, schrieb im 17. Jahrhundert, das Leben eines Menschen sei „einsam, scheußlich, brutal und kurz“. Für viele trifft das heute noch zu. Doch Milliarden Menschen auf der Erde sind ein Beweis, dass unsere Spezies seitdem einen weiten, erfolgreichen Weg zurückgelegt hat. Wie sagte der Rockmusiker Bono vor der Universität von Pennsylvania: „Die Welt ist viel formbarer, als du denkst: Und sie wartet nur darauf, dass du sie in die richtige Form hämmerst“.