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Warum Baku nicht olympiareif ist

Noch bis zu diesem Sonntag ist Baku Ausrichter der ersten Europaspiele der Sportgeschichte. Dass sich die Hauptstadt Aserbaidschans für 2024 zum dritten Mal um Olympia bewerben wird, gilt als sicher. Allerdings gibt es einige Gründe, die gegen das Land als Ausrichter sprechen

Baku ist gut gegen Flugangst. Wer als Fahrgast in einem Taxi über die Ausfallstraßen der Hauptstadt Aserbaidschans gerast ist, glaubt, dass das Gefährlichste am Fliegen tatsächlich die Autofahrt zum Flughafen sein kann. Niemand allerdings sollte glauben, dass Autofahren das größte Abenteuer ist in der „Stadt der Winde“, wie das 3300 Kilometer von Hamburg entfernte Baku wegen der vom Kaspischen Meer wehenden steifen Brise genannt wird. Seit zwei Wochen ist die 2,2-Millionen-Einwohner-Metropole am größten See der Welt Gastgeber für die ersten Europaspiele der Sportgeschichte, die an diesem Sonntag zu Ende gehen. Rund 6000 Athleten, deren Betreuer und mehr als 800 internationale Medienvertreter sind zu Gast in der ehemaligen, seit 1991 unabhängigen Sowjetrepublik, die geografisch zu Vorderasien, sportpolitisch aber zu Europa gehört.

Um den Besuch nachhaltig zu beeindrucken, hat sich die Hauptstadt herausgeputzt wie ein Konfirmand, der in seinem Sonntagsanzug frisch und unbefleckt daherkommt. Der Bulvar, die Prachtstraße am Ufer des Kaspischen Meeres, lockt mit internationalen Spitzenrestaurants und einer Auswahl der wichtigsten und teuersten Mode- und Möbeldesigner der Welt. Die Altstadt mit der Stadtmauer und ihren Sandsteinpalästen ist mit Liebe zum Detail restauriert worden und wird, wenn die Sommernächte bei mehr als 20 Grad zum Flanieren locken, mit mattem Flutlicht wunderbar illuminiert.

Eine Vielzahl von Porträts des früheren Diktators Heydar Alijew, nach dem Straßen, Plätze und der Flughafen benannt sind und dem ein eigenes Museum gewidmet ist, ist abgenommen worden, um die Besucher mit dem Führerkult nicht allzu sehr zu irritieren. Über allem weht die 40 mal 20 Meter große Landesfahne am mit 162 Metern dritthöchsten Fahnenmast der Welt, der weithin sichtbar auf der Landzunge steht, auf der die Crystal Hall ins Kaspische Meer gesetzt wurde. Jene Arena, in der 2012 der Eurovision Song Contest ausgetragen wurde.

Spätestens seit jenem Tag weiß die Welt, dass Baku große Pläne hat. Staatsoberhaupt Ilham Alijew, der die Präsidialrepublik seit 2003 totalitär regiert, hat erkannt, dass die Endlichkeit der Öl- und Gasressourcen, die Aserbaidschans Elite reich gemacht haben, aber voraussichtlich nur noch 40 Jahre vorhalten werden, zu einem großen Problem werden könnte. Deshalb soll aus Baku das Dubai des Kaukasus werden: eine glitzernde Traumwelt, die Touristen aus aller Welt anzieht. Dafür benötigt man Lockmittel, und Alijew hat diese im Sport ausgemacht.

Die Europaspiele sind dabei zwar der bisherige Höhepunkt, aber doch nur der Anfang. Im nächsten Jahr kommt die Formel 1, 2017 die islamischen Solidaritätsspiele, immerhin sind rund 95 Prozent der Aseri, wie die Bevölkerung Aserbaidschans genannt wird, Muslime. Das Land ist indes kein Mullah-Staat, Frauen werden nicht unterdrückt. 2020 werden Spiele der Fußball-Europameisterschaft in Baku ausgetragen, und dass die Olympischen Sommerspiele nach Aserbaidschan geholt werden sollen, ist ein offenes Geheimnis. In den Auswahlverfahren für die Spiele 2016 (Rio de Janeiro) und 2020 (Tokio) wurde Baku nicht zur Hauptrunde zugelassen. Die Europaspiele sollten der Testlauf werden, um dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) zu beweisen, dass Baku alles kann, was es möchte. Und nach zwei eindrucksvollen Wochen zweifelt kaum jemand daran, dass die nächste Bewerbung bis September beim IOC eingehen und Baku damit ein Konkurrent Hamburgs für die Ausrichtung der Spiele 2024 werden wird.

Die Athleten loben die gute Organisation und die Qualität der Sportstätten

Wer mit Athleten in den vergangenen Tagen sprach, der hörte eine durchweg einhellige Meinung. „Von der Organisation und der Qualität der Sportstätten und des Athletendorfs hatte das olympischen Standard“, lobte Turnstar Fabian Hambüchen stellvertretend für die 265 deutschen Teilnehmer. Tatsächlich hielten die 15 Sportstätten höchsten Ansprüchen stand. Sie waren bei Außentemperaturen von mehr als 30 Grad angenehm, aber nicht zu stark gekühlt. Das drahtlose Internet funktionierte besser als in vielen deutschen Arenen, und alle Inhalte des Netzes waren frei zugänglich. Die Sicherheitskontrollen wurden gründlich und vor allem zügig abgewickelt.

Letzteres lag vor allem daran, dass ein Heer an fleißigen Helfern bereitstand. Der reibungslose, verzögerungsfreie Transport einer fünfstelligen Zahl von Besuchern ist in jeder Stadt der Welt eine Herausforderung. Baku meisterte diese, weil die für die Shuttlebusse eingerichtete Fahrspur, die über Außenbezirke zu den Sportstätten führte, von Polizisten frei gehalten wurde. Außerdem durften während der Spiele nur in Baku zugelassene Fahrzeuge auf die Straßen, was das im Alltag übliche Verkehrsaufkommen um zwei Drittel reduzierte.

Angesichts der enormen Anstrengungen verwundert es nicht, dass hochrangige Sportfunktionäre wie IOC-Präsident Thomas Bach, Patrick Hickey als Präsident der Europäischen Olympischen Komitees (EOC) oder Dirk Schimmelpfennig als Chef de Mission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Baku bescheinigten, ein ernst zu nehmender Kandidat für die Ausrichtung Olympischer Spiele werden zu können. Doch da gibt es noch die andere Seite der Medaille.

Hotel Vierjahreszeiten am Altstadtring – es ist der Donnerstag vor der Eröffnung der Spiele, die aserbaidschanische Regierung hat zur Pressekonferenz geladen. Zunächst geht es um die Großartigkeit der Spiele, Sportminister Azad Rahimow parliert in bestem Englisch über die Anstrengungen seines Landes. Doch die internationalen Journalisten interessiert das wenig, sie wollen über das sprechen, was in ihren Ländern in den Wochen zuvor Thema war: die Verletzung von Menschenrechten im totalitären Alijew-Regime. Alle Fragen werden zugelassen, doch die Stimmung nähert sich den Temperaturen, die die auf Hochtouren eingestellte Klimaanlage produziert.

Ali Hasanow, stellvertretender Ministerpräsident, bellt seine Antworten in Landessprache. Politische Gefangene? „Gibt es nicht. Das sind alles Menschen, die gegen unsere Gesetze verstoßen haben.“ Verstöße gegen Menschenrechte und Pressefreiheit? „Alles eine Kampagne der westlichen Demokratien!“ Erst als ein einheimischer Reporter fragt, ob man sich angesichts der feindlichen Tendenzen im Westen nicht stärker Russland zuwenden müsse, hellt sich Hasanows finstere Miene auf. „Gute Frage, darüber denken wir seit längerem sehr intensiv nach!“

Mit einheimischen Journalisten ins Gespräch zu kommen ist schwierig. Viele wollen nicht reden; vor allem, weil sie kaum Englisch sprechen. Elgiz Nabili, der für ANS TV, den größten unabhängigen Fernsehsender des Landes, arbeitet, kann Englisch. Er sagt: „Wir sind irritiert darüber, dass im Westen so viel über Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan geredet wird, obwohl die meisten noch nie hier waren.“ Die Aseri vertrauten ihrem Staatsoberhaupt, „weil es keine Opposition gibt, der man vertrauen kann. Alijew hat Stabilität gebracht und gezeigt, dass er unser Land verteidigen und entwickeln kann“. Den USA und Europa misstrauen viele, weil sie befürchten, dass der Westen sie ausbeuten wolle. „Sie sagen: Wir haben dieses Land mit unseren Händen aufgebaut und wollen nicht, dass die EU oder die USA uns alles wegnehmen“, erklärt er.

Wolfgang Büttner, Sprecher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, bestätigt die Zahl von 80 bis 100 Regimekritikern, die nur deshalb in Aserbaidschan in Haft sitzen, weil sie Widerstand gegen die Herrschenden wagten. „Seit vergangenem Sommer beobachten wir in Aserbaidschan ein stark erhöhtes Vorgehen der Regierung gegen Kritiker. Menschen werden wegen fingierter Vorwürfe inhaftiert, Angehörige von im Exil lebenden Regimegegnern werden unter Druck gesetzt und bedroht“, sagt er.

In Baku habe der Eurovision Song Contest zu einer Verschlechterung der Lage geführt. Die Enteignung von Grundstücksbesitzern, um Sportstätten zu bauen, und die Ausbeutung und Misshandlung von Arbeitsmigranten für eben jenen Zweck seien in Staaten wie Aserbaidschan Begleitumstände, die von Athleten und Funktionären zu selten wahrgenommen würden. Sie haben keine Zeit, hinter die Fassaden zu schauen. Wer das tut in Baku, sieht eine Stadt, die abseits der prachtvollen Hauptstraßen gar nicht mehr wirkt wie der unbefleckte Konfirmand, sondern wie ein alternder Schauspieler, der mit plastischer Chirurgie eine Illusion aufrechtzuerhalten versucht.

Das Volk braucht keine Multisportspiele – aber es wird ja auch nicht gefragt

Der sieht auch, dass die Arenen nur beim Kampfsport gut gefüllt sind, bei vielen anderen Events dagegen trotz moderater Eintrittspreise von einem bis fünf Manat (entspricht 80 Cent bis 4,30 Euro) fast leer. Und dass die Aseri keine Freude daran haben, ausländische Sportler anzufeuern, sofern sie nicht aus dem Bruderstaat Türkei oder Georgien und Russland kommen. Aserbaidschans Volk, dieser Eindruck drängt sich auf, braucht keine Multisportspiele. Es gibt sich mit Ringen, Karate und Boxen zufrieden.

Aber Spiele für das Volk sind ja auch gar nicht der Antrieb für das Regime, sich für Olympia zu bewerben. Ein Ausflug ins gut 300 Kilometer westlich von Baku gelegene Mingachevir, wo die Kanuwettbewerbe ausgetragen wurden, öffnet die Augen. 50 Kilometer hinter der Hauptstadt wird aus der sechsspurigen Autobahn eine zweispurige Straße, von der kurz vor Mingachevir eine nur notdürftig befestige Schotterpiste bleibt. Wer die öffentlichen Toiletten auf einem Rastplatz an der Autobahn oder die stinkenden Tümpel am Rande Bakus sieht, in denen zerlumpte Menschen im Altöl graben, der kann sich eines Gefühls kaum erwehren: dass es abstoßend grotesk ist, Milliarden für ein Sportereignis auszugeben, wenn die Bevölkerung in diesen Verhältnissen leben muss.

Wie viel die Ausrichtung der Europaspiel-Premiere gekostet hat, ist unklar. 960 Millionen Euro, so rechnet es Sportminister Rahimov vor. Neun Milliarden Euro, sagen Kritiker. Keine Frage: Baku ist bereit, für seine Visionen viel Geld und noch mehr Arbeitskräfte aufzubringen. Aber wenn das IOC es ernst meint mit seiner Agenda 2020, die den Kampf gegen Gigantismus und für Nachhaltigkeit ebenso propagiert wie die Einhaltung von Menschenrechten, dann sollte Baku auch 2024 nicht die Chance erhalten, das fragwürdige Sein mit dem schönem Schein der fünf Ringe zu überdecken.