Elitenbildung: Die Führungsakademie der Bundeswehr sucht die Besten

Eine stärkere Truppe

"Der Geist bewegt die Materie" - das ist der Leitspruch der Führungsakademie in Hamburg. Um die Materie zu bewegen, braucht es die richtigen Geister. Und die richtige Bildung.

Der Weg zur Führungsakademie der Bundeswehr ist von Villen gesäumt. Weitläufigen Anwesen, deren Gärten so herrschaftlich wie Parkanlagen aussehen. Man spürt die Gegenwart von Hausangestellten und Gärtnern, die den Zustand des Wohnens für die Besitzer zu dem des Residierens verbessern. Blankenese heißt dieser Stadtteil, in ihm wohnen die besonders Wohlhabenden der Stadt. Und mittendrin, auf einem 13 Hektar großen Gelände, die Führungsakademie, kurz FüAk. Der Standort ist passend, denn hier wird die Elite der Bundeswehrführung ausgebildet. Der Unterschied zu den Blankenesern: Nicht Geld und Eigentum zeichnet die militärische Klasse aus, sondern Wissen, Bildung und besondere Fähigkeiten. "Elite" ist ein Wort, das man sich hier nicht zu benutzen scheut. Im Gegenteil, der angehende Hochadel des Militärs soll sich von der Masse abheben. Nur Leistungsträger haben hier Zutritt.

Was von außen wie ein normales Kasernengelände aussehen mag, ähnelt vielmehr - nachdem man das große Eingangstor und den Pförtner passiert hat - einer Kuranlage, alles fein und weitläufig. Hier sieht man keine Panzer, Jeeps oder Schießplätze. Dafür aber hochgewachsene Bäume auf grünen Wiesen, Villen, ein Fitness-Center mit Schwimmbad, neue Campus-Architektur und alte Gebäude, die in ihrer klaren Wuchtigkeit daran erinnern, dass die noble Kaserne in den 40er-Jahren zurzeit des Nationalsozialismus gebaut wurde. Die Führungsakademie zog allerdings erst 1958, nachdem sie ein Jahr vorher in Bad Ems neu gegründet wurde, in die Clausewitz-Kaserne nach Hamburg.

Im Hörsaalgebäude für den Generalstabs-/Admiralstabslehrgang, kurz LGAN, hat Lehrgangsleiter und Kapitän zur See Helmut von Schroeter sein Büro. Er ist für die Gestaltung der Lehre der zukünftigen Führungselite zuständig. Die Offiziere besuchen Seminare beispielsweise in Sicherheitspolitik, Militärgeschichte, Staatswesen, Strategie und Taktik. Sie simulieren Krisenszenarien und üben so den Ernstfall. Schroeter hat auf seiner Schulter vier goldene Streifen und einen Stern. In einer Imagebroschüre der Führungsakademie wird der LGAN als das "Spitzenprodukt der Akademie" bezeichnet. Schroeter ist 50 Jahre alt und war selbst mal Teilnehmer an der zweijährigen Fortbildung. Er sagt: "Wer hierher kommt, hat schon eine Menge hinter sich." An dem LGAN dürfen nur 18 Prozent eines Offiziersjahrgangs teilnehmen. Ausgewählt in Prüfungen und anhand von Bewertungen früherer Ausbilder. Neben fachlichen Kenntnissen werden auch charakterliche Eigenschaften in die Bewertung einbezogen. Das Ergebnis ist "handverlesen": Der aktuelle Jahrgang zählt 108 dieser Auserwählten, davon kommen 86 aus Deutschland, 22 aus anderen Nato- und EU-Staaten. Darunter sind auch zwei Frauen - eine Oberstabsärztin und eine französische Majorin der Luftwaffe. Schroeter meint, wirklich steigern wird sich der Anteil der Frauen frühestens ab dem Jahr 2010. Denn erst im Jahr 2001 urteilte der Europäische Gerichtshof, dass auch die Bundeswehr Frauen den Dienst an der Waffe erlauben muss. Und die Teilnehmer des LGAN haben alle schon neun oder zehn Berufsjahre hinter sich.

In Schroeters Büro haben sich jetzt auch Wing Commander Ross Allan aus Schottland und Stabsoffizier Michael Wagner aus Unterfranken, aus Tauberbischofsheim, eingefunden. Auch heute wurden sie wieder auserwählt. Sie dürfen von ihrem Alltag erzählen und davon, wie sie als Teilnehmer des LGAN die Führungsakademie erleben. Die beiden gelten als besonders kommunikativ. Auch das wurde bereits ermittelt, in Trainingssituationen mit Vertretern der Presse.

Allan trägt seine britische Uniform, Wagner seine deutsche. An der Akademie ist es üblich, die Uniformen des Herkunftslandes zu tragen.

Michael Wagner hat als Wehrpflichtiger vor 14 Jahren bei der Bundeswehr angefangen, er ist 34 Jahre alt und wird bald zum ersten Mal Vater. Er hat ein Diplom in Betriebswirtschaftslehre und zuletzt eine Panzerkompanie mit 90 Soldaten geführt. 2004 war er im Kosovo im Einsatz, bei der Stadt Prizren, was er dort genau gemacht hat, möchte er nicht sagen. Nur so viel: "Manchmal musste ich für andere unangenehme Entscheidungen treffen."

Er hat blaue Augen und einen auffällig fokussierenden Blick. Er sieht aus wie einer, der sich sehr gut konzentrieren kann. Auf die Frage, ob ihn die Anforderungen und die Konkurrenz nicht manchmal unter hohen Druck setzen, antwortet er: "Es macht Spaß sich zu messen. Gefordert und dafür auch gefördert zu werden." Und: "Keiner fährt hier im Kurs mit angezogener Handbremse. Alle wollen hier viel lernen und etwas erreichen." Er sagt das offenbar völlig überzeugt und lächelt dabei meist noch. Wagner wirkt wie jemand, der Anforderungen lieber annimmt, als ihnen aus dem Weg zu gehen. Gäbe es nur Menschen wie Wagner, bräuchte es den Beruf des Motivationstrainers nicht. Wagner ist hemdsärmelig, positiv, anscheinend zu vielem fähig. Und offen. Das soll er auch sein, denn bei der FüAk suche man die menschlichen Führungskräfte, Teamworker.

Ross Allan ist ähnlich. Er sagt: "Es ist für mich eine Ehre, an dem Generalstabslehrgang teilnehmen zu dürfen." Ausländer, die von ihrem Heimatland nach Deutschland geschickt werden, und den zweijährigen Lehrgang besuchen dürfen, sind durch ein noch schmaleres Nadelöhr gegangen, einen noch feineren Filter. Haben noch mehr geleistet. Allan ist 37 Jahre alt, hat eine Frau und zwei Kinder, fünf und sieben Jahre alt. Er spricht perfekt Deutsch. Bevor er nach Hamburg kam, hat er in Hürth ein Jahr lang die Sprache gelernt. Deutsch ist die Akademiesprache und Voraussetzung. Zuvor war er schon in Belgien, Italien, Estland und Saudi Arabien stationiert. Seine Aufgabe war es dort in den Jahren 1999 und 2001, die Flugverbotszone in Riad zu kontrollieren. "Mir ist klar, dass ich nach dem Lehrgang irgendwann auch nach Afghanistan muss", sagt Ross. Er sei sich der Gefahren bewusst, aber einer müsse das ja machen. So sei das Leben. "Es bietet immer wieder Chancen und Aufgaben." In Belgien war er Stellvertreter des Kommandeurs von SHAPE, dem Supreme Headquarters Allied Powers Europe. "Ich musste mich um die Soldaten kümmern und mich auf das konzentrieren, was kommt, es war nicht immer einfach, eine Balance zu finden in der multinationalen Umgebung."

Was Ross Allan auszeichnet und die anderen auch, sind neben geistigen Fähigkeiten Flexibilität, Toleranz und das Vermögen, eine Truppe zu führen. "Ihre Ideen zur Weiterentwicklung der Bundeswehr sind teilweise Avantgarde und werden oft vom Verteidigungsministerium aufgenommen", sagt Schroeter über die - wie er sie nennt - kreative Klasse der Bundeswehr. Michael Wagner sieht sich als Mitglied eines "Think Tanks".

Allan und Wagner sind nicht nur möglicherweise, wenn sie weiterhin zu den besten gehören, angehende Generäle, sie sind schon jetzt Stellvertreter für ein wichtiges Prinzip der Akademie. Neben Bildung und Führungskompetenzen soll hier auch gezielt ein internationales Netzwerk gefördert werden. An der FüAk lernen Offiziere aus mehr als 100 Nationen. Sie sitzen später in Spitzenpositionen des jeweiligen Heimatlandes. "Bei uns haben sie gesehen, wie ein Heer in einer Demokratie funktioniert. Diesen Gedanken können sie in ihre Länder tragen, auch wenn sie aus einem undemokratischen Land kommen", sagt Schroeter. Dieser Austausch fördere den Frieden und die internationale Zusammenarbeit der Streitmächte.

Ross Allan und Michael Wagner sind zusammen in einem Hörsaal, das ist wie eine Klasse. Sie sitzen sich im Unterrichtsraum gegenüber. Beide haben einen Platz in der Mitte des Raumes gewählt. Wie als ob es ihnen helfe die Balance zu halten, ein strategisch guter Platz. Das Gespräch mit Schroeter ist beendet, sie gehen zu einem Seminar: Entspannungstechniken in Stresssituationen.

Auch das sollen sie beherrschen. In einem Raum, der mit Teppichboden ausgelegt ist und in dem sich neben Stühlen im hinteren Teil auch Matratzen finden, wartet der Rest der Klasse. Einige sind skeptisch und zeigen das. Auffälliges Augenbrauen-Hochziehen, ungewisses Lächeln. Der Seminarleiter sagt: "Wir haben hier ein Thema auf der Tagesordnung, was nur schwer zu vermitteln ist." Pause. Und weiter: "Denn Deutsche Offizier haben keinen Stress!" Alle lachen. "Wie auch immer. Ich zeige Ihnen, wie Sie 25 Stunden am Tag durcharbeiten können und das wollen Sie doch?" Eine rhetorische Frage, jetzt hat er auch die Aufmerksamkeit der Zweifler. Alles, was der Trainer jetzt vormacht, wird nachgemacht. Zumindest versucht. Dehnübungen auf dem Stuhl, Massage der eigenen Nackenmuskulatur. Meditation, autogenes Training. Akute Hilfen bei Verspannung. Alle haben hier ein Ziel: Möglichst gute Leistungen zu bringen. Und wenn dieses Seminar dabei hilft, gut.

Nach eineinhalb Stunden Entspannungstechniken gehen Allan und Wagner zum Essen in die Kantine. Ganz menschliche Bedürfnisse befriedigen. Auch High Potentials haben Hunger.

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