Reportage: Wo Amerika in Hamburg zu finden ist

Hallo Hamburg, hier ist Amerika

Lesedauer: 19 Minuten
Thomas Andre, Kathrin Fichtel und Diana Zinkler

Die Wahlen in den USA stehen an. Was hat das mit uns zu tun? Mit Hamburg? Jede Menge. Denn Amerika ist mitten unter uns. Egal, ob wir Burger, Eishockey und amerikanische Kultur lieben oder hassen - die 4380 Amerikaner in Hamburg gestalten das Leben in unserer Stadt mit.

Amerika liegt direkt an der A 1, im Gewerbegebiet Barsbüttel. Direkt daran grenzt Möbel Höffner. In einem typischen Gewerbegebiet mit Baumarkt und Autohändler, zwischen den Grundstücken wächst Gras, viel Gras. Es ist ein herbstlicher Abend, der langgezogene Bau mit der grellen Leuchtschrift wirkt von Weitem wie eine Oase in der kargen, weitläufigen Gegend, "Bonny's Diner" steht auf dem Dach. Ein Klappschild nennt die Spezialitäten: "Chicago-Specials, Al Capones Lieblingsburger". Das ist längst nicht alles. Es gibt hier zehn verschiedene Burger, es gibt Steaks, Spareribs. Das kulinarische Amerika, deftig, lecker, schnell.

Aber man muss nicht unbedingt an die Peripherie Hamburgs fahren, um eine Spur des immer noch mächtigsten Landes der Welt zu finden. Amerika hat sich in den Alltag Hamburgs eingeschrieben. Nicht nur mit Starbucks, Burger King und McDonald's. Es gibt amerikanisch-deutsche Vereine, die sich um den kulturellen Austausch kümmern, und Kulturstätten wie das English Theatre und das Rover Rep Theatre, die von Amerikanern gegründet wurden. In der HafenCity entsteht das neue Hamburg-America-Center. Und dann sind da noch 4380 Amerikaner, die in Hamburg leben. Sie sind schon lange hier oder erst seit Kurzem, sie haben ein Stück ihres Landes nach Übersee gebracht oder sind selbst ein bisschen deutsch geworden. Sie vermissen ihre alte Heimat und richten sich doch behaglich in der neuen ein. Und sie treffen auf Deutsche, die Amerika lieben, so wie UKE-Chef Jörg F. Debatin, der mit seiner Frau zur Geburt des ersten Sohnes in die USA flog - der Sprössling sollte auch die amerikanische Staatsbürgerschaft haben. Debatins Fernweh kennen viele, in so manchem deutschen Wohnzimmer hängen Stars 'n' Stripes.

Bei Bonny's Diner gibt es viel mehr als nur Flaggen zu sehen. Von den Wänden blickt die amerikanische Popkultur herunter, James Dean, Marilyn Monroe und natürlich Elvis. Emailleschilder beschwören den US-amerikanischen Mythos: "Route 66", "Florida, The Sunshine State". Die ledernen Sitze sind die gleichen wie in den Schnellrestaurants in Übersee. Aber sie sind schwarz, nicht mintfarben oder rot. Kein 60er-Jahre-Amerika-Kitsch hier, die Chefin ist eine Deutsche. Rita Segner verkauft nur typisch amerikanische Produkte. "Die Leute mögen das." Aber sie mögen auch Fußball. Im Fernsehen spielt der HSV, Football und Baseball haben hier keine Chance. Dienstag hat der Sport Pause, dann wird die US-Wahl übertragen.

Nicht nur an der A 1 wird dann gefeiert. Mit Popcorn, Hotdogs und rot-weiß-blauen Luftballons steigt in der Bucerius Law School in der Innenstadt die offizielle Wahlparty von US-Generalkonsulat, American Club und Amerika-Zentrum. Wissenschaftler und Journalisten werden hier diskutieren, Obama- und McCain-Anhänger vor den Bildschirmen bibbern, NDR und NTV werden live berichten. Bis zu 2000 Amerika-Fans werden erwartet, laut US-Konsulat auch aus benachbarten Bundesländern.

Die Villa an der Außenalster wirkt wie eine kleine Ausgabe des Weißen Hauses in Washington. Ein großer Zaun, Poller und Wachposten der Polizei sollen das Gebäude und die Menschen, die darin arbeiten, vor Anschlägen schützen. Die Sperrung der Straße Alsterufer wurde nach dem 11. September 2001 angeordnet, im vergangenen Jahr dann der Zaun gezogen, auf unbestimmte Zeit.

Das Konsulat vertritt den amerikanischen Staat in Hamburg, schon seit 1790. Drinnen, in einer Art kleinem Präsidentenbüro - rechteckig, nicht oval - arbeitet Generalkonsulin Karen E. Johnson, drei Kinder, ein Ehemann. Hier drinnen gibt es keine Bedrohung.

Sie sitzt hinter ihrem Computer an einem repräsentativen Holzschreibtisch. Links und rechts von ihr, in ihrem Rücken, die Flagge der Vereinigten Staaten und die US-Konsular-Flagge. Vor ihr an der Wand hängt ein Flachbildfernseher, die CNN-Nachrichten laufen. Es ist ein Büro, wie man es aus amerikanischen Serien kennt. Rustikale Holz- und Ledermöbel, schwere Teppiche. Auf ihrem Schreibtisch steht noch eine kleine Flagge, die von Texas, da kommt die Generalkonsulin her. Man fühlt sich wohl bei ihr, das ist das freundliche Amerika, so gemütlich, alles ist großzügig. So wie Karen E. Johnson selbst. Sie trägt eine typisch amerikanische Frisur: schulterlange Haare mit Mittelscheitel. So wie Sue Ellen oder Pam aus Dallas oder Krystle aus Denver Clan.

Sie spricht sehr gut Deutsch, Hamburg ist nicht ihre erste Station in Deutschland, zuvor war sie in Stuttgart und in München. War es schwierig für sie, sich in Hamburg einzufinden? "People are people", antwortet Johnson und lächelt. "Wenn man Menschen offen gegenübertritt, reagieren sie auch offen. Das ist überall auf der Welt so." In Hamburg fühle sie sich sehr wohl. Diese Stadt sei so wunderschön. Nur eines sei in Hamburg nicht so gut wie in den USA. Man könne hier wenig amerikanisches Essen kaufen. Wenn sie in Süddeutschland ist, gehe sie dort jedes Mal in amerikanischen Supermärkten einkaufen. "Turkey" zum Beispiel.

Schließlich habe sie hier auch einen Job zu erledigen. Sie spricht über Obama, McCain, den Wahlkampf und das große Interesse dafür in Hamburg. Und sagt, dass die Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen immer gut waren, nur vielleicht nicht zwischen den Staatschefs. Wie um zu betonen, dass sie nie etwas von dem latenten Antiamerikanismus einiger Deutscher seit dem Irakkrieg gemerkt habe, sagt sie. "We are on the same side." Und erklärt, dass 40 Prozent der Amerikaner deutsche Wurzeln hätten, wie sie, mütterlicherseits. Vieles werde weiterhin sehr positiv bleiben, egal, wer Präsident würde.

Einen Stadtteil weiter, in Eppendorf, treffen wir Hillary Clinton. Na ja, fast. Die Amerikanerin Michele Hartley trägt ein Kostüm im Stil der Demokratin, die Obama unterlag und deshalb am Dienstag nicht gegen McCain antreten darf. Den Nachnamen ihres Ehemanns Hartmut kann Michele nicht einmal aussprechen: Stach. Deshalb hat sie bei der Hochzeit vor vier Jahren lieber ihren eigenen behalten. Sie spricht kaum Deutsch, er kann kein Wort Englisch. Sie sieht aus wie eine Vorstandsvorsitzende, er wie eine sympathischere Version von Hartmut Engler. Sie hat in Colorado mit 18 Jahren als jüngste Bewährungshelferin aller Zeiten angeheuert, dann für den Senat gearbeitet und schließlich als Vizepräsidentin einer Telekommunikationsfirma Produkte in Europa vertrieben. Er ist Handwerker aus Blankenese, führt die Kneipe "Treffpunkt Eppendorf" und träumt davon, in der Schweiz zu leben, seit er fünf Jahre alt war. Sie ist Vorsitzende der Hamburger "Democrats Abroad" (Demokraten im Ausland) und hat ihre Heimat verlassen, als Bush an die Regierung kam; für ihren Mann käme ein Leben in den USA niemals infrage. Aber: Beide lieben Hamburg, Labskaus und einander. Obwohl der Wirt politisch lieber neutral bleiben will, stellt er seiner Frau und ihren Demokraten die Kneipe für eine Wahlparty zur Verfügung, mit Fahnen, T-Shirts und Live-Übertragung im Fernsehen. 300 Leute haben sich angekündigt, um für Barack Obama zu jubeln.

Auch wenn es fast keiner weiß: Die Hansestadt hat ihren eigenen farbigen Star aus den USA, die frühere Opernsängerin Reri Grist. Die zierliche alte Dame kommt zum Treffpunkt an der Hamburgischen Staatsoper getrippelt, den Rücken trotz ihrer 76 Jahre gerade, unter den Arm einen Schirm und eine "Herald Tribune" geklemmt. New York, Wien, Salzburg, München, Amsterdam - auf allen bedeutenden Bühnen dieser Welt hat die geborene New Yorkerin gespielt und gesungen, als erste farbige Sopranistin triumphale Erfolge gefeiert und Wege geebnet. Heute lebt sie in Hamburg. "Ist doch wunderschön hier", sagt sie mit klarer Stimme, ihr Deutsch ist fast perfekt, die Worte sauber artikuliert. Die Diva von einst ist noch zu erkennen, in ihrer zarten Statur oder in der Art, wie sie ihre kurzen Afrolocken fachmännisch mit dem Kamm in Form bringt und dann kokett zum Fotografen hochlächelt. Sie möchte ihre Privatsphäre wahren, sei froh, dass man sie nicht in der Öffentlichkeit erkennt und will nicht über Persönliches reden. Außer, dass sie mit ihrem deutschen Mann, früher Redakteur und Intendant, seit sieben Jahren in ihrem Haus "irgendwo" in Hamburg lebt. "Vermutlich werde ich für immer hier bleiben", sagt sie, "auch wenn ich in dieser historischen Zeit für die USA und die Welt liebend gern drüben wäre." Was sie vermisst: Freunde, Familie und Ben & Jerry's Eiscreme, die sie verschlingt, sobald sie zweimal im Jahr New Yorker Boden betritt. "Das Eis hier hat irgendwie einen anderen Geschmack", sagt sie und lächelt schelmisch. Für einen Moment ist die Diva verschwunden, zurück bleibt eine verschmitzte alte Dame.

Wenn Reri Grist Hamburgs unbekanntester amerikanischer Star ist, dann ist Dana Schweiger wohl Deutschlands bekannteste amerikanische Mutter. Seit vier Jahren lebt sie in Niendorf. Dana Schweiger ist Textilunternehmerin und Mutter von vier Kindern, sie hat früher als Model gearbeitet und ist viel in der Welt herumgekommen. Bis sie einen Deutschen heiratete, den Schauspieler Til Schweiger. Der lebt mittlerweile, getrennt von der Familie, in Berlin. Dana Schweiger ist in Hamburg geblieben. "Ich bin gerne hier", sagt die 40-Jährige. Weil Hamburg gemütlich ist, weil Hamburg in Othmarschen eine internationale Schule hat und weil in Hamburg ihr Unternehmen sitzt, das sie zusammen mit Geschäftspartnerinnen betreibt. Es stellt Schwangerschafts- und Kindermode her - Schweiger ist eine geschäftstüchtige, leidenschaftliche Mutter geworden. Manchmal entflieht sie dem Alltag Hamburgs, "dann schleichen wir uns raus aus der Stadt", sagt sie. Im Zug nach Berlin schnappt sie englische Wörter auf. Die vertraute Sprache, Erinnerungsfetzen, das Zuhause in Seattle - da war doch was. "Ich freue mich, wenn ich jemanden aus Chicago oder Detroit treffe", sagt Schweiger. Sie könne überall zu Hause sein, sagt sie noch, Hauptsache, "man hat Freunde dort, wo man lebt".

Jodi Gentilozzi hat viele Freunde in Hamburg, die meisten sind Deutsche. Ihr Mann wurde von seiner Firma nach Hamburg versetzt. Als er seiner Fau die ersten Eindrücke mitteilte, sagte er: "Hier regnet es, wir brauchen wetterfeste Kleidung". Das ist jetzt sieben Jahre her, Gentilozzi, die Karrierefrau, zog nach. Sie liebt ihren Mann. Sie hat Regenjacken und Schirme, aber man traut der Frau auch ohne Weiteres zu, norddeutsches Schietwetter einfach wegzulächeln. Gentilozzi, die 47-jährige Texanerin aus Dallas, ist eine Businessfrau: hübsch, tough, eloquent. Mit positiver Ausstrahlung. Berufsbedingt, sie ist das Hamburger Gesicht der American Chamber of Commerce in Germany, einer Interessenvertretung amerikanischer und deutscher Unternehmen, die sich im transatlantischen Wirtschaftsaustausch engagieren. Wir treffen Gentilozzi im Cafe des Hyatt-Hotels, sie sitzt vor ihrem Laptop, das Handy liegt neben ihr, sie erwarte einen wichtigen Anruf, sagt sie, aber dann schwärmt sie auch schon von ihrer Wahlheimat. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, "Hamburg ist so toll, das erzähle ich überall auf der Welt - obwohl, es ist besser, wenn es ein Geheimtipp bleibt". Gentilozzi lacht, das tut sie oft. Und sie lächelt viel: beispielsweise in die erst griesgrämigen, dann plötzlich strahlenden Gesichter der S-Bahn-Passagiere. "Klar, da bin ich amerikanisch", gesteht die Geschäftsfrau. Sie kennt das Klischee vom immer freundlichen Amerikaner, aber es stört sie nicht, Gleiches gilt für zurückhaltende Hamburger - "die gewinne ich mit meiner offenen Art". Was sie vermisst? Nicht viel, manchmal das mexikanische Essen, ja. Verständigungsprobleme jedenfalls gibt es keine, man kann sich gut einrichten in einer Stadt wie Hamburg, sagen Schweiger und Gentilozzi unisono. Das Handy klingelt jetzt. Es ist nicht die Firma, auf deren Anruf Gentilozzi wartet, es ist ihr Mann, "der ist noch wichtiger".

Ortswechsel. Schweiß, Fuß, Kunststoff. Kurz gesagt: Männlich riecht es im Männerumkleideraum der Eissporthalle Farmsen. Trinkflaschen und Sweatshirts der Freezers liegen auf den Bänken, bunte Markenturnschuhe darunter. Männlich geht es auch auf dem Eis zu, wo sich die Spieler den Puck abjagen und gelegentlich mit vollem Tempo gegen die Bande prallen. Der einzige Amerikaner der Mannschaft, Jean-Marc Pelletier, füllt das Tor nahezu komplett aus, imposant und bedrohlich steht er mit seinen schweren Beinschützern, gepolstertem Trikot und Helm da. Deshalb erstaunt fast, was zum Vorschein kommt, als der Freezers-Torwart frisch geduscht, nach Seife duftend, nach dem Training zum Interview auftaucht: ein schlanker, großgewachsener Junge von 30 Jahren, zu dem es kaum zu passen scheint, dass er vor fünf Monaten Vater geworden ist. Verwuschelte schwarze Haare, offenes Gesicht. Ein Familienmensch, der sich mit Ehefrau Anne und Töchterchen Jane in Hamburg wohlfühlt. "Mir gefällt die entspannte Lebensart hier", sagt er, auf Englisch, weil sein Deutsch über Basiskenntnisse noch nicht hinaus geht. "Aber - ick versuch zu sprecken", versichert er. Weil er gemerkt hat, dass die Leute es schätzen, wenn man sich um ihre Muttersprache bemüht. Und er sich entgegen dem Vorurteil vom engstirnigen Ami an die deutsche Kultur anpassen will: an das viele Spazierengehen also, und daran, viel Zeit für die Familie zu haben. "Den Sommer verbringen wir in den USA, in Massachusetts haben wir ein Haus gekauft", erzählt Pelletier, der in den USA geboren, in Kanada zweisprachig aufgewachsen ist und deshalb beide Staatsbürgerschaften hat. Heimweh kennt er nicht. Nur "Mum und Dad" fehlen ihm manchmal - und seiner Frau Anne, ebenfalls Amerikanerin, das ein oder andere heimische Gewürz zum Backen. Na gut, und die Truthahnschlacht an Thanksgiving, aber that's it.

Es ist ein harmonischer Gleichklang, den Deutsche und Amerikaner in Hamburg anschlagen. Er ist überall da zu vernehmen, wo Amerikanisches und Deutsches sich vermischt. Wo Amerikaner deutsch sind und Deutsche amerikanisch. Eine Halle mit Parkettboden in Eilbek, der Festsaal des Turnerbunds Hamburg Eilbeck, das steht zumindest auf dem Schild. Unter der Woche wird hier geboxt, in einer Ecke steht eine Vorrichtung zum Bankdrücken, an den Wänden Holzbänke und Stühle. Es ist Sonntagabend, und es riecht nicht nach Schweiß. Obwohl die Menschen, die sich gerade hier aufhalten, auch eine Art Leibesertüchtigung erfahren, sie tanzen nämlich. Dabei tragen die Damen Petticoats und die Herren Hemden, sie tanzen Figuren, die aussehen wie Kreise, Sterne oder Linien. Aus den Boxen schallen alte Popsongs und manchmal Befehle, dann wird eine neue Figur getanzt. Squaredance ist der amerikanische Volkstanz der Siedler, die vor 300 Jahren die Neue Welt eroberten, ein Import aus Europa, damals. Nach dem Zweiten Weltkrieg brachten die Besatzer die amerikanische Folklore zurück an ihren Ursprung, bis nach Hamburg. Dort gibt es viele Squaredance-Klubs, der in Eilbek nennt sich "Hanseatic Squares" und ist völlig ambitionslos. "Wir tanzen nur aus Spaß an der Sache", erklärt Carola John. Und der Herr neben ihr, er heißt Siegfried Psenitza, sagt: "Ich bin hier, weil ich Amerika liebe."

Und er tanzt dann auch nicht an diesem Abend, der 70-Jährige mit der randlosen Brille, den Cowboystiefeln aus Schlangenleder und den vielen Abzeichen an seiner Lederweste, er ist schon zu Gast bei vielen Klubs gewesen. 1980 war er das erste Mal in Amerika, in Bismarck, North Dakota. Er feundete sich mit einem älteren Ehepaar an. Und flog seitdem jedes Jahr in das Land seiner Träume, die Indianer, die liebt er, früher hatte er die Geschichten von Karl May verschlungen. Jetzt reist er an die Orte, wo Indianer und Cowboys lebten, und spricht - Deutsch. "Das kann in Bismarck fast jeder", sagt der gebürtige Ostpreuße. Er nennt seine Freunde in Amerika "meine Eltern", gefühlsmäßig seien sie das. Er war Bergmann, früher, in Essen war das. Jetzt lebt er in Hamburg. In seinem Wohnzimmer hängt eine Amerikaflagge. Er weiß nicht, wen er besser findet, McCain oder Obama, "mir wäre die Frau von den Demokraten am liebsten gewesen".

Georgie Mühring hat keine Lieblingsfigur, aber er mag Abwechslung auf dem Parkett, wenn er ruft, drehen und wirbeln die Paare. Er ist schon lange der "Caller". Das ist der, der die Kommandos gibt. Mühring, 63 Jahre alt und Frührentner, singt sogar, die Songs kommen aus der Konserve. "My Achy Breaky Heart", "Under The Boardwalk", und die Paare tanzen "Dosado", "Cast a Shadow". Mühring trägt sein graues Haar zurückgekämmt, er hat eine große Nase, sein mächtiger Bauch spannt über dem Gürtel. Er schaut mit wachem Blick auf die Tanzfläche und trägt routiniert seine Stücke vor, er hat das schon unzählige Male gemacht, seit 1981 ist er Caller. Er kennt die Country- und Westernhelden, die Johnny Cashs und Willie Nelsons. Er hat 200 Squaredance-Figuren im Kopf, und er bringt sie seinen Tänzern geduldig bei, jeden Sonntag. Dabei lehnt er an seinem Stuhl, das Mikro hält er lässig. "Wir haben uns den Volkstanz nur von den Amerikanern zurückgeholt", behauptet er. Dann singt er einen neuen Song. Er liebt Squaredance, er hat von allen Hits die Texte auswendig gelernt.

Dabei kann er gar kein Englisch.