KIRCHEN: IN HAMBURG WERDEN VIELE NICHT MEHR GEBRAUCHT

Was wird aus Gottes Häusern?

Griechen, Russen und Afrikaner übernehmen Sakralbauten der evangelischen Kirche in Hamburg. So werden leer stehende Gebäude wieder genutzt. Aber soll Starkoch Tim Mälzer in einer Kirche ein Restaurant betreiben? Sollen Gotteshäuser zu Diskotheken, Möbellagern oder Wohnungen werden? Wie die Kirche nach lukrativen Konzepten sucht.

Kinder wuseln durcheinander, ihre hellen Stimmen füllen den hohen Raum. Eine Schulglocke läutet. Nach und nach setzen die Kleinen sich hin. Das Geplapper verstummt. Die Kinder kramen Stifte und Papier aus ihren Schulranzen und beginnen, eifrig und konzentriert zu malen. Die Zeichenblätter haben sie auf feste Unterlagen gelegt, denn Tische gibt es ich diesem Schulraum nicht. Unterrichtet wird heute am Altar der Pauluskirche in Hamm.

In das von der Nordelbischen Kirche aufgegebene Gotteshaus ist 2005 die Schule unterm Kirchturm eingezogen. Ein positives Konzept für Kirchenumnutzung, das in Hamburg Seltenheitswert hat. Nur für die Hälfte der insgesamt zehn aufgegebenen Kirchen in Hamburg existiert ein sinnvolles und lukratives Nutzungskonzept.

"Wenn jeder Hamburger einen Kirchturm in Sichtweite hat, ist für volle Gotteshäuser gesorgt." Mit diesem Leitgedanken löste Bischof Volkmar Herntrich in den 50er-Jahren einen wahren Bauboom aus. 33 Kirchen wurden nach dem Krieg in Hamburg gebaut.

Verkaufen an einen Investor?

Heutzutage stehen immer mehr Kirchen leer. Zum einen, weil es immer weniger Menschen gibt, die in die Kirche gehen. Zum anderen, weil die Religion in unserer Gesellschaft an Bedeutung verliert. Droht die Schließung einer Kirche, steht die Gemeinde vor der schwierigen Überlegung, ob das Gebäude von einer anderen Institution genutzt und dadurch erhalten werden kann. Oder ob der Verkauf an einen Investor unumgänglich ist, mit der Gefahr, dass der die Kirche abreißt, um auf dem Grundstück Wohnungen zu bauen.

Hat sich eine Gemeinde schweren Herzens zum Verkauf entschlossen, kann es durchaus vorkommen, dass der Handel vom Denkmalschutzamt verhindert wird: Immerhin sind in Hamburg 185 Kirchengebäude als schutzwürdig eingestuft. Dann muss die Kirche einen Träger finden, der nicht nur die hohen Kosten für die Unterhaltung des Sakralbaus übernehmen kann, sondern auch den Anspruch der Kirche erfüllt, das Gebäude als kulturellen und sozialen Ort zu erhalten.

Einige der aufgegebenen Hamburger Kirchen werden von ausländischen christlichen Gemeinden oder sozialen Einrichtungen genutzt. Doch für viele Gotteshäuser gibt es noch kein sinnvolles Nutzungskonzept. "Bei der Frage, wie sich Kirchen umnutzen lassen, gehen uns jetzt die Ideen aus", sagt Propst Johann Hinrich Claussen. "Viele Pläne haben sich aus finanzieller oder baulicher Hinsicht nicht realisieren lassen." Von der Idee, aufgegebene Kirchen zu Restaurants, Diskotheken oder Geschäften zu machen, hält der Propst gar nichts. "In Holland sind Kirchen zu Möbellagern, Wohnhäusern oder Kneipen geworden", gibt Claussen zu bedenken. "Viele Kinder dort wissen gar nicht mehr, welchen Sinn Kirchengebäude eigentlich haben."

Kirchen um jeden Preis zu erhalten, sei aber falsch. Bevor dort Amüsierbetriebe einzögen, sollten die Gebäude lieber abgerissen werden. "In einem solchen Fall müssten wir aber vorher mit dem Denkmalschutzamt zu einer Einigung kommen."

- Die Bethlehemkirche in Eimsbüttel ist eine von drei denkmalgeschützten Hamburger Kirchen, für die es noch kein sinnvolles Nutzungskonzept gibt. Die in den 50er-Jahren erbaute Kirche wurde 2005 entwidmet und sollte ursprünglich abgerissen werden. Nachdem das Denkmalschutzamt das Gebäude jedoch als schutzwürdig eingestuft hat, suchen Kirche und Behörde jetzt gemeinsam nach neuen Nutzungsmöglichkeiten.

- Die Bugenhagenkirche am Biedermannplatz wurde erst Ende der 90er-Jahre für sechs Millionen Mark saniert. Die 1927 erbaute Kirche wurde 2006 aufgegeben, aber nicht entwidmet. Die Kellerräume des denkmalgeschützten Gotteshauses werden von einer Theatergruppe genutzt, die Kirche sucht jedoch nach einem lukrativeren Konzept.

- Die 1912 erbaute Stephanuskirche wurde 2005 entwidmet und steht seitdem leer. Pläne von Promikoch Tim Mälzer, in dem Gotteshaus ein Restaurant zu errichten, scheiterten ebenso wie das Vorhaben eines Investors, die Kirche zum Urnenfriedhof machen. Zurzeit laufen intensive Gespräche mit dem Mütterzentrum Eimsbüttel. Bisher gibt es aber noch kein endgültiges Finanzierungskonzept.

- Die Gnadenkirche im Karolinenviertel wurde 1907 als evangelisch-lutherische Kirche erbaut. Sie ist eine von drei aufgegebenen Kirchen, die von anderen christlichen Gemeinden genutzt werden. Seit 2004 ist sie in russisch-othodoxer Hand. Da das denkmalgeschützte Gebäude weiterhin als Kirche dient, ist es nicht entwidmet worden.

Glockenturm auf dem Tieflader

- Bei der Nathanaelkirche in Horn handelt es sich um eine kleine Holzkirche in einer Schrebergartensiedlung. Das nach dem Zweiten Weltkrieg erbaute Gotteshaus wird seit 2005 von einer Gemeinde afrikanischer Christen genutzt. Der knapp zehn Meter hohe und drei Tonnen schwere Glockenturm war nach Auflösung der Gemeinde per Tieflader zur fünf Kilometer entfernten Gemeinde St.Bonifacius am Lämmersieth gebracht worden.

- Die 1965 erbaute Simeonkirche in Hamm wurde im Dezember 2006 von einer griechisch-orthodoxen Gemeinde übernommen. Der nüchterne weiße Bau aus den 1960er-Jahren ist jetzt prunkvoll ausgestattet: An den Wänden hängen wertvolle, mit Gold verzierte Ikonen. Vor dem Altar stehen prächtige Kerzenleuchter.

- Die Heiligengeistkirche wurde 1902 als erste Barmbeker Kirche gebaut. Weil ein Bombenschaden aus dem Zweiten Weltkrieg unzureichend behoben wurde, gilt die Kirche als baufällig und soll teilweise abgerissen werden. Ein Investor möchte auf dem Gelände Wohnungen bauen. Der Kirchturm soll abgerissen werden, vom Kirchenschiff aber der Ostflügel stehen bleiben. Er soll von zwei acht- und zwölfstöckigen Wohntürmen flankiert werden, die Silhouette des Gebäudeskomplexes soll an eine Kirche erinnern. Im historischen Mittelteil ist die Unterbringung einer Kita geplant. Der Bebauungsplan soll im Sommer von der Bezirksversammlung beschlossen werden.

- Die Kapernaumkirche an der Sievekingsallee stammt aus der Nachkriegszeit. Sie ist 2005 aufgegeben worden. Kirche und Grundstück wurden verkauft, der Investor möchte dort eine Kita, Seniorenwohnungen und ein Pflegeheim bauen. Das Konzept für die Nutzung des Kirchengebäudes steht: Dort sollen neben der Kita noch zwei Wohngruppen aus dem Rauhen Haus untergebracht werden. Ein Betreiber wurde nicht gefunden. Zurzeit laufen Gespräche mit einer Pflegeeinrichtung.

Wohnungen für junge Familien

- Die Rimbertkirche in Billstedt wurde 2005 entwidmet und steht seitdem leer. Das Denkmalschutzamt hat ein Verfahren, die Kirche aus den 60er-Jahren unter Schutz zu stellen, eingestellt. Pläne für den Bau einer Seniorenwohnanlage oder eines Hospizes auf dem Gelände am Sturmvogelweg wurden verworfen, bisher gibt es keine sinnvolles Nutzungskonzept. Zurzeit überlegt die Kirchengemeinde, ob sich dort ein Wohnprojekt für junge Familien realisieren lassen könnte.

- Für die 1961 erbaute Osterkirche in Langenfelde wurde ein Umnutzungskonzept gefunden: In den Räumen des 2004 entwidmeten Gotteshauses ist jetzt eine Kunstakademie untergebracht. Die Kirche war aufgegeben worden, weil für die nur 1200 Mitglieder zählende Gemeinde 500 Meter entfernt eine zweite Kirche zur Verfügung stand.

- In die Pauluskirche in Hamm ist im August 2005 eine evangelische Privatschule eingezogen, die "Schule unterm Kirchturm". Die Kooperationspartner Evangelische Schulstiftung und Stiftung Alsterdorf haben das Gemeindehaus gemietet, doch die Kirche steht auch für Konfirmandenunterricht und Schulgottesdienste zur Verfügung. Manchmal nutzen die Lehrer und Schüler den Altarraum auch für den Unterricht.

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