Der Wende-Hit: Wind of Change

Fünf Fragen an Klaus Meine

Journal:

Die Scorpions wurden von Michail Gorbatschow in den Kreml eingeladen. Wie kam es dazu?

Klaus Meine:

Nach der spanischen Version für den lateinamerikanischen Markt kam aus der Band heraus sehr schnell die Idee, auch eine russische Version von "Wind of Change" aufzunehmen.

Diese Geste, dass ein deutscher Rocksänger der global unterwegs ist, eine russische Version eines Welthits aufnimmt, war, denke ich, ein ganz besonderes Signal. Daraus resultierte die Einladung in den Kreml im Dezember 1991. Wir haben nicht nur eine Stunde zusammen gesessen, über Glasnost, Perestroika und natürlich Rockmusik gesprochen, sondern wir haben sogar im Amtszimmer des russischen Präsidenten gejammt.

Ist denn "Wind of Change" ein politisches Lied?

Man kann es als politisches Lied empfinden. Es ist einfach ein Song, der ein Stück Geschichte einfängt und Hoffnung ausdrückt. Die Hoffnung, dass die Menschen in einer friedlicheren Welt zusammenleben können. Ist das politisch? Ich denke, das ist zutiefst menschlich!

Ich bin ja mit der Mauer aufgewachsen, das was ich mit den Scorpions in Leningrad und Moskau erlebte, hat mich natürlich ganz anders berührt, als zum Beispiel die amerikanischen Bands, die eben keinen Song darüber geschrieben haben. Ich war damals aber nicht politisch organisiert, war auch nie auf einer Demonstration oder einem Protestmarsch, obwohl ich ja eigentlich zur Generation der 68er gehöre. In erster Linie war ich Rockmusiker. Auf der Suche nach Leuten, die den gleichen verrückten Rock-'n'- Roll-Traum leben wollten.

Welches Erlebnis mit diesem Lied hat Sie persönlich besonders bewegt?

Wir haben vor ein paar Jahren in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, in einer Schule gespielt. Die Kinder haben sich natürlich "Wind of Change" gewünscht. Sie haben uns etwas Russisches gesungen und wir eben "Wind of Change". Wenn man in einem so von deutsch-russischer Geschichte belasteten Ort solche Brücken bauen kann, dann ist das nicht nur ein wunderschönes Gefühl, sondern man wird auch sehr demütig!

Was ist aus den Träumen der in "Wind of Change" besungenen "children of tomorrow" geworden?

Was Deutschland betrifft, sind sicherlich viele Träume wahr geworden. Wenn man mal auf dem Todesstreifen steht, wird einem klar, wie absurd und mörderisch dieses ganze System gearbeitet hat. So viele Menschen haben ihr Leben gelassen - für die Freiheit! Dass es diesen Unrechtsstaat nicht mehr gibt, ist wohl der wichtigste wahr gewordene Traum. Man sollte sich das immer wieder wachrufen, dass die Menschen in Europa heute in Freiheit leben können. Die Europäische Union ist sicherlich eine Fortsetzung und Weiterentwicklung der Träume von damals. Ich finde das großartig, und ich fühle mich sehr gut dabei zu sagen: "In meinem Herzen bin ich Europäer."

Wo weht heute der Wind des Wandels?

Nach der weltweiten Finanzkrise, nach dem elften September 2001 und allem, was seitdem über die Welt gekommen ist, auch mit der stetigen nuklearen Bedrohung, sind wir einmal mehr alle gemeinsam gefragt, die Zukunft umzusetzen. Die große Herausforderung unserer Zeit ist wirklich, zu versuchen, diese Welt, die aus den Fugen geraten ist und jeden Tag mehr aus den Fugen gerät, wieder in eine Balance zu bringen.