Porträt: Yvonne Catterfeld

Das liebe Mädchen schlägt zurück

Sie ist in der DDR aufgewachsen, war GZSZ-Star und Popsternchen. Yvonne Catterfeld hat es immer allen recht gemacht. Als der Traum vom Romy-Schneider-Kinofilm platzte, lernte sie Nein zu sagen. Nun überrascht sie in neuen Rollen – die Geschichte einer Wandlung.

Nein, eigentlich möchte Yvonne Catterfeld jetzt nicht mehr länger über Romy Schneider sprechen. Den deutschen Weltstar. Bewunderte Künstlerin, Futter für den Boulevard, zerrissene Persönlichkeit. In den Augen der Deutschen auf ewig die Sissi-Darstellerin, obwohl sie längst eine großartige europäische Schauspielerin war.

Aber weil Yvonne Catterfeld nett ist, redet sie doch noch mal über den Februar 2008. Als sie die Nachricht erhielt, dass sie die Romy-Rolle bekommen hat, sich ins Auto setzte und weinend durch Berlin fuhr. Als das Kinoprojekt platzte und damit der Traum von der Rolle ihres Lebens. Als der Fehler passierte, dass die Sache verkündet wurde, obwohl noch gar nichts perfekt war. "Das halbe Jahr der Vorbereitung war trotzdem fast so was wie ein Geschenk", sagt sie. Eine wertvolle, keine verlorene Zeit. Und statt immer nur daran zu denken, was wäre wenn, bestätigte sich schon damals ihr Lebensmotto: "Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue." Außerdem könne sie sich relativ schnell mit Dingen abfinden. Aber jetzt möchte sie eigentlich wirklich nicht mehr über die Sache mit Romy reden.

Früher, heißt es, war Yvonne Catterfeld noch netter. Eine, die keinem wehgetan hat. Die es allen recht machen wollte, auf dass bloß jeder zufrieden sei mit ihr. "Frau ohne Eigenschaften", titelte die "FAZ" über das Mädchen aus Erfurt, das im Schnelldurchlauf die geölte Unterhaltungsmaschinerie von ganz unten nach ganz oben durcheilt hatte. Catterfeld hier, Catterfeld da. Sie schauspielerte, sie sang, sie moderierte, sie machte Werbung. Serienstar bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", preisgekrönt mit Echo und Bambi. Dieter Bohlen schrieb ihr einen Hit, sie sang für UN-Generalsekretär Kofi Annan. Es gab Catterfeld-Kalender, sie posierte für Deichmann-Schuhe und Anti-Pickel-Cremes.

Sie war irgendwie oben, und da waren ja auch so viele, die ihr gesagt hatten, dass sie da oben hinmüsse. Doch dieses Oben fühlte sich nicht so richtig gut an. "Ich wollte es immer allen recht machen, nur mir selbst habe ich es immer weniger recht gemacht", sagt sie. Man kann auch sagen, je mehr sie auf die anderen hörte, desto leiser wurde ihre eigene Stimme, die ihr sagte, was sie selbst am liebsten machen würde.

Wir sitzen auf der Terrasse des Hotels Interconti an der Alster. Wir wollten eigentlich schon im Frühjahr ein Gespräch führen, aber dann sagte Catterfeld-Manager Jürgen Otterstein, es wäre besser, bis zum Herbst zu warten. Denn es könnte ihr Herbst werden.

Wieder gibt es Catterfeld auf allen Kanälen. Doch nun kommt man nicht umhin, die Geschichte einer höchst erstaunlichen Wandlung zu erzählen. Vom lieben Mädchen zur prügelnden Ermittlerin, vom seichten Serienstar zur ausdrucksstarken Darstellerin, vom Popsternchen zur Sängerin, die sich mutig auf die Suche nach neuen musikalischen Wegen gemacht hat. "Es wird ein spannender Herbst für mich, weil alles, was ich mir erarbeitet habe, jetzt ans Licht der Öffentlichkeit kommt. Drei Filme, ein neues Album, und alles kurz hintereinander", sagt sie und lächelt.

Hat beim Hamburger Filmfest soeben die Weihnachtskomödie "Engel sucht Liebe" vorgestellt. Ist im Fernsehen in der nächsten Woche in dem spannenden Sat.1-Thriller "Schatten der Gerechtigkeit" an der Seite von Richy Müller zu sehen. Und knapp zwei Wochen später in der aufwendigsten RTL-Eigenproduktion des Jahres, dem Zweiteiler "Der Vulkan", an der Seite von Armin Rohde, Heiner Lauterbach und Katharina Wackernagel als kühle Wissenschaftlerin, die gleich das halbe Land vor einer urgewaltigen Katastrophe retten will.

Und als reiche das alles nicht, erscheint im November auch noch eine neue CD.

Ja, das sei schon eine Art Befreiungsschlag, sagt sie. Auch wenn dieses eine Wort vielleicht nicht den Prozess deutlich mache. Die Wandlung, die sie vollzogen hat. "Man muss um seine Freiheit ja auch kämpfen. Und das dauert eben einige Jahre." Und sie sei ja noch lange nicht am Ziel, auch wenn man das manchmal denkt. Aber dann tauchen doch wieder "Stolpersteine auf, sodass man sich erneut die Beine bricht". Wie oft hat sie sich gesagt, ich mache jetzt keine Kompromisse mehr. Wie oft hat sie gedacht, sie habe sich eine gewisse Freiheit erarbeitet, "und dann stößt man doch wieder an Grenzen. Auch an eigene."

Jetzt aber will sie wirklich keine Kompromisse mehr machen. Hat gelernt, Nein zu sagen. Einfach war das nicht. Sie war neun Jahre alt, als die Mauer fiel. Aufgewachsen im 5. Stock eines Plattenbaus. Vater Dreher, Mutter Lehrerin. Sie kann sich zwar in Sachen Politik "nur noch an den 1. Mai erinnern, wo wir mit einer angesteckten Nelke, dem Symbol der Arbeiterklasse, marschiert sind". An das Foto von Erich Honecker, "das bei uns in der Klasse hing". Und an "Abzeichen für besonders gute schulische Leistungen, wo man dann immer vor allen Schülern auf dem Schulhof nach vorne treten musste, was furchtbar war". Aber sie weiß, dass es sie natürlich sehr geprägt hat, "dass man nicht aussprechen konnte, was man dachte". Zum Beispiel? "Man durfte kein Westfernsehen gucken, wir haben es trotzdem gemacht, aber nicht darüber geredet." Dass man "Emotionen zügeln musste und sich lieber auf die Zunge biss, um nichts Falsches zu sagen". Dass man sehr viel runtergeschluckt hat.

"Ich bin am Anfang meines Erfolges von 'Müssen' und 'Sollen' begleitet worden und seit einiger Zeit dabei, mich davon zu befreien", sagt sie. "Es war ganz wichtig, dass ich gelernt habe, die Wut überhaupt mal rauszulassen. "

Sie hat Erinnerungen an eine "von Regeln und Disziplin bestimmte Grundschulzeit". Ja, sie hatte eine gute Kindheit, ist behütet aufgewachsen, und ihre Eltern haben sie auch von vielem ferngehalten. Für die und ihre Großeltern sei das natürlich schlimmer gewesen, weil sie um ihre Jugend betrogen worden sind. DDR und BRD, das waren für Yvonne Catterfeld "zwei verschiedene Länder, auch wenn ich wusste, dass es eigentlich ein geteiltes Deutschland war". Das eine war halt "das Schlaraffenland", und das andere "das Land der Entbehrungen, in dem wir aber trotzdem gut gelebt haben, es gab ja zum Beispiel keine Arbeitslosigkeit".

Sie besucht öfters ihre Eltern in der Plattenbausiedlung und war jetzt auch mit ihrem Freund Oliver Wnuk da. "Der kommt aus Konstanz, ist an einem See aufgewachsen und war schon ein bisschen entsetzt." Andererseits ließ ihre Mutter, die ein Jahr nach ihrer Geburt wieder als Lehrerin gearbeitet hat, sie in Erfurt schon mit fünf Jahren alleine von der Wohnung zum Geräteturnen fahren. "Ich war aus heutiger Sicht sehr früh sehr selbstständig, und man musste in der DDR nie Angst haben, dass einem etwas passierte. Das wäre heute völlig undenkbar."

Haben die Eltern Musik gemacht? "Nee, gar nicht." Hat ihr Vater gesungen? "Nee", sagt sie und lacht. "Das darf man nicht erzählen, was der immer gesungen hat."

Wenn sie heute alte Fotos anschaut, erkennt sie darauf ein sehr stilles Kind. "Ich war verhalten, introvertiert und sehr schüchtern." Aber da war auch immer dieses Gefühl, auf die Bühne zu gehören, "obwohl ich überhaupt nicht der Mensch für die Bühne war, weil es mir damals an Selbstbewusstsein gefehlt hat". Hat sich immer hinten angestellt, alle anderen vorgelassen, sich nicht getraut zu singen. "Ich habe mich lange im Hintergrund aufgehalten, und keiner wusste, was in mir steckt." Als sie auf dem Abi-Ball "Oh Happy Day" sang, wurde es in der Aula mucksmäuschenstill. Eine Freundin hat ihr später gesagt, sobald sie auf der Bühne stand, habe sie sich in einen anderen Menschen verwandelt.

Dabei war jeder Gang auf die Bühne "eine Art Therapie, ein Sprung ins kalte Wasser". Aber sie glaubt an Visionen, an Mystik. Mag darüber kaum sprechen, weil sie abergläubisch ist. Aber Sachen, die sie als Kind gedacht hat, seien nun mal wahr geworden. Und so war es wohl ihre Bestimmung, im Rampenlicht anzukommen.

"Ein Weg mit einem Ziel und vielen Umwegen", sagt sie. "Ich werde jetzt 30 und habe für Umwege keine Zeit mehr." Und das führe dann eben dazu, dass man irgendwann "einfach nur noch geradeaus geht und geradeaus Dinge sagt". Das habe natürlich Konsequenzen, "aber es fühlt sich unheimlich gut an". Es sei etwas Magisches, wenn sich bestimmte Personen finden. "Aber nur wenn man auf seinem Weg bleibt, begegnet man eben genau diesen Menschen."

Yvonne Catterfeld glaubt an gute Zeiten und schlechte Zeiten, auch wenn sie "GZSZ" lange hinter sich gelassen hat. Sie glaubt, dass alles einen Sinn hat. Und dazu gehören auch geplatzte Träume. Und so landen wir doch noch einmal bei Romy Schneider. "Eigentlich ist das ein hässlicher Beruf, Filmschauspielern", hat sie einmal gesagt. Das sei wie mit einem Gift, das man schlucke, an das man sich gewöhne und es doch verwünsche. "Der Widerspruch bei Romy Schneider war ja, dass sie die Anerkennung in Deutschland nicht bekommen hat. Dass sie immer wieder nur als Sissi gesehen wurde", sagt Yvonne Catterfeld. "Dieser Spagat zwischen der, die sie war und der, wie sie gesehen wurde, war schmerzhaft. Darunter hat sie sehr gelitten. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen."