Trash-Ikonen

Schwer angesagt

Die vermeintlich perfekten Körper der Magermodels haben in Krisenzeiten keine Konjunktur. In ist, was an schlechten Geschmack grenzt: mollig und selbstbewusst. Wie Beth Ditto.

Beth Ditto ist eine Zumutung. Die pfundige Sängerin der Punkband The Gossip wälzt schwitzend ihre Massen über die Bühne, wenn sie "Ich liebe das Wort 'fett'" ins Mikrofon röhrt. Ausgerechnet die gewichtige Amerikanerin ist jetzt fett im Modegeschäft - der neue Liebling einer Szene, die eigentlich für Hungerhaken und Bulimieopfer schwärmt. Beth Ditto (95 Kilo bei 1,55 Meter) zwingt Modedesigner, ihre Kreationen auf die Größe von Einmannzelten aufzublasen, quetscht sich bei Modeschauen neben den Fettverächter Karl Lagerfeld und lässt sich nackt für den Titel des britischen Magazins "Love" fotografieren. Ditto, die sich stolz als Lesbe bekennt, keine Körperbehaarung entfernt und außer Chanel No. 5 nie Parfum benutzt, ist der Gegenentwurf zu all den geklonten Magermodels der Laufstege.

Perfekte Körper haben in düsteren Zeiten keine Saison. Size-Zero-Models entlarven sich als Nullen. Zu schlechten Nachrichten passt eben auch schlechter Geschmack. Menschen wie Beth Ditto treiben die Trash-Kultur auf die Spitze, oder, besser gesagt: auf die Rundung.

Die üppige Rockerin ist nur das prallste Beispiel des Stilwandels. Vor der Freak-Show "Britain's Got Talent" musste sich die spätere Gewinnerin Susan Boyle, ein taillenloses hässliches Entlein, fragen lassen, ob sie zum Putzen ins Studio gekommen sei. Die dralle deutsch-rumänische Balkan-Pop-Sängerin Miss Platnum schwärmt nicht nur in ihren Songs für fettes Essen. Queen Latifah, Missy Elliott und Lily Allen haben Erfolg und scheren sich nicht um ihre Pfunde. "Heute dünn und morgen dick - das ist das weibliche Geschick", wusste schon Joachim Ringelnatz. In Krisenzeiten, heißt es, fliegen Männer auf üppige Frauen. Mal ehrlich: Wenn uns die Welt, wie wir sie kannten, um die Ohren fliegt, sind Haut und Knochen keine Stütze.

Tatsächlich ist das Schönheitsideal der schlanken Frau ein Wohlstandskind des 20. Jahrhunderts. Weder Raffaels "drei Grazien" noch die Rubensfrauen hätten bei modernen Miss-Wahlen eine Chance. Noch heute gilt in ärmeren Ländern, was jahrtausendealte Figuren mit breiten Hüften belegen: fett ist schön.

Wer nach einer erneuten Jo-Jo-Diät die Waage verflucht, mag sich am Ende in ein Tucholsky-Zitat flüchten: "Dick sein ist keine physiologische Eigenschaft, es ist eine Weltanschauung." Und schwer angesagt.