Hamburg Musik! Die neue Serie

"Bei Onkel Pö, da spielt 'ne Rentnerband"

Barock, Brahms und die Beatles - was die Hamburger Musikgeschichte so einzigartig macht, erzählt Abendblatt-Redakteur Joachim Mischke in seinem neuen Buch. Wir veröffentlichen Auszüge in einer vierteiligen Serie. Heute: Ein legendärer Musikschuppen in Eppendorf, der nicht nur Udo Lindenberg und Al Jarreau bekannt machte.

Wir waren so abhängig davon", erzählt Gottfried Böttger mit amüsiert nostalgischem Tonfall beim Tee auf seiner Gartenterrasse, "dass wir nachts nach einem Auftritt in Dortmund zurück nach Hamburg gefahren sind und ab fünf Uhr morgens im Pö gespielt haben. Und um sieben waren wir dann baden in der Alster. Das ging damals noch." Damals, in den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts, ging noch so einiges mehr. Der Star-Club war Geschichte, das Top Ten hatte bessere Zeiten gesehen, Beatmusik und Rock 'n' Roll waren Schnee von gestern. Wir können auch anders, sagten sich viele Musiker. Wo dieser Wille war, war bald ein Lokal zur praktischen Umsetzung vorhanden. Das Pö. Für eine Portion sympathischen Größenwahns sorgte der komplette Name: "Onkel Pös Carnegie Hall".

Das eigentliche, legendär gewordene Pö stand im damals noch nicht ganz so feinen Eppendorf, am Lehmweg 44. Das erste jedoch, gegründet von Bernd Cordua, befand sich in Pöseldorf am Mittelweg/Ecke Milchstraße. Am 21. Dezember 1969 setzte sich ein Arztsohn, der sein Abitur frisch in der Tasche hatte, im Ur-Pö an den Flügel. Das war Gottfried Böttgers 19. Geburtstag, und er kam Tag für Tag wieder. Diese Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Aus Musikerbegegnungen in Pinten wie dieser wurden eher früher als später feste Formationen. Der Oldtime-Jazz, in den Sechzigerjahren belächelt, bekam nun nicht nur im Pö, sondern auch im Cotton Club oder den Riverkasematten neuen Zulauf.

1969 war nur wenige Monate von den 68ern entfernt, aber Lichtjahre von den politischen Motivationen der protestierenden Studenten. "Eine Aufbruchstimmung war schon da", fand Böttger, "die bezog sich aber nur auf die Musik, nicht auf die Politik. Wir wollten wieder Live-Musik machen, wir wollten diese alten Grenzen durchbrechen." Böttger gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Skiffle-Rock-Kapelle Leinemann, hatte 1974 einen frühen Solo-Hit mit "Raggi Ragtime", einer Coverversion von Joplins "The Entertainer". Und er hatte noch einen weiteren Job, als Pianist in Udo Lindenbergs Panikorchester. Einige Profi-Erfahrungen hatte sich Udo in den Münchner Bands Motherhood und Passport von Klaus Doldinger sowie der Jazzrock-Formation Emergency angetrommelt, doch zur bundesweit bekannten Größe wurde er in Hamburg. Mit einer auf den ersten Blick aberwitzigen Idee: Rock, freche deutsche Texte und obendrauf eine Portion Dixie-Jazz. Wer, bitte, will so was denn hören? So viele, dass "Alles klar auf der Andrea Doria" 1973 die Hitparade stürmte. Lindenbergs Bandpianist hatte seitdem eine Arbeitsplatzbeschreibung fürs Leben weg: "Gottfried heißt der Typ da in der Ecke am Klavier / und für jede Nummer Ragtime kriegt er 'n Korn und 'n Bier." "Bei Onkel Pö, da spielt 'ne Rentnerband / seit 20 Jahren Dixieland" war die Keimzeile für einen Hamburger Musik-Mythos.

Der Hamburger Autor Christoph Twickel bezeichnete die Mischung, durch die das Phänomen Pö und damit die Hamburger Szene entstehen konnte, als "lokale, relativ intime Clique aus Musikern, B-Prominenz, Fans und Freaks". Das trifft es ganz gut. Typisch war die Stilmischung aus Jazz, Rock, Dixie, Ragtime, Skiffle, Folk, Blödel und Blues. Was nicht recht zusammenpasste, wurde (insbesondere im Pö) unter Zuhilfenahme diverser Alkoholika passend gemacht und dann mit vereinten Kräften noch schöner getrunken. Diese paar Quadratmeter zentrales Eppendorf waren für ihre Stammgäste das Gelobte Land, wo Bier und Pineau in nie versiegenden Strömen flossen. Auf Lindenbergisch: "Das war schön dirty, schön dunkel, da konnte man sich auch mal unter die Tische legen." Im rappelvollen Pö waren Standes-, Gehalts- und Altersunterschiede Nebensache.

Eröffnet hatte die In-Kneipe am 1. Oktober 1970. Doch zum angesagten Treffpunkt für alles und jeden wurde das nach Eppendorf umgesiedelte Pö durch Peter Marxen. Marxens Erfolgsrezept war, dass er keins hatte. Dafür pflegte er beste Kontakte zu Künstleragenturen und Plattenfirmen für gute Musik jedweder Art. Lindenbergs Definition ist beispielhaft für das feuchtfröhliche Durcheinander, das Marxen veranstaltete: "Das Pö war unser Zuhause, wir haben da praktisch gewohnt und oft gejammt. Einfach so, in den verrücktesten Kombinationen. Da kamen Dixieländer und Folkloristen, Heavy-Rock-'n'-Roller und Jazzer, und dann haben wir am laufenden Band Sessions gespielt. Heiße inspirable Winde, die da in Eppendorf um die Häuserecken zischten."

Diese Winde wehten dem Pö mit schöner Regelmäßigkeit die erstaunlichsten Überraschungsgäste ins Haus. An einem Abend, an dem der für frei improvisierte Eruptionen berüchtigte Pianist Joachim Kühn auftrat, brachte ein Verleger vier schwedische Gäste mit. Am Ende vergnügte man sich zu dritt an den beiden Klavieren: Kühn frei, Gottfried Böttger mit Ragtime, und einer der vier Schweden hatte ebenfalls seine Finger im Spiel. Der Firmenname der skandinavischen Gäste: ABBA. Legenden wie Dizzy Gillespie, Chet Baker oder Charles Mingus haben gespielt. Free-Jazz-Einmannkraftwerke wie Cecil Taylor waren zu erleben. Das gleiche Publikum bejubelte aber auch das aus Axel Zwingenberger, Abi Wallenstein und Jo Bohnsack bestehende Blues-und-Boogie-Dreigestirn.

Aus dem liebenswerten Stilmix der Anfangszeit war ein Trend geworden, der wuchs und wuchs und wuchs. Doch wie das eben ist mit Moden: Wenn die Schergen des Mainstreams sie in ihre gierigen Finger bekommen, ist erst Ausverkauf, dann Feierabend. Viele der großen deutschen Plattenfirmen hatten ihren Sitz noch in Hamburg. Als der Run auf das lukrative Thema "Hamburger Szene" begann, wollte jedes Label ein möglichst großes Stück vom Kuchen. Größere Sargnägel waren auch zwei Reportagen im "Stern", der die Sause vor den Eppendorfer Altbauwohnungen seiner Redakteure praktisch mitschreiben lassen konnte. Im Mai 1974 jubelte man noch, wenn auch mit leiser Skepsis, unter der Überschrift "In Hamburg sind die Nächte wieder lang". Das freundliche Miteinander unterschiedlichster Stilrichtungen nach der Devise "Spielen und spielen lassen" fand Lob: "Die Devise hieß Toleranz." Zehn Monate später sah die Sache schon ganz anders aus. Offenbar musste ein "Stern"-Fotograf seine ganze Überredungskunst aufbieten, um die Szene-Größen überhaupt für ein Gruppenbild auf einer Barkasse zu versammeln. Es war für sie wohl eher ein überladenes, sinkendes Schiff. Neulingen in dieser Szene könne es mittlerweile passieren, dass sie "nach durchzechter Nacht mit dickem Kopf und einem Schallplattenvertrag" aufwachten, hieß es im Begleittext, wobei die Frage blieb, was schmerzhafter wäre. Das "Stern"-Feature endete mit einem besorgten Seufzer. "Wenn Hamburg nicht bald aufhört, 'in' zu sein, bleibt vielleicht eines Tages wirklich nichts weiter als der wehmütige Rückblick." 1975 war dann das Jahr, in dem sich die Rentnerband, die es bis zu einer Rathaus-Audienz bei Bürgermeister Hans-Ulrich Klose gebracht hatte, auflöste.

Viele Karrieren haben im Pö einen aufmunternden Klaps auf den Rücken bekommen, eine hätte es ohne das Pö so ganz bestimmt nicht gegeben. Im März 1976 buchte Marxen für drei Tage den amerikanischen Sänger Al Jarreau. Marxen erzählte später: "Wir hatten da so 'ne Runde: Werner Burkhardt, Naura, Schmidt-Joos, da haben wir uns immer ganz zwanglos bei Siggi Loch getroffen, der war damals Chef bei der WEA. Alle sechs Wochen, alle Vierteljahr gab's Platten aus Amerika: Mal anhören, Kinners, wie findet ihr das und das, haut das hin, das in Deutschland zu veröffentlichen? Da war auch mal was von Jarreau dabei. Und Siggi meinte: 'Mensch, das wär doch was. Willst du dir den Typen nicht mal anhören?' Ich bin dann nach New York geflogen, hab mir den angehört und fand ihn ganz toll. Und Siggi Loch - haben wir oft so gemacht: 'Pass mal auf, ich zahl den Flug, das Hotel ihr, du machst die Gage, und dann ein Tag für uns, da lade ich alle Presseleute ein.'"

Am ersten Abend, so Böttger, waren etwa 60 Leute bei Jarreaus Europa-Debüt dabei, "weil nur Insider wussten, wer das war. Am zweiten Abend kamen etwa 150, es war also voll. Am dritten Tag stand über den gesamten Eppendorfer Weg eine Schlange." Böttger hatte Jarreau vom Hotel abgeholt, der angesichts dieses Paradebeispiels gut geölter Mund-zu-Mund-Propaganda völlig fassungslos war. Dann kam Jarreau auf die Idee, das Publikum in 200er-Portionen im 20-Minuten-Takt zu besingen. Ende war am Morgen um vier. Naura war so weitsichtig, einen Ü-Wagen beim NDR zu ordern. Jarreaus Karriere begann mit einem Senkrechtstart.

1978 bekam das Pö einen neuen Besitzer. Marxen zog sich aufs Land zurück und eröffnete bei Lütjenburg das "Forsthaus Hessenstein", ein nobles Restaurant. Nun ging's bergab am Lehmweg 44. Die Szene hatte sich, vom fremdinszenierten Kommerz-Rummel entnervt, in ihre Bestandteile aufgelöst und hinter die Kulissen verzogen, um in Studios zu spielen, für andere zu produzieren oder zu arrangieren. Die Stammgäste der frühen Jahre waren älter und etablierter, ihre Ansprüche wurden vom neuen Pö-Besitzer Holger Jass nicht mehr erfüllt. Nauras Umschreibung dafür: "Ein Jazzclub ist immer so gut wie der Charakter seiner Leiter. Marxen und ich, wir hatten die Einstellung: 'Lasst die doch mal spielen, was die wollen.' Und die Mädchen sollten auch nicht umsonst herumstehen, denen haben wir so manches Weinchen spendiert, bis die Augen leuchteten wie Straßenlaternen. Es gab danach keinen mehr, der so verrückt war wie wir."

Die jüngeren Gäste wanderten ab zu Pop, Deutschrock und Punk, und als auch noch die Neue Deutsche Welle übers Land schwappte, war es Zeit für die letzte Lokalrunde. Der letzte Abend des Jahres 1985 war auch der letzte Abend der Ära Pö. Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Hunderte von Fans sagten noch mal Tschüs, die Letzten wankten um acht Uhr morgens aus der Tür. Der Name des Nachfolge-Lokals "Legendär" war wenigstens eine Hommage an den Vorgänger, doch auch das war vorbei, als es von einer "Schweinske"-Filiale abgelöst wurde. Mahlzeit.


"Hamburg Musik!" von Joachim Mischke (399 Seiten) ist bei Hoffmann und Campe erschienen und kostet 22 Euro.

Nächsten Sonnabend: Georg Philipp Telemann.

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