Thema

Von den Toten lernen – für die Lebenden

Im UKE-Institut werden Wunden oder Knochenresten die Geheimnisse entlockt

Am Ende liegt die Wahrheit vor ihm, eben noch verborgen, tiefgründig, jetzt sorgsam herausgeschält und für ihn lesbar. Die Verletzungen, die einem Opfer zugefügt wurden, die Drogen, die jemand genommen hat, die fatalen Umstände, die zum Tod eines Menschen geführt haben – Prof. Dr. Klaus Püschel geht diesen Fragen auf den Grund. Man könnte auch sagen: Er legt den Finger in die Wunde, im wahrsten Sinne des Wortes. Als Gerichtsmediziner ist er der Arzt der Misshandelten, der Verletzten, Geschundenen und der Toten; nicht einer, der heilt, sondern der nach den Ursachen forscht – für die Opfer und für die Wahrheit.

„Von den Toten lernen für die Lebenden“ ist denn auch ein Credo der Rechtsmedizin. „Es ist für die Menschen von ganz enormer Bedeutung, was wir hier machen“, betont Püschel. „Ein Gutachten, das Klarheit gibt, ist manchmal als Medizin wichtiger als eine ärztliche Behandlung. Weil es einfach auch Frieden schafft oder dazu führt, dass ein Schlussstrich gezogen werden kann.“ Zudem helfe die Arbeit der Rechtsmediziner häufig den Unterprivilegierten, misshandelten Frauen und Kindern, Drogenabhängigen und Obdachlosen. Er liest gleichsam in Hämatomen, Wunden und zersplitterten Knochen, leistet einen entscheidenden Beitrag bei der Identifikation von Opfern und entlockt den Toten Geheimnisse. Manchmal sei seine Arbeit „auch ganz schön belastend. Auch abhängig davon, wer da gerade in den Kühlfächern liegt und obduziert wird: junge Frauen, junge Drogenopfer, misshandelte Kinder, Unfallopfer“, sagt der Rechtsmediziner.

In seinem Institut werden durchschnittlich pro Tag fünf Leichen geöffnet – von denen die meisten eines natürlichen Todes gestorben sind. „Pro Jahr haben wir in Hamburg etwa 40 Opfer von Tötungsdelikten“, erklärt Püschel, „wir untersuchen aber jährlich mehr als tausend ganz unterschiedliche Fälle von Körperverletzung.“ Ein gigantischer Erfahrungsschatz.

Und ein ganz tiefer Sinn steckt in dem, was der Hamburger tut. Das ist immer wieder erfüllend. Seine Arbeit ist für den 63-Jährigen, seit fast vier Dekaden am Hamburger Institut für Rechtsmedizin tätig und seit 1991 dessen Direktor, nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Püschel brennt für seine Profession. „Rechtsmedizin ist dynamisch, überraschend und fesselnd“, sagt der Familienvater. Und auch für einen hoch erfahrenen und versierten Fachmann wie ihn, seit nunmehr 30 Jahren Professor und als Kapazität in ganz Deutschland gefragt, bringt sein Beruf stetig Neues: „Es gibt immer wieder spektakuläre Fallkonstellationen, bei denen ich gesagt habe: Das habe ich noch nie erlebt. Und oft wundert man sich auch, dass vermeintlich geklärte Fälle neue Wendungen bekommen.“

Die Säurefassmorde, Moorleichen sowie die von ihren Eltern zu Tode misshandelte Jessica, die Fragmente von Hitlers Schädel, der Fall des St.-Pauli-Killers, das schwere Barkassenunglück auf der Elbe, der in der Badewanne gestorbene Uwe Barschel, die totgeprügelte kleine Yagmur: Püschel hat jede Menge spektakulärer Fälle untersucht. In einer zwölfteiligen Serie schildert das Abendblatt ungewöhnliche und Aufsehen erregende Verbrechen, die im Hamburger Institut für Rechtsmedizin am Uniklinikum Eppendorf analysiert wurden.