LORIOT-SKETCH: LIEBE IM BÜRO

"Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer"

Im Büro des Firmeninhabers. Der Chef zieht die Gardinen zu, stellt sich hinter seinen Schreibtisch, wischt zwei Gläser mit seinem Taschentuch aus und gießt Likör ein. Dann drückt er auf die Taste der Gegensprechanlage.

Chef: Fräulein Dinkel ... (er wartet und ruft dann laut ins Vorzimmer) ... Fräulein Dinkel!

Sekretärin: (erscheint mit Stenoblock in der Tür) Sie haben gerufen?

Chef: (zeigt auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch) Ja, bitte schön...

Sekretärin: (setzt sich, Chef bleibt stehen)

Chef: Heute sind es auf den Tag genau...

Sekretärin: (schreibt) ...Tag genau...

Chef: Nicht mitschreiben ... heute sind es auf den Tag genau 15 Jahre, daß Sie für mich tätig sind ... Korrespondenz, Ablage, Sekretariat...

Sekretärin: Daß Sie daran gedacht haben...

Chef: 15 Jahre ... und darum erlaube ich mir ... aus diesem Anlaß ... darum würden Sie mir eine Freude machen, darauf mit Ihnen anzustoßen.

Sekretärin: Nein, daß Sie daran gedacht haben, Herr Direktor! (sie stoßen an)

Chef: Ein bißchen Musik? (stellt das Radio an)

Sekretärin: Aber ich muß noch die Post fertigmachen ... (will gehen)

Chef: Nein-nein ... bitte ... (mit Kloß im Hals) bitte treten Sie doch mal zu mir herüber...

Sekretärin: (kommt)

Chef: ...und nun setzen Sie sich mal da hin! (zeigt auf seinen Stuhl)

Sekretärin: In Ihren Sessel? Sie machen mich ganz verlegen, Herr Meltzer! (sie setzt sich auf den Chefsessel)

Chef: (zieht sich einen zweiten Sessel heran und setzt sich dicht vor Fräulein Dinkel) ... Ich habe da auch noch eine Kleinigkeit für Sie... (ergreift einen bereitgelegten kümmerlichen Blumenstrauß)

Sekretärin: Ach, wie entzückend, Herr Meltzer, aber das ist doch nicht nötig...

Chef: (sieht ihr tief in die Augen) ... Doch, Fräulein Dinkel, das ist nötig ... 15 Jahre ... (rutscht mit seinem Sessel noch näher an sie heran)

Sekretärin: Sie sind sehr freundlich, Herr Meltzer...

Chef: Sagen Sie Karl-Heinz zu mir...

Sekretärin: (tonlos) ... Karl-Heinz ...

Chef: Wie heißen Sie mit Vornamen?

Sekretärin: Renate...

Chef: Renate! ... und weiter?

Sekretärin: Dinkel...

Chef: Ach ja! ... Renate ...

Sekretärin: Ja...

Chef: ...würden Sie für mich Ihr Haar lösen...?

Sekretärin: Herr Meltzer!

Chef: Bitte!

Sekretärin: (beginnt ihr Haar zu lösen)

Chef: Ist eigentlich das Schreiben an die Firma Plötzmann raus?

Sekretärin: (mit einer Haarspange im Mund) Ja ... zusammen mit der Rechnung und drei Durchschlägen...

Chef: Renate...

Sekretärin: Ja...

Chef: ...darf ich Sie küssen?

Sekretärin: Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer...

(Er versucht sie zu küssen. Die Brillen stören) ... darf ich meine Brille absetzen?

Chef: Ganz recht ... natürlich ... Sie haben da schon Übung, was?! (lacht blöde)

(Beide nehmen die Brillen ab und kneifen die Augen zusammen)

Sekretärin: (sieht stumpf, den Mund halbgeöffnet, suchend an ihm vorbei)

Chef: Hier...

Sekretärin: Wo?

Chef: Hier bin ich...

(Sie wollen sich erneut umarmen. Es macht Schwierigkeiten)

Vielleicht sollten wir es doch lieber nebeneinander ... Lassen Sie nur ... ich mach das schon ... (Er rollt seinen Sessel neben sie und versucht, sie zu umarmen) ... da unten muß ein kleiner Griff sein... (zeigt unter ihren Sessel)

Sekretärin: Wo? (sucht mit der Hand)

Chef: Hinten unten! ... (greift über sie an den Kippmechanismus und preßt sich dabei unabsichtlich an sie) ... warten Sie, ich habe es gleich...

(Der Mechanismus wird ausgelöst. Fräulein Dinkel gerät in eine groteske Schräglage)

Chef: Da! Sehen Sie!

Sekretärin: Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer!

Chef: Sie waren mir noch nie so nah, Renate...

(Das Telefon klingelt)

Wieso läutet es hier, und nicht im Vorzimmer?

Sekretärin: Ich habe auf Ihren Apparat umgeschaltet.

Chef: Na, dann heben Sie doch ab, mein Gott!

(Beide praktizieren den Hörer an ihr Ohr)

Sekretärin: Vereinigte Europa-Trikotagen GmbH Meltzer & Co Vertriebsleitung, guten Tag ... ich will versuchen, ob ich Herrn Direktor Meltzer noch erreiche ... wen darf ich melden? (hält die Muschel zu und spricht zum Chef) ... Herr Kröger von der IFAG Mannheim ... Moment, Herr Kröger, ich verbinde... (übergibt den Hörer)

Chef: Meltzer ... Herr Kröger, der Auftrag der IFAG ist bisher nicht eingegangen! ... Nein ... Aber die Konditionen sind uns ja bekannt ... vierhundert Arosa schlitzverstärkt mit kurzem Arm ... selbstverständlich ... Aufwiedersehn!

Sekretärin: Meine Hand schläft ein...

Chef: (steht auf) ... Stehen Sie auf, Renate...

Sekretärin: (steht auf) Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer...

Chef: Machen Sie Ihr linkes Ohr frei...

Sekretärin: (flüsternd) ... Ja ... (macht Ohr frei)

Chef: Seit 15 Jahren, Renate ... (starrt sie kurz an und stürzt sich auf sie)

Sekretärin: Ha! ... Sie blasen mir ins Ohr!

Chef: Bleiben Sie ganz ruhig ... (er beugt sich langsam zu ihr, sie biegt sich, an den Schreibtisch gelehnt, ebenso langsam zurück)

Sekretärin: Küssen Sie mich!

Chef: Ja, aber es geht nicht, wenn Sie den Kopf so weit zurücknehmen!

Sekretärin: Ich habe nicht so viel Übung wie Sie!

Chef: Renate, lassen Sie uns zur Sitzgruppe gehen...

Sekretärin: Ja...

(Sie tänzeln zur Sitzgruppe)

Chef: Nehmen Sie doch Platz...

Sekretärin: (setzt sich in einen der beiden tiefen Sessel) Ich bin doch nur ein Abenteuer für Sie...

Chef: (schiebt den zweiten Sessel an ihre Füße) ... Legen Sie schon mal die Füße hoch ... ich komme dann ganz gemütlich zu Ihnen...

Sekretärin: Sie machen mich noch ganz verrückt, Herr Meltzer...

Chef: (versucht, sich neben sie zu legen, rutscht jedoch zwischen die auseinandergleitenden Sessel)

Sekretärin: Sie können mit Frauen umgehen, Herr Meltzer...

Chef: (halb auf dem Boden, in verklemmter Stellung) ... Küssen Sie mich...

Sekretärin: ... Es geht nicht ...

Chef: Aber es muß gehen ... andere machen es doch auch!

Sekretärin: ...Es darf nur nicht zur Routine werden...

Chef: Drehen Sie doch Ihren Kopf ein bißchen ... nein, so geht das nicht ... (rappelt sich hoch) ... geben Sie mir Ihre Hand, Renate! (kniet zwischen Sitzgruppe und Schreibtisch auf dem Boden) ... Kommen Sie ... kommen Sie hierher!

Sekretärin: Da ... auf die Auslegeware?

Chef: (zieht sich langsam zu sich herunter, beugt sich auf allen vieren über sie)

Sekretärin: (mit geschlossenen Augen) ... Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer...

Chef: (nähert seine Lippen den ihren; dabei fällt sein Blick auf etwas unter dem Schreibtisch) ... Was ist denn das?

Sekretärin: Was?

Chef: (holt ein Schriftstück unter dem Schreibtisch hervor und liest) ... Das ist ja das Schreiben von der IFAG Mannheim ... (tastet nach der Brille, setzt sie auf) ... Bitte! ... Vierhundert Arosa schlitzverstärkt mit kurzem Arm ... auf dieses Schreiben warten wir seit vierzehn Tagen ... und wo liegt es? ... unter meinem Schreibtisch!

Sekretärin: Aber ich...

Chef: Als führendes Unternehmen der Trikotagenbranche können wir uns Unkorrektheiten dieser Art nicht leisten!

Sekretärin: Karl-Heinz...

Chef: Sagen Sie nicht Karl-Heinz zu mir!

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