Das Ende des Prager Frühling: Ein Gespräch mit Dana Horakova

"Wir hatten lange genug diesen Kopfmüll schlucken müssen"

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Sie waren jung, und sie wollten Freiheit und Demokratie: die Aktivisten des Prager Frühling. Doch ihre Zeit währte nur kurz. In der Nacht des 20. August 1968 fand sie ein jähes Ende. Ein Gespräch mit der ehemaligen Hamburger Kultursenatorin, Dana Horáková, über ihr Leben als Rebell, das weniger Spektakuläre an Rudi Dutschke und den Tag, als die Panzer kamen.

Journal: Frau Horakova, Sie haben 1968 Rudi Dutschke in Prag kennengelernt. Der Prager Frühling war in vollem Gange. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Dana Horakova: Dutschke kam nach Prag, um die Studentenbewegung im Prager Frühling zu unterstützen. Der Höhepunkt seines Besuches war ein Vortrag, den er in der Philosophischen Fakultät halten wollte, und ich sollte ihn ein wenig betreuen, da ich schon damals Deutsch sprach. Auf ihn persönlich waren wir natürlich neugierig, aber die 68er-Studentenbewegung im Westen war für uns eher ein exotischer Nebenschauplatz. Hinter dem Eisernen Vorhang waren andere Dinge wichtig.

Und das war?

So etwas "Alltägliches" wie Mode oder Pressefreiheit, Redefreiheit, Reisefreiheit. Wir wollten Bücher lesen, Filme schauen, Musik hören, die verboten waren, wie Franz Kafka und Martin Heidegger, Jimi Hendrix und die Bee Gees. Schließlich hatten wir lange genug die propagandistisch verseuchte Kultur, diesen Kopfmüll schlucken müssen.

Wovon hat Dutschkes Vortrag gehandelt?

Sein Thema war Sozialismus, genauer gesagt: seine Vision vom Sozialismus. Er wirkte charismatisch, aber sein Herzblut-Glaube an die Theorien von Marx und Co. war für uns im Osten absurd wir lebten schließlich im hässlichen, real existierenden Sozialismus, tagtäglich.

Klingt ja nicht gerade nach einer spannenden Rede...

Interessanter für mich jedenfalls war Dutschkes Umgang mit seiner Frau Gretchen. Als er vor den Türen der Uni-Aula stand und hineintreten wollte, drehte er sich plötzlich um und sagte zu ihr: "Du bleibst hier." Ich war sprachlos. Ausgerechnet der glutäugige Held der antiautoritären Demonstrationen benahm sich wie ein Macho. Also, mich hätte er auf keinen Fall so herumkommandieren können, ich war es gewohnt, von den Herren des Universums auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Waren Sie von ihm enttäuscht?

Ich empfand eher eine Mischung aus Mitleid und Neid. Einerseits wirkte er so naiv, so wirklichkeitsfremd. Andererseits war seine Begeisterungsfähigkeit rein und stark. Er hat sich, als Kommunist und als Christ, aus den beiden Weltanschauungen die Rosinen rausgepickt und daraus sein eigenes Modell der vollkommenen Gesellschaft geformt. Daher hielt er, wie die ganze westliche Linke, den Prager-Frühling-Sozialismus für eine zukunftsorientierte Verheißung.

1968 war das Jahr der Studentenbewegungen wo waren die Unterschiede zwischen der Bewegung in Prag und der in Frankfurt, in Berlin oder in Hamburg?

Wir sind in einer Diktatur aufgewachsen, in der es eine schizoide Grenze gab zwischen "Draußen" und zu Hause. Daheim lautete das Überlebensprinzip: Denk, was Du willst, aber sag es ja nie laut! Sogar meine Eltern, beide Ökonomen, haben "unter uns" die Kommunisten für die damalige Wirtschaftsmisere verantwortlich gemacht und mich mit ihrer Kritik angesteckt. Dennoch flehten sie mich an, ja nichts von unseren Gesprächen in der Schule zu erzählen, sonst wäre es doch um meine Zukunft geschehen. Ich habe den Mund gehalten. Aber es war so demütigend! Im Westen saugten die Studenten die demokratischen Bürgerrechte mit der Muttermilch. Und nutzten ihre Freiheiten voll aus: Sie duzten ihre Lehrer, maulten gegen ihre Professoren, verspotteten Polizisten, verachteten Soldaten, demonstrierten gegen Kapitalismus, und riefen nach "Ho-Ho-Ho Chi Minh!" oder "Che-Che-Che Guevara!", fest entschlossen, den Sozialismus einzuführen. Wir wollten ihn loswerden!

Aber die Bewegung des Prager Frühling wollte ja auch den Sozialismus...

... mit "menschlichem Antlitz", richtig. Unser Held Alexander Dubcˇek war schließlich Erster Sekretär der Kommunistischen Partei. Er und seine Mitstreiter im Zentralkomitee wollten das bestehende System lediglich reformieren, niemals abschaffen. Aber wir waren seelisch so ausgehungert, dass uns sogar dieses "Experiment von oben" wie Manna vorkam. Übrigens, schon der Begriff "menschliches Antlitz" sagte doch, dass der vorherige Sozialismus ein Monster-Gesicht hatte.

Was hat sich im Alltag geändert?

Die Zensur wurde aufgehoben, und wir haben angefangen, die Dinge beim Namen zu nennen, zum ersten Mal öffentlich. Der Nachholbedarf war enorm, jede Kneipe hatte ihren "Debattier-Club". Aber einfach war das nicht. Ich weiß heute noch, wie ich mich zwingen musste, auch Fremden zu vertrauen, mit ihnen offen über Politik zu reden. Dabei waren diese Kostproben von Redefreiheit, dieses Aufbäumen gegen die Lügen-Mauern für mich der Anfang der Demokratie.

Weil jeder ein Spitzel sein konnte.

Klar. Sogar in einem so engen Kreis wie einem Uni-Seminar, in dem es wagemutig wie heimlich um den "Dialog zwischen Christen und Marxisten" ging, und nicht mehr um "Marxistische Religionskritik", die im Lehrplan stand. Wir waren nur 13, aber wussten, dass einer eingeschleust wurde.

Da haben Sie sicher aufgepasst, was Sie sagen.

(Lacht) Im Gegenteil! Angst zu haben hätte ja bedeutet, dass mich das Regime immer noch in seinen Krallen hat. Ich habe einfach aufgehört, mich zu fragen: Wer ist es?

Klingt nach einer spannenden Zeit.

Ach, es war eine heroische Zeit. Das ganze Volk hörte auf zu flüstern und richtete sich auf. Die Kultur explodierte! Der 1. Mai das war kein Pflichtaufmarsch mehr, vielmehr ein "Public Viewing", nur dass auf der Tribüne keine Fußballer, sondern Mitglieder des Zentralkomitees winkten. Was waren wir stolz, Tschechen zu sein! Und doch durchzog diese Massen- Euphorie allmählich die leise Furcht, dass wir die Logik zugunsten der Hoffnung ausgeschaltet hatten. Wir haben es einfach nicht wahrhaben wollen, dass die Tschechoslowakei innerhalb des Warschauer Paktes in puncto Demokratisierung keinen Alleingang gehen kann, dass es unmöglich ist, in der Tschechoslowakei ein "menschliches Antlitz" einzuführen, ohne die Beziehungen zur Sowjetunion zu revidieren. Dass Sozialismus und Demokratie unversöhnlich sind. Ich wusste doch, wie gnadenlos die Machtgier der Sowjet-Marschälle und der Apparatschiks in den "Brüder-Ländern", die ihre Pfründe und Privilegien wegschwimmen sahen, sein kann. Und doch habe ich diese Tatsache verdrängt. Im Grunde genommen war ich die Naive, nicht Dutschke!

Gab es denn so etwas wie ein Programm?

Zuerst nicht. Schließlich waren nicht einmal unsere Ersatz-Politiker, die Filmemacher, Dichter, Musiker, Maler, effektiv vernetzt. Und so kam, was kommen musste: Die ungeheure emotionale Energie der entflammten Dubcek-Jünger begann, in sich zusammenzufallen. Die Angst, dass die Demokratisierung stehen bleibt, griff um sich. Ein Programm musste her. Schwarz auf weiß, griffig. Nur woher nehmen? Und dann, am 27. Juni, veröffentlichte die Literaturzeitschrift "Literarni listy" "2000 Worte", ein Manifest, formuliert von dem Schriftsteller Ludvík Vaculík der später mein Freund und Trauzeuge werden sollte , unterschrieben von 70 Prominenten. Er forderte schnellere Durchführung der Liberalisierung und, geradezu hellseherisch, die Nichteinmischung der Nachbarstaaten in die inneren Angelegenheiten der CSSR. Das war ein Paukenschlag! Und wir hatten unser Programm.

Wie hat die sowjetische Führung darauf reagiert?

Mit Militärmanövern der Brüder- Armeen auf unserem Staatsgebiet. Für die waren die "2000 Worte" ein Aufruf zur Konterrevolution, das konnten sie sich nicht gefallen lassen. Spätestens im Juli hätte jeder halbwegs vernünftige Mensch ahnen müssen, was kommt. Aber nein, wir pflegten auch weiterhin unseren Freiheitsrausch. Übrigens: Auch Dubcˇek selbst glaubte fest, dass Genosse Breschnew den Prager Reformprozess nicht niederschießen lässt. (Lacht) Schließlich hat der Kreml-Chef sein Versprechen mit einem dicken Schmatzer besiegelt.

Wie haben Sie den Tag erlebt, an dem die russischen Panzer kamen?

Der 20. war ein Dienstag. Ich bin kurz vor Mitternacht nach Hause gekommen, es war eine laue, friedliche Sommernacht. Gegen fünf Uhr früh weckte mich ein Lärm, den ich nicht einordnen konnte. Ich schaute aus dem Fenster und sah Panzer. Meine erste Reaktion war: "Die drehen schon wieder einen Kriegsfilm." Ich wohnte ja ganz nah am Altstädter Ring, dem traditionsreichen Zentrum der Stadt. Dann sah ich, dass die ganze Straße voller Panzer war. Aber keine Statisten, nirgendwo. Da dämmerte es: Das waren keine Requisiten.

Haben Sie wirklich nicht mit dem Einmarsch der Russen gerechnet?

Nein, damit hat und ich wage zu sagen keiner von uns gerechnet.

Was haben Sie dann gemacht? Haben Sie sich versteckt?

Ich bin rausgerannt keine Ahnung, ob ich mich angezogen habe oder im Nachthemd rausrauschte. Keine zwei Meter vor meiner Haustür stolzierte ein Panzer. Ich musste das Ding berühren, um meinen Augen glauben zu können. Dann habe ich den Soldaten, der aus dem Ausguck schaute, auf Russisch gefragt: "Was machst Du hier?" Der Soldat starrte mich an, sagte nichts. Und wirkte irgendwie unsicher. Man hat ja diese jungen Burschen mit frischen Uniformen, 120 Granaten pro Kopf, Schokolade und der Parole losgejagt, die Horden von schwer bewaffneten Kommunismus-Feinden zur Vernunft zu bringen. Nur gab es weder Horden, noch Waffen. Ich brüllte ihn an: "Was macht ihr hier?""Da befahl er mir, den Mund zu halten, was ich nicht tat, natürlich nicht, woraufhin mich zwei andere Soldaten zurück ins Haus drängten, mit Gewehren im Anschlag. Das war irreal, das war geradezu kafkaesk.

In diesem Moment hatten Sie aber sicher Angst, oder?

Nein. Angst übermannte mich erst, als ich, zurück in meiner Wohnung, das Radio anschaltete, um Nachrichten zu hören und der Äther stumm war. Da wusste ich: Es ist aus. Und dann überfiel mich ein unkontrollierbarer Weinkrampf.

Weil Ihnen klar wurde, dass die Russen zuerst die Kommunikationswege unter ihre Kontrolle brachten?

Vermutlich. Unsere einzigen Waffen waren ja Worte. Aber die Soldaten wollten nicht mit mir reden. Als wären Worte mächtiger als Panzer, gefährlicher als Gewehre.

Wieso sind Sie nicht ausgewandert? Die Parteiführung wollte Sie doch loswerden. Und die Möglichkeiten dazu gab es ja auch. Sie gingen im September 1968 für ein Jahr nach New York...

Ich hatte bereits im April 1968 ein Jahresstipendium für Union Theological Seminary in New York bekommen, da ich aktiv am "Dialog zwischen Marxisten und Christen" teilnahm. An dem Seminar hatte seinerzeit auch Dietrich Bonhoeffer studiert. Seit Mitte August hatte ich mein Visum und ein Ticket. Amerika das war für ein Prager Mädel fast so unwirklich wie ein Märchenprinz! Das konnte ich nicht aufgeben, also flog ich hin. Aber 1969 bin ich zurückgekehrt. Weil ich mir damals nicht vorstellen konnte, anderswo als in der Heimat zu leben. Außerdem war ich so verdammt sicher, dass es in Prag irgendwann Demokratie geben wird. Und es ist ja wenn auch erst 21 Jahre später, 1989 so gekommen. Tatsache ist, dass der Prager Frühling eine Steilvorlage für die Petition "Charta 77" von Vaclav Havel gegen die Menschenrechtsverletzungen, für die Samtene Revolution von 1989 und letztlich für den Zerfall des Ostblocks gewesen ist.

In Prag die russischen Panzer, in den USA die absolute Freiheit. Das war sicher ein totaler Kulturschock für Sie, oder?

Ich glaube, ich befand mich die ersten Tage in Trance. Die vielen Autos! Die Geschäfte in Manhattan hatten damals schon 24 Stunden auf. Es gab frische Erdbeeren und Melonen, für die wir in der Heimat stundenlang anstehen mussten, wenn es überhaupt mal frisches Obst gab. Zeitungskioske mit Zeitungen in vielen Sprachen. Und erst die unzähligen Fernsehsender, die es da gab.

Wie haben Ihre amerikanischen Kommilitonen auf Sie reagiert? Gab es einen Austausch zwischen Ihnen?

In der Zeit in New York habe ich mich politisch kaum engagiert. Ich hatte genug damit zu tun, mich in den Seminaren nicht zu blamieren ich habe ja bis dato Marxismus, nicht Theologie studiert.

Das heißt, Sie haben nicht gegen den Vietnam-Krieg demonstriert?

Nein. Ich fand es schwer, mich mit Menschen zu identifizieren, die alle Bürgerrechte besaßen und sich trotzdem gegen ihr eigenes Land stellten. Mein Krieg wurde in der Tschechoslowakei ausgefochten.

Wie war die Heimkehr?

Schlimm. Die sogenannte "Normalisierung" war im vollen Gange, alles war grau, grauer als vor dem Frühling. Ich wollte von Amerika erzählen, aber kaum einer wagte zuzuhören. Die meisten haben sich im inneren Exil, in Depressionen und Zynismus, abgekapselt. Und diese kollektive Demoralisierung und Selbstverachtung führten letztlich auch zu der moralischen Niederlage der ganzen Nation. Die Uhren in Prag wurden zurückgestellt, die Fenster zugenagelt. Was blieb, war die Frage: Wie kann ich in einem System, das die Maximen Humanität ignoriert, meine Integrität bewahren?

Sie sind nach Prag zurückgekehrt, haben mit dem späteren Präsidenten Vaclav Havel, Ihrem Mann, dem Regisseur Pavel Juracek, und vielen anderen weiter das System bekämpft. Schließlich mussten Sie 1979 doch das Land verlassen. War das für Sie wie Scheitern?

Ich habe niemals bedauert, dass ich 1969 zurückgekehrt bin, und ebenso wenig, dass ich seit 1979 nach der Charta 77 in Deutschland lebe. Hier kann ich mich für die Kultur, wie ich sie damals in Prag kennenlernte, einsetzen, für Kultur als einen Ort der Selbsterkenntnis und ein Instrument zur Abschaffung der Entmenschlichung.

Das Gespräch führte Özlem Topçu.